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Paradiesvogel: Lilith Whitic ist ein wandelndes Kunstwerk

Für manche ist es eine Beleidigung, für Lilith Whitic ein großes Kompliment: „Du siehst aus wie ein wunderschöner Alien“, hat mal jemand zu ihr gesagt. Und im Grunde ist es genau das, was sie sein möchte: ein Fantasiewesen, eine Eigenart, ein wandelndes Kunstwerk.

Fragt man Lilith Whitic danach, wie viele Piercings sie trägt, legt sie erst einmal ihren Kopf nachdenklich auf die Seite. Während ihre Hände von oben nach unten über ihren Körper wandern, zählt sie in Gedanken mit. Bei 26 Piercings kann man schon mal durcheinander kommen. Und es bleibt nicht nur beim Körperschmuck: Vampirzähne, eine gespaltene Zunge, eine Brust-OP – die 23-Jährige gestaltet ihr Erscheinungsbild nach ihren Vorstellungen. „Mein Körper ist mein Selbstverwirklichungsprojekt“, sagt sie.

Paradiesvögel
Menschen, die aus der Masse herausstechen
Lilith Whitic

Ihr spezielles Aussehen bringt ihr längst Modeljobs ein. Foto: Joschka Link
Ihr spezielles Aussehen bringt ihr längst Modeljobs ein.
Foto: Joschka Link

Ein Projekt, mit dem sie sogar kommerziellen Erfolg hat: Ihr spezielles Aussehen bringt ihr Modeljobs ein – und jede Menge Fans, genauer gesagt je rund 10.000 auf Facebook, Instagram und Youtube. In den sozialen Medien vermarktet sie sich selbst, postet Fotos, dreht Videos, zeigt ihren Alltag und gibt fast alles von sich preis. Fast alles – außer ihren richtigen Namen und den genauen Wohnort. Denn ihre Bekanntheit – weit über die Grenzen des Kreises Bad Kreuznach hinaus – hat auch Schattenseiten.

... und viel Aufmerksamkeit in den sozialen Medien. Foto: Ralf Oltmanns
... und viel Aufmerksamkeit in den sozialen Medien.
Foto: Ralf Oltmanns

Dass Lilith auch für Aktfotos bereitsteht, oder in Fetischklamotten abgelichtet wird, scheinen manche Männer als Einladung zu deuten, ihr anzügliche Nachrichten oder sogar Fotos zu schicken. Einmal wurde sie auch schon gestalkt. Das soll nicht mehr vorkommen. Ihr Künstlername, den sie schon seit 2013 verwendet und der mittlerweile selbst in ihren Personalausweis eingetragen ist, gibt ihr den nötigen Schutz.

Liliths Ziel: Vorurteile ausräumen

Neben aufdringlichen Fans gibt es aber auch das komplette Gegenteil: Diejenigen, die überhaupt nichts mit der 23-Jährigen zu tun haben wollen, die sie als asozial oder gar furchteinflößend ansehen. Selbst vor ihrer Schwiegermutter musste Lilith anfangs den exzentrischen Körperkult rechtfertigen: „Ich musste ihr erklären, dass ich mit ihrem Sohn nicht nachts auf Friedhöfen Tiere opfere.“ Über die sozialen Medien will sie Vorurteile ausräumen: „Ich versuche zu zeigen, dass ich ein ganz normaler Mensch bin.“

Und das funktioniert. Die meisten Menschen reagieren positiv auf Lilith, sind neugierig, sprechen sie an, wollen ein Foto mit ihr machen. Für manche ist sie sogar ein Vorbild, eine Inspirationsquelle. Auch Liliths eigenes Schönheitsideal wurde durch verschiedene Eindrücke aus dem Internet geprägt – wobei sie der Wunsch nach Veränderung schon immer prägte. Mit neun Jahren tönte sie sich zum ersten Mal die Haare. Mit der Zeit wurden die Frisuren immer extremer: lila, grün, blau-weiß oder abrasiert. Ihre Eltern, die selbst gepierct und tätowiert sind, ließen sie sich stets ausleben, unterstützen sie auch heute noch immer.

Mit 16 Jahren durfte sie sich ihr erstes Piercing stechen lassen: in die Zunge. Bis zur Volljährigkeit hatte Lilith bereits fünf Piercings im Gesicht. „Alle haben immer gesagt: Das ist eine Pubertätsphase, das geht wieder weg.“ Doch Liliths Sehnsucht nach einem – aus ihrer Sicht – optimierten Körper blieb. Mit 18 ließ sie sich die Brüste vergrößern, und das erste Tattoo kam hinzu: ein weißer Kussmund auf dem Handgelenk. Nach und nach kommt Lilith ihrem eigenen Schönheitsbild nach: Aus den Eckzähnen wurden Vampirbeißer, die Zunge gleicht der einer Schlange. Zwischenzeitlich hatte sie sogar einen Magneten im Finger, der aber wegen einer Kernspintomografie wieder raus musste. „Ich sehe noch nicht so speziell aus, wie ich gern würde“, sagt Lilith. Eine weitere Veränderung soll auf jeden Fall bald folgen: Die 23-Jährige wünscht sich Elfenohren. Dazu würde ihre Ohrfalz abgetrennt und, nachdem der Knorpel in Form geschnitten wurde, wieder angenäht werden. Der Eingriff zählt mit mindestens 2000 Euro zu den teuersten Körpermodifikationen, die es gibt.

Ein ungewöhnlicher Lebensentwurf

Schon jetzt hat Lilith insgesamt rund 8500 Euro in ihren Körper investiert. Das kann sie nicht allein durch ihre Arbeit mit den Social-Media-Kanälen finanzieren – zumal sie keine Influencerin sein will, also nicht mit Produktplatzierungen ihr Geld verdient. Lediglich die Werbung, die Youtube vor ihre Videos schaltet, bringen ihr zumindest so viel ein, dass sie davon zum Beispiel eine neue Kamera refinanzieren kann. Etwas ertragreicher sind für die Selbstständige hingegen Fotomodel- oder Laufstegengagements. Dabei organisiert sich die 23-Jährige komplett selbst – ohne Agentur. Sie will und braucht ihre Freiheiten, möchte am liebsten selbst bestimmen. Schubladen scheinen nichts für die 23-Jährige zu sein. Das spiegelt ihr Lebensentwurf wider.

„Ich tue mich schwer mit dem klassischen Arbeitsweltkonzept.“ Nach der Realschule machte sie keine Ausbildung. Momentan arbeitet sie als Teilzeitkraft im Einzelhandel. Ihr Freund, mit dem sie seit dreieinhalb Jahren zusammen ist, unterstützt sie, nimmt sie so wie sie ist. Für Lilith keine Selbstverständlichkeit.

Oft genug wurde ihr unterstellt, sie habe psychische Probleme, gar Depressionen, wolle sich hinter ihrem Körperkult verstecken. Doch Lilith sieht ihren Körper nicht als Fassade an. „Man kann sich dahinter gar nicht verstecken – das macht keinen Sinn.“ Für sie selbst fühle sich jede Veränderung natürlich an. Dass das nicht jedem gefällt, versteht sie, aber ein Grund für Intoleranz sei das noch lange nicht. „Jeder sollte einfach das tun, womit er glücklich ist.“ Désirée Thorn

Bad Kreuznach
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