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Mainz

Mainzer Polizei kämpft gegen Obstdiebstahl: Kampagne soll Bewusstsein wecken

Gisela Kirschstein

Sie räumen 30 Kilogramm Kirschen oder 50 Kilogramm Aprikosen ab, fahren mit den Autos direkt in die Plantagen und fallen über die Bäume her – Obstdiebe plündern seit einigen Wochen hemmungslos die Obstplantagen in der Umgebung von Mainz. Mit einem neuen Konzept gehen Polizei und Landwirte nun gegen den Obstklau in den Plantagen vor – und warnen: Obstdiebstahl ist kein Kavaliersdelikt.

Wo in der Region um Mainz erntereifes Obst hängt, ist die Polizei nun nicht mehr weit. Die Beamten wollen Obstdiebe auf frischer Tat ertappen. 20 Anzeigen wurden so seit Mitte Juni bereits erstellt.  Foto: Polizei Mainz
Wo in der Region um Mainz erntereifes Obst hängt, ist die Polizei nun nicht mehr weit. Die Beamten wollen Obstdiebe auf frischer Tat ertappen. 20 Anzeigen wurden so seit Mitte Juni bereits erstellt.
Foto: Polizei Mainz

„80 Kilo, 100 Kilo oder gar 120 Kilo sind keine Seltenheit“, sagt Thomas Sinner, Dienststellenleiter auf dem Mainzer Lerchenberg. Rund 20 Fälle hat die Polizei allein in den vergangenen fünf Wochen zur Anzeige gebracht. „Es geht nicht darum, den Spaziergänger zu kriminalisieren, der sich drei Kirschen abpflückt“, betont der Erste Polizeihauptkommissar, im Visier haben die Ermittler vor allem den Obstdiebstahl im großen Stil. Mal ein paar Kirschen seien zwar zu verkraften, aber jeden Tag eine Tüte, „das ist jedes Mal ein Griff ins Portemonnaie der Landwirte“, sagt Sinner.

Es war im Sommer 2017, als einem Obstbauern auf der Polizeiwache auf dem Lerchenberg der Kragen platzte: Einen Diebstahl von 50 Kilo Obst zeigte der Mann an – und schimpfte dabei gleichzeitig, dass den Landwirten niemand helfe. Bei der Polizei war das Erstaunen groß: „Uns war gar nicht klar, dass das eine Lage war“, sagt Sinner im Gespräch mit dieser Zeitung – schließlich waren im Jahr zuvor ganze drei Anzeigen wegen Obstdiebstahl eingegangen.

Aprikosen-Dieb
Auch wenn die Aprikosen noch so lecker aussehen, sie dürfen nicht einfach gepflückt und gegessen werden.
Foto: Jens Wolf/dpa-Zentralbild/dpa

Also setzte sich die Polizei mit den Landwirten zusammen, und fand heraus: „Pro Saison entsteht denen ein Schaden im niedrigen fünfstelligen Bereich“, erzählt Sinner. Auf einmal bekam das Problem Obstdiebstahl eine völlig neue Dimension, und die Polizei reagierte: Ein Konzept wurde gemeinsam mit den Landwirten erstellt. Die Landwirte meldeten der Polizei jetzt, wo erntereifes Obst hänge, dort wird nun gezielt Streife gefahren. „Wir haben die Obstplantagen kartografiert und in Sektoren eingeteilt, bestimmte Treffpunkte ausgemacht“, erklärt Sinner. „Dadurch ist es uns leichter möglich, uns zurechtzufinden und Treffer zu erzielen. In der Regel können wir die Täter noch antreffen.“

Um Tatzeiten und Tatorte besser identifizieren zu können, bat die Polizei zudem die Landwirte um mehr Anzeigen – und stellte fest, dass diesen das Verfahren zu bürokratisch war. Also wurde ein abgespecktes Formular gemeinsam mit der Staatsanwaltschaft entwickelt, ein Formular für Massenkriminalität kommt jetzt zur Anwendung. Das Ergebnis: Binnen weniger Tage stieg die Zahl der Anzeigen wegen Obstdiebstahl sprunghaft an, seit Mitte Juni erstellte die Polizei bereits 20 Strafanzeigen.

„Es geht uns darum, diejenigen zu erwischen, die über die berühmte Handvoll Obst hinweg abräumen“, betont Sinner. Es gebe nämlich ganze Gruppen, „die fahren mit ein bis zwei Pkw in die Plantagen, bringen Helfer mit und räumen im 100-Kilo-Bereich ab“, schildert Sinner die allgemeine Situation. So räumten Diebe Anfang Juli in Essenheim rund 30 Kilo Süßkirschen ab, eine weitere Gruppe aus Männern, Frauen und Kindern pflückte rund 14 Kilo Aprikosen in Mainz-Finthen – zuvor hatten sie schon 18 Kilo Kirschen in ihre Autos geladen.

Ein solcher Diebstahl habe gewerbliche Züge, sagt Sinner, was die Diebe mit dem Diebesgut genau anstellten, sei aber bislang noch unklar. Die Vermutung liege aber nahe, dass das Obst an Straßenverkaufsständen weiterverkauft werde. Dazu passt wohl auch, dass viele der Autos nicht aus Mainz kämen, hessische Kennzeichen seien schon aufgefallen. Doch auch eine andere Gruppe ärgert die Landwirte: So trafen die Polizisten vergangenen Sonntag ein Paar in den Feldern zwischen Finthen und Wackernheim, die in einer Plastiktüte und einer Tupperdose ein paar Kilo Kirschen und Pflaumen mit sich führten.

Das Paar gab an, die Früchte nur vom Boden aufgehoben zu haben – auch das sei allerdings ein Diebstahl, betont Sinner. „Die Bauern verwerten auch, was auf dem Boden liegt, und es liegt ja auch auf ihrem Grund und Boden.“ So soll mit der jetzigen Kampagne auch ein Bewusstsein dafür geweckt werden, dass auch der harmlose Spaziergänger, der sich ein bisschen Obst greift, die Bauern schädigt. Deshalb werde die Polizei auch in den kommenden Wochen wachsam bleiben und jeden Diebstahl zur Anzeige bringen, sagt Polizist Thomas Sinner: „Wir machen das, bis der letzte Apfel geerntet ist.“

Von Gisela Kirschstein
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