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    Kirn/Recife

    Hilfe aus Kirn für brasilianische Straßenkinder

    So klein ist die Welt. Der Kirner Horst Hügel engagiert sich seit Jahren in einem unabhängigen Straßenkinderprojekt in der brasilianischen Stadt Recife. „Die Gemeinschaft der kleinen Propheten“ ist ein Hilfsprojekt zur Resozialisierung von Straßenkindern im Zentrum der Großstadt. Horst Hügel war vor Kurzem wieder für zwei Wochen in Recife, der Stadt, in der auch seine Tochter Nina im Jahr 2010 sechs Monate auf freiwilliger Basis in dem Straßenkinderprojekt der CPP (Comunidade dos Pequenos Prophetas) gearbeitet hat. Hügel hatte seine Tochter, die schon in Sao Paulo als Sozialarbeiterin tätig war, dort besucht und eine nachhaltige Freundschaft mit dem dortigen Leiter des Projektes, Demetrius Demetrio, geschlossen. Dies war sein vierter Besuch in Brasilien. Aus Recife kommt auch Horst Hügels Schwiegersohn. Die bisherigen Aufenthalte waren weitaus entspannter als der diesjährige, denn momentan fehlt es an allem.

    Interessant: Demetrius Demetrio weilt derzeit in Deutschland, hält Vorträge. Vor seiner Abreise am Dienstag trifft er sich auch mit seinem Freund Horst in Kirn. Vielleicht gelingt es, über Soonwaldstiftung und Förderverein Lützelsoon eine nachhaltige Hilfe anzuschieben.

    Gekocht und getrommelt

    Das Projekt der CPP für die Ärmsten der Kinder, die Straßenkinder, gibt es seit über 30 Jahren (gegründet vom jetzigen Leiter). Die vergangenen Besuche Hort Hügels, der auch im Vorstand des Kirner Krankenhausfördervereins aktiv ist, bestanden aus einem Mitkochen und Mittrommeln und überwiegend aus Freude. Hügel (67) war in seinem aktiven Berufsleben bei der Diakonie Trommler in der Gruppe „Honey Cake“ (Honigkuchen). Diesmal jedoch war es anders und ihm selten nach Honigkuchen zumute. Es war emotional belastend, schildert Hügel seine Eindrücke. Der Kirner kocht gern mit im Klub der kochenden Männer, und natürlich kochte er auch in Recife. Im Vorfeld der Reise hatten sich die beiden Freunde Horst und Demetrius per E-Mail über die Situation vor Ort ausgetauscht. Dann reifte eine Idee, als Hügel mit Soonwaldstiftung-Vorsitzendem Herbert Wirzius über den Brasilienaufenthalt sprach, unter Freunden Geld für ein Küchenprojekt zu sammeln. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen.

    Für sechs Wochen Lebensmittel

    Was dann zunächst (wie sonst) für einmal Kochen gedacht war, reichte sogar für einen sechswöchigen Lebensmittelleinkauf. Immerhin werden im Projekt 70 bis 80 Straßenkinder betreut, die gar nichts haben. Demetrius Demetrio, der gut Deutsch spricht, bezeichnete das als ein kleines Wunder. Er kann in seinem Projekt derzeit wegen fehlender finanzieller Mittel nur noch ganz kurzfristig planen. Horst Hügel hatte bei seiner Reise auch noch Gewürze im Gepäck, die von einem hiesigen Großmarkt gespendet worden waren.

    Die bisher fließenden Zuschüsse durch die brasilianische Regierung sind gestrichen. Somit sind der Leiter und die Mitarbeiter auf Spenden aus Europa angewiesen, was mittlerweile immer schwieriger wird. Es musste Mitarbeitern gekündigt werden, und man beschränkt sich derzeit nur auf das Wesentliche für die Kinder. Beispielsweise geht's sehr abgespeckt um Schreiben- und Lesenlernen und um das Zurechtfinden im täglichen Leben. Als Erfolg wird schon gewertet, wenn man ein Kind in die Schule bringt. Spaßfaktoren wie etwa Musizieren mussten leider eingestellt werden.

    Auch Zukunftspläne werden mittlerweile keine mehr gemacht. Zu ungewiss ist der Fortbestand der „kleinen Propheten“, hat Hügel erfahren. Das Wichtigste ist das tägliche Essen für die Straßenkinder. Alles andere steht hintenan. Die kleinen Anschaffungen, die Hügel für die Küche geplant hatte, mussten der Priorität weichen. Immerhin: Es wurde einmal deutsch gekocht. Das Team um Demetrius und die Kinder hatten sich Gulasch und Kartoffeln gewünscht. Und so kamen am Kochtag statt der sonst üblichen 70 Kinder, 105 Personen zu Tisch. Hügel kochte mit Mitarbeitern und Kindern, und alle waren zufrieden. Es gab als Nachtisch Vanille- und Schokopudding. Übrig blieb nichts.

    Traurige Realität

    „Ich wäre am liebsten allein im Keller verschwunden“, kommentiert Hügel, als am Ende der Schlange traurige Erwachsene (sonst nicht üblich) standen und auch etwas abhaben wollten. Eine Frau habe sich den Rest der Salatsoße auf der Hand abgeleckt. Es wird niemand weggeschickt.

    Bei der Essensausgabe habe er unter den Kindern nur strahlende Augen gesehen. Sein Kommentar dazu: „Die sind scheinbar unerschütterlich!“ In den folgenden Tagen war Hügel mit Küchen- und Büroarbeit beschäftigt. Ins Projekt kommen bereits morgens die meisten der Kinder, um sich von der Nacht auf der Straße auszuruhen, zu duschen, zu spielen oder Abstand zur Realität zu bekommen. Hügel sagt: „Man weiß nie so genau was die letzte Nacht für viele der Kinder gebracht hat. Oft nichts Gutes. Viele sind abhängig von Drogen.“

    Wenn sie welche dabeihaben (meist ist es Klebstoff), werden sie jedoch nicht ins Haus gelassen. Traurig werden alle, wenn ein Kind nicht mehr erscheint. Dann kann es sein, dass es, wie erst kürzlich, ermordet wurde, weil es irgendjemanden gestört hat. Hügel erzählt: „Einmal wurde das Haus von jemanden aus der sogenannten Mittelschicht nachts überfallen. Alle Lebensmittel wurden zerstört.“ Das Argument: „Weil die nichts zu essen brauchen.“ Es sei niemand zur Rechenschaft gezogen worden.

    Die Armut nimmt drastisch zu

    Demetrius und seine Schützlinge sind für die herrschende Klasse Luft. Die Politik kümmert sich nicht um die steigende Zahl der Armen, sagt Hügel. Soziale Einrichtungen werden nicht mehr gefördert. Einige mussten schließen. Kriminalität und die Arbeitslosigkeit steigen ständig, Überfälle und Morde mehren sich, und Projekte für Kinder werden aufgegeben. Hügels trauriges Fazit: „Es ist nur der engagierten, aufopferungsvollen Arbeit der Mitarbeiter und ihres Chefs zu verdanken, dass es die CPP noch gibt. Derzeit weiß Demetrius oft nicht, ob er seine Mitarbeiter am Monatsende für ihre tolle, wenig anerkannte Arbeit bezahlen kann.“

    In Recife fehle es an so vielem. Die Küche ist marode, selbst das „Werkzeug“ zum Kochen. Herd und Backofen werden mit Propangas betrieben, und beide geben bald den Geist auf. Wenn es wie derzeit oft regnet, wird es im Inneren des Hauses nass. Reparaturen am und im Haus wären nötig. Gute Ideen gibt es aber immer noch. Das zeigt, dass die Mitarbeiter an sich und an Sinn des Projektes glauben.

    Durch solch eine gute Idee konnte eine Firma gewonnen werden, die eine Solaranlage auf dem Dach installiert hat. Hier erhofft sich Demetrius, dass er rund 80 Prozent der Energiekosten sparen kann. Viel Geld, mit dem er dann eventuell wieder Mitarbeiter entlohnen kann. Weiterhin hofft man auf die Wahlen 2018, einen Regierungswechsel und eine damit verbundene Politik der Vernunft. Horst Hügel sagt dazu: „Hier trifft der Wunsch voll ins Schwarze: Die Hoffnung stirbt zuletzt!“

    Den Heimflug aus Recife trat Hügel mit einem lachenden und einem weinenden Auge an. In der kurzen und sehr intensiven Zeit hat er sich sowohl mit einigen Kindern (der zehnjährige Matheo war sein ständiger Begleiter) und Mitarbeitenden angefreundet. Die Freude, wieder in der wohl behüteten Heimat bei Familie und Freunden anzukommen, war groß nach dieser nicht immer ungefährlichen Zeit. as

    Die Soonwaldstiftung „Hilfe für Kinder in Not“ ruft zu Spenden für das Kinderprojekt in Recife auf. Konto bei der Sparkasse Rhein Nahe: 101 501 00 (BLZ: 560 501 80, IBAN: DE54 5605 0180 0010 1501 00, BIC: MALADE51KRE, Kennwort: Brasilien).

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    Aktionskreis Brücke Deutschland-Brasilien hilft gegen Armut

    Der Aktionskreis Brücke Deutschland - Brasilien „Pater Beda“ leistet konkrete Unterstützung für Kinder- und Straßenkinderprojekte, Pastoral- und Sozialarbeit der Franziskaner, für Landlose und Kleinbauerngenossenschaften sowie Menschenrechtsorganisationen. Der Aktionskreis informiert über die Armut und soziale Ungerechtigkeit in Brasilien. Er finanziert sich aus Sammelaktionen (Papier, Altkleider), Spenden, öffentlichen und kirchlichen Zuschüssen.

    Der Aktionskreis ist gemeinnützig und unabhängig, sensibilisiert für die Problematik der „Einen Welt”. Der Aktionskreis Pater Beda betreut und unterstützt diese Partnerprojekte in Brasilien. Der Leiter und Initiator des Projektes „Die Gemeinschaft der Kleinen Propheten“, Demetrius Demetrio, und seine Mitarbeiterin, die Sozialarbeiterin Lucélia de Melo, sind für drei Wochen mit dem Aktionskreis Pater Beda unterwegs, um Partnergruppen zu besuchen und von der Projektarbeit zu berichten. Demetrius Demetrio wird vor seiner Abreise nach Brasilien auch seinen Freund Horst Hügel in Kirn besuchen. as

    Kirn
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