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Elf Punkte gegen Agrargasanlage: Nabu, Jäger, Winzer, Bauern und zwei Kurhäuser formieren sich zum Widerstand

Bad Sobernheim/Nußbaum – Der Widerstand gegen die zwischen Nußbaum und Bad Sobernheim geplante Agrargasanlage des Wiesbadener Investors ABO Wind wächst. Nun äußern sich Naturschutzbund Deutschland (Nabu), zwölf landwirtschaftliche Betriebe und Weingüter und die Kurhäuser Menschel und Dhonau und die Kreisjägerschaft sowie der hiesige Hegering in einer Elf-Punkte-Erklärung gegen die Anlage.

So groß wie diese bereits laufende Biogasanlage in Sachsen-Anhalt (Projektvolumen 14 Millionen Euro; Leistung zwei Megawatt) würde auch die bei Nußbaum oder Bad Sobernheim geplante Anlage der ABO Wind
So groß wie diese bereits laufende Biogasanlage in Sachsen-Anhalt (Projektvolumen 14 Millionen Euro; Leistung zwei Megawatt) würde auch die bei Nußbaum oder Bad Sobernheim geplante Anlage der ABO Wind

Bad Sobernheim/Nußbaum – Der Widerstand gegen die zwischen Nußbaum und Bad Sobernheim geplante Agrargasanlage des Wiesbadener Investors ABO Wind wächst. Nun äußern sich Naturschutzbund Deutschland (Nabu), zwölf landwirtschaftliche Betriebe und Weingüter und die Kurhäuser Menschel und Dhonau und die Kreisjägerschaft sowie der hiesige Hegering in einer Elf-Punkte-Erklärung gegen die Anlage.

Weitere Betriebe wollten die Erklärung unterzeichnen, erklärte Klaus Nieding (Meddersheim), einer der Initiatoren der Aktion und Vorsitzender der Kreisjägerschaft: „Damit gibt es zusätzlich zum Bürgerbegehren nun ein breites Bündnis von Naturschützern, Naturnutzern und touristischen Betrieben gegen die Agrargasanlage:

1. Wir sind für die Einführung, Förderung und den Ausbau der erneuerbaren Energien.

2. Wir lehnen eine Agrargasanlage im Umfeld von Bad Sobernheim ab.

3. Eine solche Anlage ist schädlich für die Umwelt und die Biodiversität. Die Energieeffizienz und die CO2-Bilanz der Anlage ist negativ. Durch den Anlieferungsverkehr werden fossile Brennstoffe in großem Stil verbrannt. Der Geflügelmist und die Gülle, die in der Anlage verarbeitet werden sollen, stammen aus regionsfernen Betrieben. Damit wird das Sobernheimer Becken und die Talweitung zum Sammelplatz dieser Stoffe aus anderen Regionen Deutschlands. Bodenbrüter, Regenwürmer, Insekten, Vogelwelt, Schalenwild et cetera leiden unter zunehmendem Maisanbau für eine solchen Anlage. Vom Herbst bis zum Wachstum im Frühjahr sind die potenziellen Anbauflächen mehr oder weniger ,Wüstungen' mit allen negativen Begleiterscheinungen.

4. Bei ordnungsgemäßer Ausbringung (!) des Gärsubstrats wird mehr Fläche gebraucht als angegeben, da aus Massentierhaltung Gülle und Geflügelmist importiert wird.

5. Es wird nicht bei den angegebenen 250 Hektar Maisanbaufläche bleiben. Mais ist der energieeffizienteste nachwachsende Rohstoff. Die von ABO Wind angegebenen 14 000 Tonnen Gräser, Getreide und Sonnenblumen sind im Umfeld Sobernheims und angesichts seiner klimatischen Bedingungen (niederschlagsarme Region) nicht zu erzeugen. Daher wird diese Menge über kurz oder lang durch Mais ersetzt. Das bedeutet eine höhere Belastung des Grundwassers durch höhere Nitrateinträge und eine Ausweitung der Negativfolgen des Maisanbaus auf die Biodiversität, das Landschaftsbild, die übrige Landwirtschaft und die Bodenverhältnisse.

6. Erweiterter Maisanbau bedeutet bei auch nur gleichbleibender Population des Schwarzwildes ein größeres Schadenspotenzial. Mais ist deckungsreich und trägt in hohem Maße pflanzliches Eiweiß in die Schwarzwildpopulation ein. Das bewirkt eine deutlich erhöhte Fruchtbarkeit des Schwarzwildes mit der Folge, dass es mehrere Frischlingswürfe pro Jahr gibt. Die Population nimmt um bis zu 400 Prozent zu. Das führt nicht nur beim Mais, sondern auch bei allen anderen Feldfrüchten zu erhöhten Schäden. Nach der Ernte werden die Schwarzwildbestände dann auch noch stärker als bisher im Wein Schäden verursachen. Da die meisten Jagdpachtverträge Deckelungsvereinbarungen beim Wildschaden, der vom Jagdpächter übernommen wird, enthalten, würde über die gesetzliche Regel die Jagdgenossenschaft und die allgemeine Gemeinschaft der Grundeigentümer den Geschädigten (vor allem dem Landwirt, der den Mais für die Agrargasanlage liefert) den Schaden zu ersetzen haben. Es gibt im Umfeld von Agrargasanlagen zahlreiche Jagdgenossenschaften, in denen die Reviere bereits heute nicht mehr verpachtbar sind (etwa am Flughafen Hahn). Der Gemeinde- und Städtebund hat in einem Workshop beim Landwirtschaftsministerium in Mainz gefordert, dass der Energiemais als Sonderkultur im Sinne des Landesjagdgesetzes eingestuft wird.

7. Eine solche Anlage bietet weder Gewerbesteuereinnahmen, noch schafft sie Arbeitsplätze in größerem Maße. Und die Insolvenzquote bei solchen Betriebsmodellen ist deutlich angestiegen. Daher ist die auch hier propagierte Bürgerbeteiligung äußerst kritisch zu sehen. Da dies nur über geschlossene Fondsmodelle läuft, bedeutet die positiv klingende Beteiligung nur eine Risikostreuung für den Betreiber. Die beteiligten Bürger sind als Mitunternehmer im Falle einer Insolvenz also mit in der Haftung.

8. Es ist zu erwarten, dass es über sogenannte Erweiterungsgenehmigungen oder über umfangreiche Betriebsgenehmigungen vor dem Start der Anlage, auf die die Kommunalpolitik keinen Einfluss mehr hat, zu einer Verarbeitung von Speiseresten, industriellen Abfällen aus der Nahrungs- und Futtermittelindustrie kommt, die von der ursprünglich dargestellten Betriebsform deutlich abweicht. Bei Lagerung und Umschlag solcher Stoffe kommt es zwangsläufig zu erheblichen Geruchsbelästigungen. Aufgrund der über 70-prozentigen Westwindrichtung wird das voll zulasten der Stadt Bad Sobernheim und den umliegenden Kurhäusern gehen.

9. Ein großes Problem solcher Anlagen sind der Oberflächenschutz der Gewässer vor auslaufenden Schadstoffen. In der Nähe der Nahe und der Bäche ist die Gefahr von Gewässerverschmutzung und Fischsterben gegeben.

10. Durch den erforderlichen Zuliefererverkehr kommt es zu einer erheblichen Belastung der Umwelt: Es sollen nach eigenen Angaben des Betreibers ABO Wind an Substrat-Input 32 000 Tonnen zuzüglich Gärreste-Verbringungen von 25 000 Tonnen, also rund 60 000 Tonnen Material bewegt werden. Das bedeutet rund 2500 Lastwagen-Ladungen und damit sieben Lkw pro Tag, also 14 Lkw-Fahrten pro Tag im Durchschnitt der 365 Tage im Jahr. Berücksichtigt man, dass im Winter eine Sperrfrist von 90 Tagen besteht und die Ernte auf 60 Tage reduziert ist, wird deutlich, dass der Lkw-Verkehr zu diesen Spitzenzeiten deutlich höher liegen wird. Zusätzlich zur damit verbundenen Belastung der Umwelt ist noch die Belastung des Wirtschafts- und Wanderwegenetzes zu sehen: Es ist für solchen Schwerlastverkehr nicht ausgelegt und muss kurzfristig umfangreich repariert werden – auf Kosten der Allgemeinheit.

11. Alle Folgen einer solchen Agrargasanlage werden die touristische Nutzung der Region negativ beeinflussen. Ob der Bad-Titel dabei noch gehalten werden kann, ist zumindest zweifelhaft – zum Schaden der hier ansässigen Weinbaubetriebe." (mz)

Bad Kreuznach
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