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Bad Sobernheim

Dieter Nentwig: Kleine Brötchen in der Welt der Jazz-Musik

Ein hessischer Bub stand im Mittelpunkt der Januar-Ausgabe der „Sobernheimer Runde".

Heimelige Atmosphäre: Musikmanager Dieter Nentwig plauderte am Mittwochabend im Kulturhaus Synagoge aus seinem Leben und aus dem Nähkästchen. Links: Moderator und Bluesmusiker Gerhard Engbarth.
Heimelige Atmosphäre: Musikmanager Dieter Nentwig plauderte am Mittwochabend im Kulturhaus Synagoge aus seinem Leben und aus dem Nähkästchen. Links: Moderator und Bluesmusiker Gerhard Engbarth.
Foto: Martin Köhler

Dieter Nentwig ist Manager und Tourneepromoter für Jazzmusik – einer der wenigen in Deutschland, wie er bedauernd feststellte.

Vorbereitet hatte den Besuch einmal mehr Gerhard Engbarth, der als Moderator nun schon zum 49. Mal den Gesprächskreis leitete. 16 Zuhörer fanden sich in der städtischen Bücherei im Kulturhaus Synagoge ein. Engbarth und Nentwig verbindet eine lange Freundschaft. Zwischen 1994 und 2002 arbeitete Engbarth als Road-Manager für Nentwigs Jazzagentur und fuhr Künstler wie Chef im Bus kreuz und quer durch Europa.

Jetzt ging sein Herzensanliegen in Erfüllung, und Dieter Nentwig besuchte die Sobernheimer Runde. Der 67-Jährige präsentierte sich als leidenschaftlicher Jazzfreund und -Förderer, kurz: als Mann vom Fach.

Geboren wurde er im westlichen Frankfurter Stadtteil Höchst, der wegen der gleichnamigen Farbwerke Hoechst AG einst weltweit bekannt war. Schon mit 15 Jahren und der Mittleren Reife in der Tasche fing er mit der Lehre als Chemielaborant an. „Ich hatte dazu weder Lust noch Ahnung", gestand er ein. Positiv sei jedoch gewesen, dass er Zugang zur umfangreichen Werksbücherei hatte und die Bücher über Kunst, Künstler und Kultur „verschlingen" konnte. Schon immer habe er andere Interessen gehabt als Gleichaltrige.

Zehn Jahre lang diente er der Chemieindustrie brav und folgsam, schüttete altes Quecksilber in den Ausguss („Der Main stank und war sowieso tot zu dieser Zeit") und tötete Kakerlaken auf der Suche nach dem perfekten Vernichtungsmittel. Zu jener Zeit tobte auf der anderen Seite des Globus der Vietnamkrieg. Als Dieter Nentwig hörte, dass dort auch massenweise Chemie zum Einsatz kam, regte sich sein Widerstand. Er schloss sich Demonstrationen gegen seinen eigenen Arbeitgeber an. In jener Zeit kam er mit der Jazz-Musik in einer Höchster Bar in Berührung. Und mit 25 Jahren machte er sich als Musik-Agent selbstständig. Das war vor 42 Jahren. Sein Erfolg als Geschäftsmann sei, stets „bescheiden" geblieben zu sein, übte er sich in angenehmen Understatement. Denn mit Jazz-Musik könne man in der Regel keine großen Hallen füllen. Kaum ein Künstler komme mal ins Fernsehen, erst recht nicht auf die Hitlisten. „Und trotzdem ist das Publikum sehr treu", stellte der Veranstaltungsmanager fest. Im Laufe seines Lebens traf er viele andere Musikpromoter. In Fritz Rau (1930 bis 2013), ebenfalls einst Gast der „Sobernheimer Runde", sieht er ein Vorbild. Doch es gebe auch Veranstalter, die „knochenhart" und „ausgebufft" sind. Er sei froh, mit diesen Geschäftspraktiken nichts zu tun haben zu müssen. Da backe er in seinem Musikzweig lieber kleine Brötchen, verteile auf der Straße Handzettel und tingele durch Gemeindehäuser auf dem Lande, statt die sündhaft teure Jahrhunderthalle zu mieten.

Dann fragte Gerhard Engbarth nach Nentwigs schönster Lebensgeschichte? Die Begegnungen mit Jazztrompeter Doc Cheatham (1905-1997) blieben ihm in guter Erinnerung. Und dann gab es just in diesem Herbst 2013 die große Reise nach China, wo man derzeit einen Jazzboom verzeichnet.

Ein kundiger Zuhörer der Sobernheimer Runde wies Nentwig darauf hin, dass Jazz die Musik der Freiheit sei. Dem stimmte dieser uneingeschränkt zu: Jazz sei eine der wenigen Musikrichtungen, zu der man noch nie in den Krieg gezogen sei. Auch habe sie dazu beigetragen, beispielsweise die Nazi-Diktatur zu überwinden.

Neun Jahre lang arbeiteten Engbarth und Nentwig zusammen, teilen daher viele Erinnerungen; etwa die, als der heutige Sobernheimer Bluesikant Nentwigs Meisterstück aus Chemielaborantentagen, einen herrlichen Holzschemel, überfuhr. Oder die Tankstellengeschichte, als der Tourbus auf der Autobahn ohne Sprit stehen blieb. Den Zuhörern gefiel der Ausflug in die Jazz-Welt Dieter Nentwigs so gut, dass man ihn nach dem Gespräch noch gut und gerne eine Viertelstunde ins „Kreuzverhör" nahm. Martin Köhler

Der nächste Gast in der Sobernheimer Runde ist Dr. Jürgen Körber, Chefarzt der Klinik Nahetal Bad Kreuznach: Mittwoch, 5. Februar, 19 Uhr, im Kulturhaus.

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