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Aus Industriezentrum wurde Naturparadies

Soonwald – Für Wanderer und kulturhistorisch Interessierte hat Forststudentin Nicole Schröder an den Glashütter Wiesen zwei große Infotafeln angebracht. Das Projekt verweist auf die Bedeutung des heutigen Naturschutzgebiets, in dem früher Glas verhüttet und verarbeitet wurde.

Forststudentin Nicole Schröder und „Wilddieb“ Theo Gohres präsentierten bei einer Exkursion die neuen Infotafeln zur Geschichte der Glashütter Wiesen. Passend dazu fand Gohres ein Stück Glas, das vor 100 Jahren hier verhüttet wurde.
Forststudentin Nicole Schröder und „Wilddieb“ Theo Gohres präsentierten bei einer Exkursion die neuen Infotafeln zur Geschichte der Glashütter Wiesen. Passend dazu fand Gohres ein Stück Glas, das vor 100 Jahren hier verhüttet wurde.
Foto: armin Seibert

Einst war's ein kleines Industriezentrum mitten im Soonwald, heute freuen sich Naturschützer und Wanderer über seltene Tiere und Pflanzen auf den ausgedehnten Wiesen am Fuße des Schanzerkopfs. Forststudentin Nicole Schröder hat jetzt zum Abschluss ihres halbjährigen Praktikums im Forstamts Soonwald zwei Schilder aufgestellt, die auf die historische Bedeutung der Glashütter Wiesen verweisen. Ein wichtiger Helfer und Ratgeber war ihr dabei der 72-jährige Theo Gohres, dessen Vorfahren noch auf den Wiesen lebten und arbeiteten. Im Rahmen einer Exkursion, bei der Nicole Schröder Forstfachleuten ein Durchforstungsprojekte im Revier vorstellte, wurden die Schilder offiziell vorgestellt.


Er hat ein Schild „Wilddieb Theo“ an seiner Windschutzscheibe angebracht: Theo Gohres macht aus der Vergangenheit seiner Familie auf den Wiesen keinen Hehl. Schon Urgroßvater Adam wurde von den Franzosen erwischt, als er Hirschwurst machte. Auch sein Großvater Anton war Bauer, Holzhauer und zwischendurch Wilddieb erzählt Theo. Sein Vater Adolf wurde noch im kleinen Häuschen auf den Wiesen geboren. Dann musste die Familie wegen Erbpachtproblemen die Stellung räumen, nach Argenthal umziehen. Später kam man in die Nähe zurück – auf den Thiergarten, wo Theo Gohres als zweitjüngstes von sieben Kindern geboren wurde. Er lernte Hochspannungsmonteur, war dann im Tief- und Straßenbau tätig – der Wilddieb ist natürlich nur ein Scherz.

Gohres könnte stundenlang Anekdoten über die Familiengeschichte erzählen. Er „fütterte“ auch Nicole Schröder mit Informationen, korrigierte die Schildertexte. Die Geschichte der Heimat seiner Vorfahren ist in Sütterlin-Schrift im Stromberger Museum aufgeschrieben – eine „Übersetzung“ hat Gohres stets bei der Hand. Da geht es um Holzpreise, Diebstahl, Wilderer in der Zeit der französischen Besetzung des Gebiets.


Wer heute als Wanderer das Naturschutzgebiet erkundet, sieht auch wieder Vieh auf den Wiesen. Die ebenfalls ursprünglich von hier stammende Familie Becker lässt ihre Rinder hier weiden, wo vor allem bei Sommertrockenheit die Grundmauern der Glasbläser-Hütten noch zu erkennen sind. Und wer sich beim Spaziergang ein wenig Zeit lässt und das Terrain an der Infotafel unter die Lupe nimmt, kann auch mit etwas Glück noch gläserne Überreste finden. Theo Gohres hob beim Ortstermin den Stiel eines Weinglases vom Boden auf. „Ich habe auch schon Buntglas gefunden. Das hatte ein Maulwurf aus seiner Höhle zutage gefördert“, erzählt er augenzwinkernd.


„Wir haben alle was gelernt“, bestätigt Forstamtsleiter Closen, der das Wiesen-Infoprojekt schon länger verfolgt und Forststudentin Schröder nahegebracht hatte. Die gebürtige Wittenerin, die an der Fachhochschule Weihenstephan studiert, beschäftigte sich indes nicht nur mit der Historie. Am Tag der Exkursion erlegte sie morgens kurzerhand noch ein Wildschwein. Hündin „Boots“ war hautnah dabei. Ja, gelernt haben alle was. Auch dass die Menschen auf den Glashütter Wiesen sehr arm und von den Launen der Natur und der hohen Herrschaften abhängig waren. Closen: „Das hat ja auch zu den Auswanderungswellen aus der Region nach Amerika geführt.“


Beim Wandertag des Oeffentlichen Anzeigers am Sonntag, 19. September, gehören geschichtliche Exkursionen zum interessanten Tagesprogramm. Bis zu den Glashütter Wiesen führen die vier ausgeschilderten Wanderstrecken zwar nicht, doch wer sich Ideen und Anregungen für die Gestaltung seiner Herbstwanderungen holen will: Die Glashütter Wiesen sind immer einen Abstecher wert. Vielleicht trifft man ja „Wilddieb“ Theo oder Nachfahren des Schinderhannes, der am Forsthaus Thiergarten einen Mord begangen hatte. Armin Seibert

Bad Kreuznach
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