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Kreis Bad Kreuznach

...6! Countdown zum Kreuznacher Jahrmarkt: Gott tummelt sich auch auf dem Rummelplatz – Schausteller-Pfarrerin im Interview

Kreis Bad Kreuznach. Die Luft ist kühl, gedämpftes Licht umspielt die hölzernen Gesichtszüge des gekreuzigten Jesus, jedes Räuspern, das die Stille durchbricht, wird von der Decke als Echo zurück in den Raum geworfen: So sieht der Arbeitsplatz Kirche für die meisten Pfarrer aus. Die Welt der evangelischen Pfarrerin Christine Beutler-Lotz hingegen ist voller Lärm, Farben und Gerüche. Die 58-Jährige gebürtige Ingelheimerin arbeitet als Schaustellerseelsorgerin und tingelt von Jahrmarkt zu Jahrmarkt – 50 im Jahr.

Statt in die Kirche lieber auf die Berg-und-Tal-Bahn: Schaustellerseelsorgerin Christine Beutler-Lotz kommt dort hin, wo ihre Schäfchen sie brauchen – auf die Kirmes. Sie stammt selbst aus einer Schaustellerfamilie.  Foto: privat
Statt in die Kirche lieber auf die Berg-und-Tal-Bahn: Schaustellerseelsorgerin Christine Beutler-Lotz kommt dort hin, wo ihre Schäfchen sie brauchen – auf die Kirmes. Sie stammt selbst aus einer Schaustellerfamilie.
Foto: privat

Sie predigt auf Kartbahnen und Autoscooteranlagen, weiht neue Fahrgeschäfte per Gottesdienst ein und tauft Kinder zwischen Zuckerwatteständen und Losbuden. Vertrautes Terrain für die Theologin, denn sie ist selbst in einer Schaustellerfamilie groß geworden. Wir haben sie zum Interview getroffen.

Frau Beutler-Lotz, waren Sie als Kind in ganz Deutschland zu Hause?

Nein, wir waren Kirchturmreisende. Das heißt, wir sind nur dorthin gefahren, von wo aus man noch seinen eigenen Kirchturm sehen konnte, ein Umkreis von 80 bis 100 Kilometern war das. Von daher konnte ich eine feste Schule besuchen. Meine Eltern hatten in Ingelheim ein Haus, und das war jeden Tag der Startpunkt, von dort ging es los auf die Kirmes. Wir hatten das Geschäft „Die Spielzeugtruhe“.

Das heißt, Sie haben gar nicht im Wohnwagen auf der Kirmes übernachtet?

Doch, in den Ferien und an den Wochenenden. Ich bin quasi auf dem Jahrmarkt zu Hause gewesen. Wenn alle Kinder montags erzählt haben, was sie für tolle Filme geguckt haben, dann konnte ich nur erzählen, dass ich wieder auf der Kerb war. Das war natürlich nicht ganz so spannend wie Daktari und sonstige Sonntagsfilme. Aber so war das eben. Erst im Winter konnte ich die ganzen Sendungen dann nachgucken. Aber irgendwann hab ich meine Mitschüler nicht mehr beneidet, weil die sonntags immer mit ihren Eltern spazieren gehen mussten. Aber es ist schon ein wenig anders, weil man nicht so viel mit seinen Schulkameraden zusammen sein kann, da man immer auf den Festplätzen ist. Die Freunde hatte man dort. Man wusste immer ganz genau, welche Leute man an welchen Orten treffen würde. Das Kriterium ist nicht die Stadt, sondern: Wen treffe ich da? Manche Feste waren sehr attraktiv, weil ich da viele zum Spielen hatte, und andere waren weniger attraktiv, weil dort nur ältere Leute waren.

Noch 6 Tage

bis zum Kreuznacher Jahrmarkt

Ist Ihre Familie noch im Geschäft?

Meine Mutter reist noch mit einem Losstand. Sie ist jetzt 79.

Eine rüstige Rentnerin, wie man so schön sagt.

Ja, das hält agil. Sie müsste es schon lang nicht mehr machen, aber über den Ruhestand hinaus Kontakt zu Menschen und ein Ziel zu haben, das bieten nicht viele Berufe. Von daher macht ihr das einen Riesenspaß. Ich koordiniere im Hintergrund, und von meinen drei Jungs ist immer einer da, der einspringt. Sonst ginge das nicht, mit dem Transport und allem. Schausteller zu sein ist nicht einfach.

Woher kam denn der Wunsch, Seelsorgerin zu werden? Sie hätten ja auch das Geschäft Ihrer Eltern weiterführen können.

Die Bedingung meiner Eltern war, dass ich einen Beruf lerne, damit ich auf zwei Beinen stehe. Bei anderen Unternehmen ist es manchmal so, dass die Kinder das Geschäft direkt übernehmen, aber ich hatte das Glück, dass ich wählen durfte. Und dann habe ich angefangen, in Darmstadt zu studieren: Gemeindepädagogik. Das fand ich ganz reizvoll, weil ich in unserer Gemeinde gut Fuß gefasst hatte und nach der Konfirmation zum Beispiel Kindergottesdienste gehalten habe. Unsere Mutter hat uns immer dazu angehalten. Ich wurde Kirchenvorsteherin, bekam mehr Verantwortung, und da habe ich gemerkt: „Das ist ein schöner Beruf.“ Im Studium hab ich dann ein Praktikum bei bei dem bis dato einzigen Schaustellerseelsorger Deutschlands gemacht. Ich wollte aber ein bisschen mehr machen und eine richtige Gemeinde bilden. Im Praktikum bin ich dann sechs Wochen lang deutschlandweit gereist, mit so nem ganz kleinen Fiatbus und hab eine Art Kindergarten für die Schaustellerkinder angeboten. Nach dem Examen hab ich dann noch Theologie studiert, geheiratet und meine drei Söhne bekommen. 1995 wurde ich ordiniert.

Sind Sie nur im Frühjahr und Sommer unterwegs?

Nein, das ganze Jahr. Ich bin auf 50 Volksfesten, davon 14 Weihnachtsmärkte. Das ist sehr stramm.

Was sind denn Ihre Aufgaben?

Taufen, Trauungen, Beerdigungen, Geschäftseinweihungen, Gottesdienste auf dem Festplatz. Außerdem versuche ich, eine kontinuierliche Lebensbegleitung für die Schausteller zu leisten – von der Geburt bis zum Tod. Ich versuche, an allen möglichst nah dran zu sein. Dafür mache ich ganz viele Besuche, gehe von Geschäft zu Geschäft und rede mit jedem, der da ist. Die vielen Menschen, die ich erreiche, die erreichen viele Gemeindepfarrer nicht. Das ist nicht so, dass die Pfarrerin kommt, und alles duckt sich weg. Da ich die allermeisten der jungen Leute von klein auf kenne, ist da noch mal eine andere Verbindung. Ich komme nicht als Pfarrerin bei denen rüber, ich bin überall nur die Christine. Das ist auf der Reise so üblich, dass man sich mit Vornamen anspricht.

Mit welchen Sorgen wenden sich die Schausteller an Sie?

Es sind die Sachen, die einen immer und ständig bewegen. Alles was Menschen im Miteinander betrifft. Knatsch mit dem Mann, man kommt mit dem Kind nicht klar, Patientenverfügung, solche Sachen eben. Da Wohnwagenwände sehr dünn sind und auf so einem Platz nichts geheim bleibt, ist es für die Reisenden umso wichtiger, dass sie mit jemandem sprechen können, der Schweigepflicht hat. Man kann mir was sagen, und dann weiß jeder: Das geht nirgendwo hin. Das gibt es auf dem Festplatz sonst gar nicht. Das war schon so, als es noch keine Handys gab: Wenn hier was passierte, wusste man es auch direkt in Hamburg. Und heute mit Facebook und WhatsApp geht's ja noch schneller.

Wie halten Sie den Kontakt aufrecht?

Es läuft sehr viel über soziale Medien. Bei Facebook habe ich 2500 Gemeindemitglieder, allein 1500 in der Gruppe „Fahrende Kirche“. Bei WhatsApp habe ich 700 Kontakte. Die haben mich direkt am Rohr und nutzen das auch. Die rufen mich direkt an, wenn irgendetwas ist. Viele andere Pfarrer haben gegen Facebook Vorbehalte, aber ich will da sein, wo meine Gemeinde ist. Ich bin direkt auf dem Laufenden, wenn sich jemand getrennt hat oder jemand im Sterben liegt. Und dann telefonieren oder schreiben wir.

Gibt es auf dem Jahrmarkt denn so etwas wie ein Kirchenzelt?

Nein. Gott ist da zu Hause, wo wir sind.

Das klingt so, als wären fast alle Schausteller sehr gläubig.

Das ist richtig. Wer immer unterwegs ist, braucht Kontinuität und auch Gott, etwas, das erdet. Aber der Glaube bewegt uns alle, egal ob man religiös oder Atheist ist. Wir alle wollen wissen, wo wir herkommen und wo wir hingehen.

Das Gespräch führte Silke Bauer

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