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Nassau/Oberwies

Zugvögel überqueren Nassauer Land: Viel Flugverkehr (fast) ohne Lärm

Carlo Rosenkranz

Am Himmel über Oberwies ist eine Menge los. Fluglärm gibt es nicht, doch es herrscht viel Bewegung. Etwa 6000 Vögel in gerade einmal drei Stunden an einem Vormittag haben Ursula und Manfred Braun gezählt. Die Naturschutzexperten aus Nassau haben den kleinen Ort im Südwesten der Verbandsgemeinde als neuen Standort für ihre Zugvogelzählung auserkoren.

Auf einmal geht es Schlag auf Schlag: Am vergangenen Freitag haben Ursula und Manfred Braun zwischen 15.45 und 17.25 Uhr 3429 Kraniche auf dem Weg zum Lac du Der in Lothringen, dem zentralen Rastplatz der Zugvögel, gezählt. Vermutlich kamen die Tiere vom Sammelplatz Linum/Havelluch nördlich von Berlin. Foto: Anne Neidhöfer
Auf einmal geht es Schlag auf Schlag: Am vergangenen Freitag haben Ursula und Manfred Braun zwischen 15.45 und 17.25 Uhr 3429 Kraniche auf dem Weg zum Lac du Der in Lothringen, dem zentralen Rastplatz der Zugvögel, gezählt. Vermutlich kamen die Tiere vom Sammelplatz Linum/Havelluch nördlich von Berlin.
Foto: Anne Neidhöfer

In den vergangenen Jahren waren sie meist in Hömberg aktiv, doch auch von Attenhausen, Gemmerich und Singhofen aus hielten sie schon Ausschau nach Vögeln, die in wärmere Gefilde ziehen. Der neue Standort hat Vorteile. „Die Sicht ist gigantisch“, sagt Manfred Braun. „Man kann dort besser zählen, weil die Vögel flach rüberfliegen.“

Drei Stunden auf der Lauer

Seit 40 Jahren zählt das Ehepaar Braun Zugvögel und trägt mit seinen Beobachtungen zu einer Datenbasis bei, die auch langfristige Entwicklungen erkennbar macht. Sie bilden an den Lahnhöhen einen von vier Beobachtungsposten in Rheinland-Pfalz. Andere Vogelkundler sind im Hohen Westerwald und in Rheinhessen sowie weniger regelmäßig in der Eifel aktiv. Für diese ehrenamtliche Arbeit muss man über sehr gute ornithologische Kenntnisse verfügen, um die Arten sicher bestimmen zu können. Viel Zeit hat man dafür nicht. „Die Vögel kommen und sind auch schnell wieder weg“, sagt Braun. „Man muss ihren Ruf und ihr Aussehen ganz genau kennen.“ Aber auch alte Hasen mit viel Erfahrung stoßen gelegentlich an ihre Grenzen. „Man lernt nie aus“, gesteht Manfred Braun ein. Außerdem bedarf es einer großen Portion Motivation für diese Arbeit. „Manche finden es langweilig, drei Stunden lang an einem Fleck zu stehen“, sagt er schmunzelnd.

Von Oberwies aus haben die Brauns einen guten Blick in Richtung Nordost bis zum Feldberg im Taunus. Aus dieser Richtung kommen in der Regel die Zugvogelschwärme. Der Korridor, der sich beobachten lässt, ist zwei bis drei Kilometer breit, größere Vögel lassen sich in einem Bereich von 15 bis 20 Kilometern sicher bestimmen. Von Juli bis Ende November sind sie mit ihren Ferngläsern regelmäßig im Einsatz und führen Buch. Die Ergebnisse pflegen sie in eine Datenbank ein, die Ergebnisse sind im Internet unter www.ornitho.de abrufbar.

Die in der Bevölkerung wohl bekanntesten Zugvögel sind die Kraniche, die schon durch ihre Größe und die markanten Rufe auch dem Laien am Himmel auffallen. Am 19. Oktober zog die erste große Gruppe dieser Vögel vor allem über Hessen, aber auch über Teile von Rheinland-Pfalz. „Unsere Region liegt in der Hauptzugroute“, erklären die Fachleute aus Bergnassau-Scheuern. Man habe schon einige Schwärme beobachten können, doch der Höhepunkt des Kranichzugs stehe noch bevor. Erst wenn es im Osten Europas richtig kalt wird, komme Bewegung in die Kraniche. Dann seien sie nach dem Start von ihren Rastplätzen in Nordostdeutschland auf dem Weg zu ihren Sammelplätzen in Frankreich meist zwischen 14 und 19 Uhr über dem Nassauer Land zu sehen. Mit Freude erinnert sich Ursula Braun an den Herbst 2016, als über Holzhausen rund 2000 Kraniche auf einmal am Himmel zu sehen waren. „Das ist selten“, sagt die langjährige Geschäftsführerin des Naturparks Nassau.

Weniger bekannt ist, dass auch Buchfinken, Feldlerchen, Ringeltauben und viele andere Vögel im Herbst kalte Regionen verlassen. „Skandinavien wird vor dem Winter von Vögeln praktisch geräumt“, sagt Manfred Braun, der viele Jahre Vorsitzender der Gesellschaft für Naturschutz und Ornithologie Rheinland-Pfalz war. Ringeltauben beispielsweise seien in Schwärmen mit bis zu 400 Tieren unterwegs nach Südfrankreich oder Spanien. „Die können beispielsweise aus Helsinki kommen.“ Stare, Buchfinken und Ringeltauben in unserer Region blieben hingegen ganzjährig hier. „Unsere Winter sind so mild“, erklärt Ursula Braun.

Nistkästen geben Aufschluss

Von den einzelnen Beobachtungen an einem Standort lässt sich keine generelle Aussage über die Entwicklung des Bestands der ein oder anderen Art ableiten. „Es hängt davon ab, wie oft wir zählen und wie die Sicht ist“, erläutert Ursula Braun. Einen guten Aufschluss über die in der Region heimischen Vögel bietet zum Beispiel die alljährliche Reinigung der zahlreichen Brutkästen, die auf dem Heidchen, im Freiherr-vom-Stein-Park und an zahlreichen anderen Standorten in und um Nassau zu finden sind. Diese werden vom Ehepaar Braun jedes Jahr im Herbst gereinigt und wo nötig instand gesetzt. Für die 25 Kästen auf dem Heidchen steht fest: Der Bruterfolg war 2017 gut, alle Kästen waren besetzt. Blau- und Kohlmeisen beispielsweise haben in diesem Jahr viel Nachwuchs herangezogen. Auch Schwalben und Mauersegler zogen eine erkleckliche Anzahl von Jungen groß. „In unserer Region ist die Landschaft weitgehend noch intakter als anderswo“, nennen die Brauns einen wichtigen Grund für den weithin stabilen Bestand. Auch der Schwarzstorch, der als Indikator für störungsarme, altholzreiche Waldökosysteme gilt, brütet im Norden von Rheinland-Pfalz zahlreicher als früher.

Rückgänge beobachten die beiden erfahrenen Naturexperten aus Nassau jedoch beispielsweise beim Gartenrotschwanz, der Turteltaube sowie bei Grau- und Trauerschnäpper. Dafür sei nicht allein der viel zitierte Rückgang von Insekten verantwortlich. Da die Vögel als Langstreckenzieher Tausende von Kilometern überwinden, um südlich der Sahara zu überwintern, spielt auch der natürliche Lebensraum in Afrika eine gewichtige Rolle. „Dort verändert sich vieles zum Negativen“, meint Manfred Braun.

Von unserem Redakteur Carlo Rosenkranz

Weniger Blüten, weniger Schmetterlinge

Die Zahl der Insekten im Allgemeinen geht bekanntermaßen zurück. Aber auch die Schmetterlinge sind auf dem Rückzug. „Es fällt auf, dass es weniger werden und die Vielfalt abnimmt“, sagt Ursula Braun.

2016 habe es kaum Schmetterlinge gegeben, 2017 habe sich der Bestand immerhin ein wenig erholt. Nach Ansicht der ehemaligen Geschäftsführerin des Naturparks Nassau ist dafür zum Teil die intensive Bewirtschaftung von Wiesenflächen verantwortlich. „Auch bei uns in der Region sind auf den Wiesen nicht mehr so viele Blüten zu finden wie früher“, sagt sie. Wenn die Flächen bis zu fünf Mal im Jahr gemäht werden, könne zum Beispiel kein Klee zur Blüte kommen. Somit fehle Nektar als Nahrung und geeignete Pflanzen, von denen sich die Raupen ernähren können. „Die Silagewirtschaft ist der Tod jeder Blütenpflanze“, lautet Manfred Brauns Fazit. crz

Beispiel für eine Zählung

Manfred Braun listet akribisch auf, welche Vögel er beobachtet. Beispielhaft ist an dieser Stelle ein Zählergebnis vom Montag, 30. Oktober, 7.15 bis 10.15 Uhr, am Standort Oberwies hier wiedergegeben. Die Rahmendaten: bewölkt, kaum sonnig, Nordwind Stärke 2, mäßige Fernsicht, kalt bei Temperaturen von 3,5 bis 4,4 Grad.

  • Buchfink 1212
  • Ringeltaube 829
  • Feldlerche 304
  • Rotdrossel 292
  • Star 256
  • Wacholderdrossel 139
  • Bergfink 97
  • Hänfling 86
  • Kormoran 25
  • Stieglitz 10
  • Kernbeißer 10
  • Misteldrossel 9
  • Wiesenpieper7
  • Heidelerche 6
  • Hohltaube 4
  • Rohrammer 4
  • Erlenzeisig 4
  • Rabenkrähe 3
  • Dompfaff 3
  • Rotmilan 3
  • Sperber 2
  • Fichtenkreuzschnabel 1
  • Dohle 1
  • Spornammer 1
  • Alpenstrandläufer 1
  • Saatkrähe 1
  • Turmfalke 1
  •  

    Summe Exemplare: 3281

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