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Strüth

Umwelttag in Strüth: Energierevolution statt Energiewende?

Das dürfte selbst einem geübten Redner wie ihm nicht alle Tage passieren: dass sich seine Zuhörer, über den üblichen Applaus hinaus, regelrecht von den Sitzen reißen lassen und ihre Begeisterung mit stehenden Ovationen kundtun. So geschehen beim Umwelttag in Strüth, wo Prof. Dr. Volker Quaschning von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin über das Thema „Herausforderungen der Energiewende – Funktion, Sektorkopplung und Zukunftsperspektiven“ sprach. Was allenfalls im ersten Moment eine akademisch abgehobene Vorlesung befürchten ließ, sich spätestens ab dem zweiten aber als äußerst lebendige Angelegenheit erwies. Denn Volker Quaschnings Vortrag war ebenso von Fakten- und Detailreichtum wie von hoher Anschaulichkeit, gleichermaßen von der sachlich-objektiven Perspektive des Wissenschaftlers wie der leidenschaftlichen Überzeugungskraft des Energie- und Klimaschutzexperten geprägt.

Ortsbürgermeister Heiko Koch an der neuen E-Ladesäule.  Foto: Bletzer
Ortsbürgermeister Heiko Koch an der neuen E-Ladesäule.
Foto: Bletzer

Dass die Durchschnittstemperatur auf der Erde zwischen der letzten Eiszeit vor 20 000 Jahren und dem Jahr 1900 um 3,5 Grad Celsius, im vergleichsweise kurzen Zeitraum seit 1900 dagegen um ein Grad Celsius und damit im Verhältnis gesehen extrem stark gestiegen ist, entbehre jeder natürlichen Erklärung, so der Wissenschaftler, der die Folgen der Erderwärmung unter anderem so beschrieb: „In diesem Jahr war zum ersten Mal in der Arktis ein Polarschiff unterwegs, ohne dass ein Eisbrecher ihm den Weg bahnen musste.“ Steigende Meeresspiegel als unausweichliche Folge schmelzender Gletscher bringen die Wasserverteilung aus dem Lot und bedrohen die Nahrungsmittelversorgung – kurzum: machen den Klimawandel bereits heute zur Fluchtursache Nummer eins, wie Quaschning betonte: „2016 gab es doppelt so viele Klima- wie Kriegsflüchtlinge, nämlich 23,5 Millionen.“ Wer die Flüchtlingszahlen reduzieren wolle, müsse das Klima schützen, anstatt Mauern zu bauen, so die Überzeugung des Berliner Wissenschaftlers. Und zwar nicht erst morgen, sondern am besten vorgestern: „Unsere Generation ist die letzte, die das Schlimmste noch abwenden kann.“ Den Temperaturanstieg, der, wenn er sich ungebremst fortsetzt, im Jahr 2100 fünf Grad Celsius beträgt, gelte es durch Senkung des Kohlendioxidausstoßes auf 1,5 Grad zu begrenzen, sagte Quaschning.

Bis 2040 eine Energieversorgung aufbauen, die zu 100 Prozent ohne fossile Brennstoffe auskommt, und den Kohlendioxidausstoß auf diese Weise auf null zurückfahren, lautet Quaschnings Devise, in dessen Augen statt einer „lauen Energiewende“ eine „Energierevolution“ her muss. Entscheidend sei, die Raumwärme- und Warmwasserversorgung künftig mit Solar- und Windenergie statt mit Öl- und Gasheizungen abzudecken. Und was den Straßenverkehr betrifft, der die Umwelt allein in Deutschland mit jährlich 160.000 000 Tonnen Kohlendioxid belastet: Hier forderte Quaschning unter anderem Fahrverbote, einen Stopp von Neuzulassungen bei den Benzin- und Dieselfahrzeugen ab 2025 und eine Erhöhung der Elektroautoquote. „Deutschland klimaneutral zu machen, ist nur mit einer Verdopplung des Stromverbrauchs möglich“, verdeutlichte er und fügte hinzu. „Den Bedarf müssen wir mit regenerativen Energien decken.“

Mit der aktuellen Energiepolitik der Bundesregierung seien diese Ziele nicht erreichbar, unter anderem, weil sie an der Kohleförderung festhalte, kritisierte Volker Quaschning: „Wir brauchen aber einen Kohleausstieg bis 2030.“ Auch die Opposition habe kein schlüssiges Klimaschutzkonzept. Was also tun? Die Bürger müssten die Energiewende selbst in die Hand nehmen und den Klimaschutz zum wahlentscheidenden Thema machen, forderte der Redner zur Eigeninitiative auf. „Wir haben einen Planeten zu retten. Stehen Sie auf, und machen Sie’s!“, so sein plakativer Schlussappell.

Viel Stoff zum Nachdenken also. Stoff, zu dem auch die anderen Referenten beitrugen. Etwa Landrat Frank Puchtler, der es bezeichnend nannte, dass eine Veranstaltung wie diese nicht in einer großen Metropole, sondern in einer 300-Seelen-Gemeinde wie Strüth stattfinde. Damit es für die Haushalte im ländlichen Raum wirtschaftlich möglich sei, die Klimaschutzziele umzusetzen, seien sie jedoch auf Unterstützung aus Mainz und Berlin angewiesen. Dr. Thomas Griese, Staatssekretär im Umweltministerium, wiederum warb für das Klimaschutzkonzept der Landesregierung. So erzeuge man mittlerweile 45 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien, was eine Verzehnfachung gegenüber dem Stand von vor fünf oder sechs Jahren bedeute. Bei der Wärmewende gebe es dagegen noch Nachholbedarf, räumte der Landespolitiker ein: „Es existieren aber etliche Erfolg versprechende Projekte wie beispielsweise das, mehr Nahwärmenetze für Bioenergie zu schaffen.“ In Strüth mit seinem Carsharing-Projekt besonders im Fokus: die Elektromobilität. In absehbarer Zeit könne man, einen entsprechenden Speicher vorausgesetzt, an der häuslichen Solaranlage tanken, zeigte sich Griese zuversichtlich und fügte hinzu: „Ich denke, dass die Elektromobilität im ländlichen Raum auch deshalb eine Zukunft hat, weil sie günstiger ist.“ So koste ein Dieselauto pro 100 Kilometer 5,50 bis 6, ein Elektroauto dagegen nur 3 Euro.

Kein Wunder, dass die rund 200 Besucher bei der abschließenden Gesprächsrunde mit Thomas Schwab (Vorstand Energiegenossenschaft Oberes Mühlbachtal), Frank Puchtler, Thomas Griese, Frank Repovs (Rabenkopf BürgerEnergie eG) und Volker Quaschning eine Menge Fragen, Kommentare und Ergänzungen loswurden. Regen Zuspruch fanden auch die Infostände rund um das Thema Nachhaltigkeit im und die kleine, feine Elektrofahrzeug-Ausstellung vor dem Bürgerhaus. Der radlose Star des Tages: die E-Ladesäule, die quasi in letzter Minute geliefert wurde, aber pünktlich zum Umwelttag an den Start ging.

Von unserer Mitarbeiterin Ulrike Bletzer

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