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    Kaub/Lorch

    Treppenwitz am Mittelrhein vor fast 100 Jahren: Der Freistaat Flaschenhals hat bald Geburtstag

    Der Freistaat Flaschenhals am Mittelrhein war ein Treppenwitz der Geschichte. Eine rührige Initiative hält das Gedenken daran wach und rüstet sich zum 100. Geburtstag. Jetzt will ein großer Verlag dazu auch noch einen Comic herausbringen.

    Peter Josef Bahles, Präsident und Mitbegründer der Freistaat-Flaschenhals-Initiative in Kaub hat einen „Reisepass“ des Freistaates Flaschenhals in der Hand. Nach dem Ersten Weltkrieg war dieses kleine Gebiet von 1919 bis 1923 unbesetzt geblieben.  Foto: Frank Rumpenhorst
    Peter Josef Bahles, Präsident und Mitbegründer der Freistaat-Flaschenhals-Initiative in Kaub hat einen „Reisepass“ des Freistaates Flaschenhals in der Hand. Nach dem Ersten Weltkrieg war dieses kleine Gebiet von 1919 bis 1923 unbesetzt geblieben.
    Foto: Frank Rumpenhorst

    Das Staatsgebiet war an manchen Stellen nur einige Hundert Meter breit. So seltsam sah das Gebilde auf der Landkarte aus, dass seine ungewöhnliche Form dafür auch den Namen lieferte: „Freistaat Flaschenhals“ hieß das kleine Territorium im Rheingau bei Lorch und Kaub – an der heutigen Grenze zwischen Hessen und Rheinland-Pfalz. Nach dem Ersten Weltkrieg, als die Alliierten beide Rheinufer besetzten, brachte es der Freistaat immerhin auf eine Lebensdauer von gut vier Jahren. Die Geschichte vom Widerstand der „Flaschenhälsler“ inmitten des „Feindeslandes“ hält eine Initiative im Rheingau seit gut 20 Jahren wach.

    Sie hat auch vor Kaub und Lorch Freistaatsschilder postiert und bereitet sich jetzt auf den 100. Geburtstag der Ex-Republik im kommenden Jahr vor. „Wir werden etwas machen“, sagt der Präsident der Initiative, Peter Josef Bahles. Was genau, will der 77-Jährige noch nicht verraten. Alles begann am 11. November 1918, als das Deutsche Reich nach der Niederlage mit den alliierten Siegermächten ein Waffenstillstandsabkommen unterzeichnete. Danach besetzten französische und amerikanische Truppen nicht nur das linke, sondern auch das rechte Rheinufer zwischen Koblenz und Wiesbaden. Dort sollte eine Wiederaufrüstung Deutschlands verhindert werden.

    Grenzen mit dem Zirkel gezogen

    Ein Schild macht in Kaub auf den Freistaat Flaschenhals aufmerksam.
    Ein Schild macht in Kaub auf den Freistaat Flaschenhals aufmerksam.
    Foto: dpa

    Mit dem Zirkel wurde deshalb am grünen Tisch ein 30 Kilometer breiter Halbkreis um drei wichtige Städte am Rhein gezogen. In Köln waren die Briten, in Koblenz hatten die Amerikaner das Sagen, in Mainz die Franzosen. Bei der Grenzziehung blieb dann wundersamerweise ein kleiner Streifen bei Kaub und Lorch übrig, der in den Taunus bis Laufenselden nahe Limburg wie der Hals einer Weinflasche hineinragte.

    Knapp 9000 Menschen lebten auf dem Fleckchen Erde, das eigentlich offiziell weiterhin zu Preußen gehörte. Doch die Einwohner riefen unter der Leitung des Lorcher Bürgermeisters Edmund Pnischeck dann ihren eigenen Freistaat aus. Auch aus der Not heraus, weil die von den Alliierten abgeriegelte Zone total isoliert war.

    Der Schwarzhandel blühte

    Daher blühte im Flaschenhals auch der Schwarzhandel. Kaub war damals für die Rheinschifffahrt ein bedeutender Ort. Die Schiffe brachten Mehl, Zucker und andere Lebensmittel. Im Gegenzug nahmen die Besatzungen Wein und Schnaps mit. Vom Flaschenhals wurden dann die Waren mühsam durch den Taunus auf Waldwegen nach Limburg gekarrt. Die Stadt war für den Freistaat der Brückenkopf ins restliche Deutschland. Von dort aus kamen auch andere Vorräte. Die Franzosen hätten dem eigenständigen Gebiet gern ein Ende bereitet. Doch das wollten wiederum die Amerikaner nicht.

    Im Flaschenhals gab man sich derweil aufmüpfig. Eine der Anekdoten: Während die Franzosen das Rheinufer bei Lorch und Kaub mit kräftigen Strahlern etwa nach Schmugglern ableuchteten, zogen die einheimischen Jungen aus Protest die Hosen runter und zeigten den Franzosen den blanken Hintern. Wie überall in Deutschland gab man damals auch im Flaschenhals sein eigenes Notgeld heraus – heute ein begehrtes Sammlerobjekt. „Nirgends ist es schöner als in dem Freistaat Flaschenhals“, steht darauf. Davon ist auch die Initiative überzeugt, die sich 1994 gründete. Dazu gehören auch mehrere Weinbaubetriebe, die dabei kreativ vorgehen: Sie haben einen täuschend echten Reisepass für den Freistaat aufgelegt – Auflage 3500. Wer ihn für 55 Euro kauft, der darf sich auf ein Menü und sonstige Vergünstigungen freuen.

    Nicht nur ein Tourismus-Gag

    Es ist aber nicht nur ein Tourismus-Gag, sondern auch ein Kampf gegen das Vergessen von Regionalgeschichte. Mit der Besetzung des Rheinlands durch Frankreich endete die Zeit des Freistaats im Februar 1923. Die Zeitzeugen der damaligen Ereignisse sind inzwischen tot. „Gerade die jungen Leute wissen nichts mehr über den Freistaat“, beklagt Bahles. An der Schule werden sie nicht informiert. Die gibt es nämlich in der Stadt Kaub nicht mehr, das von einst fast 3000 Einwohner auf 800 geschrumpft ist.

    Verlag will Comic herausbringen

    Vielleicht wird die kleine Republik im kommenden Jahr doch noch „cool“: Der auf Comics spezialisierte Carlsen Verlag aus Hamburg bringt einen illustrierten Roman („Graphic Novel“) zum Freistaat Flaschenhals heraus. Eine an Asterix erinnernde „Wahnsinnsgeschichte“, findet Carlsen-Programmchef Klaus Schikowski.

    Das Buch werde aber die Idee des Freistaats nicht glorifizieren, sagt er unter Hinweis auf die aktuelle Debatte um die „Reichsbürger“. Mit denen wiederum will Flaschenhals-Präsident Bahles auch nichts zu tun haben. Eines lehrt ihn die Geschichte des Freistaats aber schon: „Gegenüber der Verwaltung ist immer auch Skepsis angebracht.“

    Die wichtigsten Daten

    Der Freistaat Flaschenhals bestand nur gut vier Jahre. Einige wichtige Daten: 

    • November 1918: Der Freistaat, der eigentlich zu Preußen gehört, entsteht nach Ende des Ersten Weltkriegs zwischen den von den Alliierten besetzten Gebieten am rechten Rheinufer. Hauptorte sind die kleinen Städte Kaub und Lorch.
    • 1920: Das Kleingeld wird knapp, es wird Notgeld gedruckt. Ein Maler aus Kaub gestaltet die Scheine.
    • Februar 1923: Die Franzosen besetzen Kaub und Lorch - was das Ende für den Freistaat bedeutet.
    Von Thomas Maier

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