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Lahnstein

Sommergespräch: Lahnsteiner Sportbosse über Ehrenamt, Hallen und Eltern

Ob Turnen, Handball, Leichtathletik, Basketball, Rhönrad, Volleyball oder Fußball – Sport im Verein spielt eine wichtige Rolle in Lahnstein.

Trafen sich für das RLZ-Sommergespräch in einem gemütlichen Café in der Burgstraße (von links): Redakteur Tobias Lui, Annerose Thörmer, Jürgen Rosenthal und Herfried Enz.  Foto: Markus Eschenauer
Trafen sich für das RLZ-Sommergespräch in einem gemütlichen Café in der Burgstraße (von links): Redakteur Tobias Lui, Annerose Thörmer, Jürgen Rosenthal und Herfried Enz.
Foto: Markus Eschenauer

Mit rund 1400 Mitgliedern ist die Turngemeinde Oberlahnstein (TGO) zweitgrößter Verein der Stadt. Im Turnverein Niederlahnstein (TVN) sind knapp 400 Mitglieder organisiert. Die Fußballer von Rot-Weiß Lahnstein haben es sich vor drei Jahren zur Aufgabe gemacht, die Nachfolge der traditionsreichen SG Eintracht anzutreten – 340 Mitglieder konnten seitdem gewonnen werden. Die Vorsitzenden Annerose Thörmer (TGO), Jürgen Rosenthal (TVN) und Herfried Enz (Rot-Weiß) machen sich im RLZ-Sommergespräch Gedanken über Vereinssport im Jahr 2015.

Frau Thörmer, Herr Rosenthal, Herr Enz, Sie sprechen für mehr als 2000 sportlich aktive Lahnsteiner. Das klingt nicht unbedingt so, als ob Sie vom allgemeinen Mitgliederschwund betroffen wären.

Enz: Als reiner Fußballverein gewinnen wir in der Regel nur Mitglieder, wenn Kinder anfangen, Fußball zu spielen. Das unterscheidet uns von Breitensportvereinen, die in allen Altersbereichen Leute ansprechen. Bei uns hängt alles an den Jugendmannschaften. Mitglieder, die sich einfach so engagieren, obwohl sie selbst nicht aktiv sind, die haben wir bei der Vereinsgründung vor drei Jahren schon abgegriffen.

Rosenthal: Nach einer Konsolidierungsphase ist die Entwicklung bei uns wieder gut. Wir hatten vor einigen Jahren ein großes Problem mit dem Johannes-Gymnasium: Deren Neuorganisation der Halle und der Umbau vor etwa dreieinhalb Jahren haben mehr oder weniger dafür gesorgt, dass sich eine ganze Kinderabteilung aufgelöst hat. Was den Vereinen in dieser Zeit vonseiten des Johnny zugemutet wurde, hat Auswirkungen bis zum heutigen Tag. Unsere Kindergruppe, die dort trainiert hat, ist seinerzeit von 40 auf zwei Kinder geschrumpft! Zum Glück ist die Entwicklung nun wieder sehr positiv, vor allem durch unsere Zusammenarbeit mit der Schillerschule und der Förderschule.

Was ist damals am Johnny passiert?

Rosenthal: Mit dem Argument Lehrersport wurde uns eine wichtige Hallenzeit gestrichen, die wir seit 30 Jahren für unser Kinderturnen genutzt haben. Außerdem mussten die Geräteschränke der Vereine aus der Halle raus, obwohl dort mehr als genug Platz ist. Bei uns führte dies dazu, dass unser Geräteschrank kaputt gegangen und dem Verein so ein Schaden von 2000 Euro entstanden ist. Der neue Schrank steht nun in einem hochwassergefährdeten und nicht beheizten Raum – was vor allem für unsere Herzsportgruppe unzumutbar ist, da sie auf Geräte wie den Notfallkoffer und Defibrillator direkten Zugang benötigt und die Medikamente nun erheblichen Temperaturschwankungen ausgesetzt sind. Einen Hallenschlüssel haben wir auch nicht mehr. Wenn mal einer später kommt, steht der vor verschlossener Tür und muss erst mal klingeln. Je nach Geräuschpegel, der bei einer Übungsstunde mit Kindern entstehen kann, steht man schon mal 15 Minuten und länger vor der Halle.

Wie ist die Mitgliederentwicklung bei der TGO?

Thörmer: Seit wir unsere zweite Turnhalle eröffnet haben, gibt es wieder konstante Zuwächse. Zum Glück haben wir uns vor mehr als zehn Jahren die langfristige Bevölkerungsentwicklung angeschaut und ein Projekt mit der Sporthochschule Remagen gestartet. Die Studenten zeigten uns dabei Wege auf, wie man der demografischen Entwicklung als Sportverein begegnen kann. Dies haben wir dann konsequent verfolgt, zum Beispiel im Jahr 2011 mit dem Bau der zweiten Halle. Denn wir wollten uns unabhängiger von kommunalen Einrichtungen machen. Die Sporthallen sind heutzutage doch überwiegend in einem desolaten Zustand. Daher machen sich Hallenbau und viele kleinere Maßnahmen nun langsam bezahlt. Beide Hallen sind nahezu durchgehend belegt. Weil wir vormittags rein können, sind wir in der Lage, Angebote zu fahren, die sonst keiner macht. So sind unsere Babykurse immer ausgebucht. Wir möchten möglichst Menschen aller Altersgruppen einbinden.

Was für TGO und TVN ihre Hallen sind, ist für Rot-Weiß ihr Stadion?

Enz: Das kann man doch nicht vergleichen, schließlich ist das Stadion nicht unser Eigentum.

Aber Sie sind dennoch zufrieden, ein Stadion nutzen zu können, oder?

Enz: Das ist ein ganz schwieriges Thema, weil das Rhein-Lahn-Stadion natürlich auch von anderen Vereinen genutzt wird. Gleichzeitig stehen wir vor dem Problem, dass die Ansprüche vieler Eltern immer größer werden. Viele wollen heutzutage zum Beispiel nicht, dass ihre Kinder auf dem trockenen und harten Tenneplatz trainieren und spielen müssen: Sie wollen ihrem Kind keinen Aschenplatz zumuten. Und viele Dorfvereine in der Region bieten einen eignen Rasen- oder Kunstrasenplatz. Dahin wandern diese Kinder dann ab.

Der FSV Rot-Weiß Lahnstein braucht also einen Kunstrasenplatz, um bessere Perspektiven zu haben?

Enz: Ein klares Ja! Derzeit stehen wir im Rhein-Lahn-Kreis auf Platz fünf, was die Förderung eines Kunstrasenplatzes angeht. Bei maximal einem Projekt im Jahr kann man sich also ausrechnen, wann wir an der Reihe sind. Allerdings sind wir bereits in Gesprächen mit der Stadt, um vorbereitend darauf hinzuwirken. Eines steht schon heute fest: Die Stadt allein wird dies nicht schultern können. Also werden auch wir als Verein uns finanziell engagieren müssen, da ist eine lange Vorlaufzeit bei der Sponsorensuche natürlich wichtig.

Von welchem Kostenvolumen sprechen wir?

Enz: Ich gehe davon aus, dass ein Kunstrasen auf dem Tennenplatz rund 400 000 Euro kosten würde. Der Unterbau ist bereits entsprechend ausgelegt.

Stichwort Anspruchsdenken: Erwarten Eltern heutzutage vielleicht einfach zu viel von den Vereinen und sind gleichzeitig zu wenig bereit, sich selbst zu engagieren?

Enz: Das kann man nicht verallgemeinern. Bei uns gibt es Jugendteams, da stehen die Eltern voll dahinter, die sind beim Training mit dabei und stellen sich als Fahrer für Auswärtsspiele zur Verfügung. Umgekehrt gibt es aber auch Teams, da sind Eltern, die geben ihr Kinder ab – und für alles andere ist dann der Verein zuständig. Oft muss man betteln, damit sich Fahrer finden.

Thörmer: Wobei Eltern, die ihre Kinder überhaupt zum Sport bringen, ja schon diejenigen sind, die sich darum kümmern, dass ihr Kind eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung hat. Viel schlimmer sind diejenigen Kinder, die nicht kommen und irgendwann schwerwiegende motorische Probleme bekommen. An diese Kinder versuchen wir über die Schulen ranzukommen. Zunächst haben wir die Ganztagsbetreuung ja als Schreckgespenst gesehen, die den Vereinen die Kinder nimmt. Aber ich sehe das mittlerweile mehr als Chance, die Kinder wieder in den Verein zu holen: In dem sie motivierte Trainer aus den Vereinen in ihrer Nachmittagsbetreuung sehen anstelle der frustrierten Lehrer …

Rosenthal: Wobei dies in Lahnstein bestens funktioniert, nicht aber auf dem Land. Denn hier ist die Grundschule vor Ort, während die Kinder vom Land oft aufwendig von den Eltern gebracht und abgeholt werden müssen. Diese Kinder haben meist gar nicht die Möglichkeit, nach dem Unterricht noch zum Vereinssport zu gehen, weil sie überhaupt nicht wissen, wie sie anschließend heimkommen sollen. Gerade ländliche Vereine leiden daher unter der Ganztagsschule.

Sind Sie zufrieden, wie in Lahnstein die Hallenverteilung geregelt wird?

Enz: Als Fußballer brauchen wir die Hallen ja nur in der Winterzeit. Und da wird’s manchmal schon eng. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass man sich am besten direkt an die Vereine wendet, um eine Hallenzeit zu bekommen. Das funktioniert schneller und besser als über die Stadt. Wir sind damit zuletzt sehr gut klargekommen. Ich glaube, das Verständnis unter den Sportvereinen ist in den letzten Jahren viel besser geworden.

Thörmer: Einmal im Jahr findet das Vergabegespräch mit der Stadt statt. Dort wird versucht, die Bedürfnisse aller zu befriedigen, was natürlich nicht immer gelingt.

Rosenthal: Deswegen bringen direkte Absprachen der Vereine untereinander oft viel mehr als jede Sitzung. Manchmal wünscht man sich aber schon, dass sich die Leute in dem zuständigen Amt bei der Stadt mal mehr mit den Problemen des Sports und der Vereine beschäftigen würden. Als es damals die Geschichte mit dem JohannesGymnasium gab, hätten wir uns mehr Unterstützung gewünscht.

Thörmer: Was die Kreishalle am Oberheckerweg angeht, haben wir immer die meisten Schwierigkeiten. Mit der Stadt kann man reden, die hat immer ein offenes Ohr – allerdings passiert dann oft nichts.

Rosenthal: Da würde man sich manchmal etwas mehr Initiative wünschen und den Willen, etwas umzusetzen.

Enz: Aber man kann es auch nicht jedem recht machen.

Das Thema Ehrenamt beschäftigt viele Vereine, immer weniger Menschen wollen sich in ihrer Freizeit engagieren. Ein Problem?

Thörmer: Vorstandsarbeit ist problematisch, dass muss ich zugeben. Da fällt es mir ehrlich gesagt schon schwer, Mitglieder zu finden, die sich einbringen wollen. Vieles wird ja auch komplizierter, die Ansprüche, die der Gesetzgeber heute stellt, sind von Ehrenamtlern kaum noch zu händeln. Was die Übungsleiter angeht, haben wir schon etliche Jahre zum Glück keine Probleme, gute Leute zu finden.

Rosenthal: Alles wird immer komplexer und aufwendiger, die wenigsten haben überhaupt die Zeit, sich da einzuarbeiten. Deswegen ist es sehr schwer, jemanden für die Funktionärsebene zu finden.

Enz: Wir haben lange Zeit jemanden für den geschäftsführenden Vorstand gesucht, weil sich da jemand beruflich verändert hat und stark eingebunden war. Weil wir aber über Monate niemanden gefunden haben, macht die Person nun doch weiter. Wir haben die Aufgaben etwas umverteilt.

Das Gespräch führte Tobias Lui

Bad Ems Lahnstein
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