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Miehlen/Rhein-Lahn

Singletreff: Keiner muss zu Hause bleiben

Cordula Sailer

Es herrscht närrische Stimmung an diesem Dienstag, kurz nach 15 Uhr im Lindenhof in Miehlen: Ein munteres Grüppchen singt Karnevalsschlager wie „Rucki Zucki“ oder „Am Rosenmontag bin ich geboren“. Begleitet wird es von einem beherzt in die Tasten greifenden Akkordeonspieler. „Der Adolf ist 93 Jahre alt und macht noch Musik“, sagt Friedhelm Wangard und nickt in Richtung des Vollblutmusikers.

Egal ob Schlager, Karnevals- oder Volkslieder: Adolf Krämer beherrscht sein Instrument. Der 93-jährige Akkordeonspieler ist sozusagen der Haus- und Hofmusikant des „Singletreffs im reifen Alter“. Die Gruppe versteht sich als Netzwerk für Alleinstehende.  Foto: Cordula Sailer
Egal ob Schlager, Karnevals- oder Volkslieder: Adolf Krämer beherrscht sein Instrument. Der 93-jährige Akkordeonspieler ist sozusagen der Haus- und Hofmusikant des „Singletreffs im reifen Alter“. Die Gruppe versteht sich als Netzwerk für Alleinstehende.
Foto: Cordula Sailer

Wangard ist sichtlich stolz auf den Stammtisch, den er mitorganisiert: den „Singletreff im reifen Alter“. Jeden ersten Dienstag im Monat trifft sich die Gruppe in einem anderen Lokal in Nastätten und Umgebung zum Kaffeetrinken. Manchmal sind auch Gäste für Lesungen und Vorträge eingeladen. Angefangen hat alles bereits vor 13 Jahren mit einem Kegeltreff unter der Flagge der in der Region bekannten Initiative 55 plus-minus. Gekegelt wird bis heute – in Nastätten und Bornich. Vor zehn Jahren hat sich zusätzlich der Stammtisch etabliert.

„In unserem Kreis haben sich Leute kennengelernt, die sich vorher nicht kannten“, erzählt Wangard. „Und daraus sind Freundschaften entstanden.“ Wer Hilfe braucht, etwa jemanden, der ihn zum Arzt fährt – „Anruf genügt“, sagt Wangard. Man unterstütze sich gegenseitig in dem Netzwerk, das für Alleinstehende gedacht ist.

Zwar gibt es auch Paare unter den Teilnehmern, die sich teils auch bei den Treffen kennengelernt haben. Aber eine Singlebörse, in der nach neuen Lebenspartnern Ausschau gehalten wird, ist der Stammtisch explizit nicht. „Das ist nicht verboten, aber es ist nicht das Ziel“, sagt Dieter Zorbach und schmunzelt. Er ist der Initiator der Initiative 55 plus-minus, zu deren reichen Freizeitangeboten der „Singletreff im reifen Alter“ bis heute gehört.

Die Gründe, allein zu leben, seien ganz vielfältig, sagt Zorbach. „Erst recht im Alter.“ Der Singletreff sei eine Gelegenheit für Menschen, die vielleicht immer weniger Vertraute haben, neue Bekanntschaften zu machen. „Um gemeinsam Kaffee zu trinken, um zu telefonieren, um jemanden zu haben, der zum Geburtstag gratuliert“, nennt Zorbach einige soziale Grundbedürfnisse. Gerade derjenige, der seinen Partner verloren hat, fühle sich unter anderen Pärchen mitunter wie das fünfte Rad am Wagen. „Das passiert hier nicht“, betont Zorbach. Ziel sei es, dass niemand allein zu Hause sitzen müsse. Einen Zwang, immer dabei zu sein, gebe es nicht.

Doch Ellen Stein aus Ruppertshofen ist immer mit von der Partie. Sie besucht den Treff schon seit sechs Jahren. Außer sie ist im Urlaub oder gesundheitlich verhindert, erzählt die 77-Jährige. „Ich habe jedes Mal was zum Vorlesen dabei, wenn wir uns treffen“, sagt Stein, die in Begleitung ihres Partners in den Lindenhof gekommen ist. Meist trägt sie Anekdoten vor.

Für das Karnevalstreffen hat die pensionierte Grundschullehrerin aber etwas anderes dabei: ein Quiz rund um süßes Gebäck. „Man muss dabei um die Ecke denken“, erklärt sie. So verbirgt sich hinter dem Kopfschmuck einer Stadt am Main der „Frankfurter Kranz“ und hinter der Woge eines Flusses die „Donauwelle“. Warum sie schon so lange am Stammtisch teilnimmt? „Man kann sich sehr gut unterhalten und ist unter Gleichgesinnten“, sagt Stein. Auch außerhalb der Zusammenkünfte treffe man so manchen in Nastätten oder zufällig im Supermarkt. „Und das ist dann schon etwas Vertrautes.“

Iris Schneeweis aus Dessighofen ist erst zum zweiten Mal beim Singletreff dabei. „In Vereinen sind am Anfang viele Grüppchen, aber hier ist das offen“, schildert Schneeweis ihre Erfahrung. Sie habe sich gleich aufgenommen gefühlt. Die 60-Jährige sucht Kontakte und „möchte einfach mal raus“. Aber als Frau wolle sie sich nicht allein in eine Gaststätte setzen. „Und da sind solche Treffen ganz toll“, findet Schneeweis. Auch dass gesungen wird, gefällt ihr gut. „Das Singen lockert auf.“

Und die Karnevalslieder sind noch lange nicht alles, was Akkordeonspieler Adolf Krämer im Gepäck hat: Eine Sammlung aus 60 Wander- und Volksliedern hat er für den Singletreff zusammengestellt, bei dem er jedes Mal spielt. Für diesen Dienstag hat er unter anderem „Hoch auf dem gelben Wagen“, „Die Fischerin vom Bodensee“ und „Lustig ist das Zigeunerleben“ ausgewählt. „Das hält einen jung, da muss man sich Gedanken machen“, meint der 93-Jährige. Wer Geburtstag hatte, darf sich ein Lied wünschen.

Seit etwa acht Jahren besucht Krämer den Stammtisch. Als seine Frau gestorben ist, habe er neue Leute kennenlernen wollen. „Ich finde es einfach toll: Unterhaltung, Menschen, und jeder hat sein eigenes Schicksal“, sagt er. Auch von Berufs wegen sei er recht kontaktfreudig, erklärt der einstige Gastwirt aus Niederwallmenach, der sichtlich Spaß an dem Stammtisch hat. „Wenn man Freude ausstrahlt, kommt Freude zurück“, sagt er.

Der nächste Stammtisch des „Singletreffs im reifen Alter“ findet am Dienstag, 6. März, um 15 Uhr im Gasthaus Rose in Miehlen statt. Wer Kontakt zur Initiative 55 plus-minus aufnehmen möchte, kann das unter Telefon 06771/949 74 oder per E-Mail an info@i55plusminus.de

Von unserer Redakteurin Cordula Sailer

Initiative 55 plus-minus

Der Stammtisch „Singletreff im reifen Alter“ hat etwa 25 regelmäßige Teilnehmer. Er ist eine der mehr als 50 Gruppen der Initiative 55 plus-minus. Diese ist kein Verein, sondern beim evangelischen Dekanat Nassauer Land angesiedelt.

Die einzelnen Gruppen organisieren sich selbstständig. Bei Dieter Zorbach, der vor 14 Jahren die Gründung der Initiative 55 plus-minus angestoßen hat, laufen die Fäden zusammen. Die Initiative möchte Angebote machen, die auf die Interessen in der zweiten Lebenshälfte eingehen. Sie möchte die Menschen ermutigen, ihre „Vorstellungen gemeinsam mit anderen zu entwickeln und partnerschaftlich zu realisieren“, heißt es auf der Internetseite der Organisation. Dort finden sich auch noch mehr Informationen zu den Gruppen und Kursen der Initiative: www.i55plusminus.de csa

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