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Mittelrhein

Managementplan für den Mittelrhein: Mit dem Welterbe in die Zukunft

Andreas Jöckel

Das Welterbe Oberes Mittelrheintal will sich als Tourismusdestination weiterentwickeln. Alle dazugehörigen Projekte sind in einem Welterbe jedoch immer eine Gratwanderung. Denn gemäß Richtlinien der Unesco darf das Wesen der Kulturlandschaft dadurch nicht entscheidend beeinträchtigt werden. Den nötigen Abwägungsprozess soll ein Managementplan standardisieren.

Mit dem Bau des Kultur- und Landschaftsparks auf dem Loreley-Plateau ist der Startschuss zur Weiterentwicklung des Welterbes Oberes Mittelrheintal schon gefallen. Ein Managementplan soll dazu dienen, auch weitere Projekte welterbeverträglich zu steuern.   Foto: Ministerium des Innern   und für Sport Rheinland-Pfalz
Mit dem Bau des Kultur- und Landschaftsparks auf dem Loreley-Plateau ist der Startschuss zur Weiterentwicklung des Welterbes Oberes Mittelrheintal schon gefallen. Ein Managementplan soll dazu dienen, auch weitere Projekte welterbeverträglich zu steuern.
Foto: Ministerium des Innern und für Sport Rheinland-Pfalz
Innenminister Roger Lewentz (SPD) aus Kamp-Bornhofen zieht einen sportlichen Vergleich, was die Zukunft seiner Heimat angeht: „Wir haben den Anspruch, dass wir derzeit in der Bundesliga der touristischen Destinationen spielen und in die Champions League wollen.“ Schon seit der Anerkennung 2002 seien aufgrund des Welterbetitels umfangreiche Investitionen im Mittelrheintal geleistet worden. Der Minister nennt als Beispiele die Fernwanderwege Rheinsteig und Rhein-Burgen-Weg, den Ausbau der Radwege, der rechtsrheinisch noch nicht abgeschlossen ist, die Neugestaltung des Loreley-Plateaus oder die Aufwertung der Festung Ehrenbreitstein im Rahmen der Buga 2011 in Koblenz.

Doch nicht nur im Hinblick auf die nächste Buga, die nach einer Entscheidung im Welterbe-Zweckverband 2029 oder 2031 in der ganzen Welterberegion stattfinden soll, auch jetzt schon stehen wichtige Projekte an, die mit der Unesco auf ihre Welterbeverträglichkeit hin abgeklopft werden müssen. Dazu zählen die Mittelrheinbrücke, die Ortsumgehung Braubach, die Planungen für einen Ferienpark in Werlau und ein Hotel am Günderodehaus bei Oberwesel sowie der dauerhafte Erhalt der Seilbahn in Koblenz. Auch der Welterbedezernent aus dem Rheingau-Taunus-Kreis, Karl Ottes, bringt die Beseitigung eines Verkehrshindernisses zur Sprache, das als wichtige Gemeinschaftsaufgabe betrachtet wird: „Was uns aktuell umtreibt, ist die längst überfällige Fortentwicklung beziehungsweise deutliche Verbesserung der Verkehrsverhältnisse im Verlauf der B 42 in Rüdesheim.“ Die langen Wartezeiten schrecken Besucher aus dem Rhein-Main-Gebiet rechtsrheinisch oft von einer Weiterfahrt ins Mittelrheintal ab.

Dass eine Weiterentwicklung im Mittelrheintal erforderlich ist, liegt auf der Hand: Große Teile des 67 Kilometer langen Rheinabschnitts sind aufgrund der demografischen Entwicklung vom Aussterben bedroht. Tourismus ist in dem engen Tal der einzig mögliche Wirtschaftsfaktor, Wohnqualität mit guter Infrastruktur und schnellem Internet überlebensnotwendige Standortfaktoren. Eine „Überflutung des Tals mit Gästen“ sieht Lewentz dabei noch lange nicht: „Ich denke, da geht noch vieles, was verträglich ist.“

Unterzeichnen die Verträge (von links): Staatssekretär Salvatore Barbaro, Innenminister Roger Lewentz und Vorsteher Frank Puchtler. Foto: Andreas Jöckel
Unterzeichnen die Verträge (von links): Staatssekretär Salvatore Barbaro, Innenminister Roger Lewentz und Vorsteher Frank Puchtler.
Foto: Andreas Jöckel
Der nun in Auftrag gegebene Managementplan soll zu einem mit der Unesco abgestimmten Leitfaden für solche Entwicklungen werden. Diese Vorgehensweise wird von der Unesco auch ausdrücklich gefordert. Es gilt, die Projekte mit dem Charakter der Landschaft in Einklang zu bringen. Deshalb ist auch eine Kulturlandschaftsverträglichkeitsstudie Bestandteil des Plans. Mit ihrer Hilfe sollen Projekte schneller bewertet werden können, ohne langfristige Abstimmungen mit der Unesco durchführen zu müssen.

Ein anschauliches Beispiel für eine solche Abwägung der Interessen und Werte ist die geplante Ortsumgehung Braubach. Diese wäre ohne Zweifel ein Eingriff in die Kulturlandschaft, weil ein Brückenbau über die Bahnlinie und ein Tunnel durch den Berg erforderlich sind. Aber andererseits würden damit andere Werte im Welterbe wie die historische Bausubstanz in der Altstadt sowie die dort lebenden Menschen vor der Belastung mit täglich Tausenden Fahrzeugen bewahrt.

240.000 Euro kostet der Managementplan. Davon trägt das Innenministerium Rheinland-Pfalz die Hälfte. Die zweite Hälfte übernehmen der Welterbe-Zweckverband (60.000 Euro), das Kulturministerium (36.000 Euro) und Wirtschaftsministerium Hessen (24.000 Euro). Der Auftrag liegt nun bei Professor Michael Kloos. Mit seinem Büro „planning an heritage consultancy“ ist er unter anderem bereits für die Speicherstadt in Hamburg und die Altstadt in Bamberg tätig gewesen. In Trier erarbeitet die Firma ein Konzept für Pufferzonen um die Welterbebauwerke. Die besondere Herausforderung im Mittelrheintal wird sein, ein gemeinsames Leitbild für die große Fläche zu entwickeln. Ende 2019 soll das Ergebnis vorliegen.

Von unserem Redakteur Andreas Jöckel

Der Zweckverband

Dass das Welterbe Oberes Mittelrheintal auch als Region funktionieren kann, ist nicht zuletzt auch dem Zweckverband zu verdanken, in dem alle Gebietskörperschaften zwischen Rüdesheim/Bingen und Koblenz zusammengeschlossen sind.

Auch mit Blick auf die Erstellung und Umsetzung des Managementplans als verbindliches Zukunftsprogramm versteht sich der Verband laut Vorsteher Frank Puchtler als „Kümmerer und Motor der Region“, dessen Kernkompetenz darin besteht, die Fläche und die Menschen gut zu kennen. aj

Virtuelles Welterbe-Modell: Chancen und Risiken in 3D ermitteln

Mittelrhein. Idealerweise wird das Welterbe Oberes Mittelrheintal bis Ende kommenden Jahres eine eigenes „Google Earth“ haben: Eine detailgenaue Visualisierung in 3D soll nicht nur die Kulturlandschaft mit ihren unzähligen Baudenkmälern darstellen, sondern auch, wie sich Hotel- oder Verkehrsprojekte in die Landschaft einfügen lassen, ohne deren weltweit einzigartigen Wert zu beeinträchtigen. Dabei lassen sich auch Sichtbeziehungen von bedeutenden Plätzen oder zu Baudenkmälern beurteilen.

Die geplante Visualisierung ist Bestandteil der Kulturlandschaftsverträglichkeitsstudie im Rahmen des Managementplans. Professor Michael Kloos stellt ein Konzept vor, wie das strategische Instrument für die Weiterentwicklung des Welterbes in den kommenden Monaten erarbeitet werden soll. Letztlich soll es dazu dienen, bislang meist emotional geführte Diskussionen über Projekte in sachlich geprägte Entscheidungen überführen zu können.

Den Rahmen dafür gibt die Unesco vor. Zum sogenannten „außergewöhnlichen universellen Wert“, den ein Welterbe im Sinne der Unesco-Konvention von 1972 ausmacht, wurde bei der Anerkennung am 27. Juni 2002 unter anderem erklärt: „Die ausgedehnte Welterbestätte beinhaltet in ihren Grenzen alle Hauptwerte – die geologische Landschaft, die 60 Städte und Siedlungen, die 40 Schlösser und Burgen, die Weinbergsterrassen, die diesen reichen und malerischen Abschnitt des Rheintals ausmachen, und umfasst alle Hauptansichten, die Schriftsteller und Künstler inspiriert haben.“

Innerhalb des vorgegebenen Rahmens agiert seit 2004 der Welterbe-Zweckverband, zu dem sich die Länder Rheinland-Pfalz und Hessen sowie die Landkreise und Kommunen zusammengeschlossen haben. Dessen Hauptaufgabe ist „das Sichern und Weiterentwickeln der wirtschaftlichen, kulturellen, ökologischen und sozialen Funktionen des Welterbes“. Entscheidende Stichworte dabei sind Schutz und Pflege der Kulturlandschaft, nachhaltige Entwicklung und Bildung (etwa Projekte mit Schulen). Dazu wurden ein Handlungsprogramm und ein Masterplan erstellt, die nun in den Managementplan integriert werden, der dem Zweckverband konkrete Entscheidungskriterien zu Projekten an die Hand geben soll.

Kloos fasst die Zielsetzung mit einfachen Worten zusammen: „Es ist wichtig, mit dem Managementplan auch Begeisterung und Interesse für das Welterbe zu wecken. Ein wichtiger Punkt dabei ist, die Werte des Mittelrheintals und ihre Bedeutung zu erkennen und diese zu vermitteln.“ Auch bei unterschiedlichen Auffassungen sollen Visionen und Leuchtturmprojekte transparent diskutiert werden.

Im November sieht das Prozessdesign von Kloos deshalb auch eine öffentliche Auftaktveranstaltung vor, die das Projekt den Menschen im Tal vorstellt. Außerdem ist ein Workshop geplant, bei dem sich Bürger in die inhaltliche Wertediskussion einbringen können. In regelmäßigen Abständen sollen Zwischenergebnisse veröffentlich werden. Gezielt geht das Büro auch auf „Schlüsselpersonen“ und Entscheidungsträger im Tal zu.

Im Hintergrund werden derweil natürlich auch jede Menge Daten zusammengetragen, um das virtuelle 3 D-Modell des Welterbes zu erstellen. Dieses wird nach und nach mosaikartig fertiggestellt werden. Als Testumfeld dient dabei zum Start die Seilbahn zwischen dem Deutschem Eck und der Festung Ehrenbreitstein in Koblenz. Dort will die Stadt erreichen, dass die Seilbahn dauerhaft als modernes innerstädtisches Verkehrsmittel bestehen bleiben kann.

Voraussichtlich in der zweiten Jahreshälfte 2019 werden alle Inhalte für die Fertigstellung des Managementplans zusammengetragen. Gemäß den Vorgaben der Unesco wird es dabei im Wesentlichen um drei Teilbereiche gehen:

  • die Welterbeeigenschaften (formelle Kriterien der Unesco),
  • die Formulierung eines Leitbildes aus den Herausforderungen, Aufgaben und den in der Region selbst gesetzten Zielen
  • die Vereinbarkeit der internationalen Richtlinien und Vorgaben der Unesco mit geltendem nationalen Recht.
Hinzu kommt dann die Kulturlandschaftsverträglichkeitsstudie, anhand derer die Welterbeverträglichkeit von Projekten schon zu Beginn eines Planungsprozesses beurteilt werden kann, bevor im Falle einer Ablehnung schon zu viel Geld oder Herzblut dafür investiert wurde.

Auch das Thema Buga 2029 oder 2031 sieht Kloos grundsätzlich im Einklang mit den Richtlinien der Unesco, die für Welterbegebiete in der Fläche auch nachhaltige Entwicklungen fordert: „Man kann diese komplexen Flächendenkmale nicht einfach wie Einzeldenkmäler oder Museen behandeln, sondern man muss Erhalten und Entwickeln kombinieren.“ Insoweit kann die Buga bei welterbeverträglicher, nachhaltiger und aufeinander abgestimmter Gestaltung der dazugehörigen Einzelprojekte auch als ein Schlüsselbaustein für die ganze Region gesehen werden.

Läuft alles gemäß Zeitplan, könnte der Managementplan für die Zukunftsprojekte der Öffentlichkeit bei einem feierlichen Event im Herbst kommenden Jahres präsentiert werden. aj

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