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Lahnstein

Jüdische Mitbürger: Erinnern, um niemals zu vergessen

Karin Kring

Erst vor wenigen Tagen hatte sie wieder so ein Gespräch. „Dabei kam die Frage auf, ob wir Deutschen uns denn immer noch schuldig fühlen müssen“, erzählte Pfarrerin Yvonne Fischer ihren Zuhörern in der evangelischen Kirche Oberlahnstein. Anlass war der 9. November und das Gedenken an die Pogrome gegen Menschen jüdischen Glaubens während des Nationalsozialismus, zu dem Mitglieder der Lahnsteiner Kirchen sich jedes Jahr an diesem Tag treffen. „Es geht nicht um Schuld“, hatte Yvonne Fischer ihrem Gesprächspartner geantwortet. „Es geht darum, sich zu erinnern und niemals zu vergessen.“

Der fast vergessene Friedhof am Ahlerweg war Ziel eines Schweigemarsches am 9. November. Foto: Hans G. Kuhn
Der fast vergessene Friedhof am Ahlerweg war Ziel eines Schweigemarsches am 9. November.
Foto: Hans G. Kuhn

In einer eindrucksvollen Präsentation mit Bildern und Texten erinnerte Hans G. Kuhn an die Geschehnisse im Stadtteil Friedrichssegen. Juden aus der gesamten Region wurden 1942 in die kleinen Bergmannshäuser am Tagschacht zwangsumgesiedelt, mussten Zwangsarbeit leisten und wurden schließlich ein Jahr später vom Bahnhof Friedrichssegen aus, nur mit den Habseligkeiten, die in einen kleinen Koffer passten, in Waggons gepfercht und in Konzentrationslager deportiert. Viele Menschen schauten zu, wie der erhaltene „Zeitzeugenbericht eines Schuljungen“ belegt, den Kuhn vorlas. 51 Menschen wurden von Friedrichssegen aus in den Tod geschickt, darunter neun Lahnsteiner, 24 weitere Lahnsteiner wurden von den Nazis deportiert, darunter viele ältere Menschen und viele Kinder. All diese Toten nannte Kuhn beim Namen, um an sie zu erinnern. „Denn die Nazis“ so erklärte Pater Wolfgang Jungheim, „wollten die Juden nicht nur vernichten, sondern sie auch ihres Namens berauben, sie völlig auslöschen.“ Auf vielen jüdischen Friedhöfen wurden die Namen aus den Grabsteinen herausgeschlagen. So stand dieser Abend des Gedenkens auch unter dem Wort des Propheten Jesaja: „Ich habe dich bei deinem Namen gerufen.“

Mit jiddischen Liedern und Gebeten umrahmten Odelia Lazar und Michael Wienecke den Abend auf eindrucksvolle Weise musikalisch, Odelia erinnerte auch an ihren Großvater Aaron Lazar, der im Konzentrationslager ermordet wurde, und sang das israelische Friedenslied „Shir LaShalom“. Yonne Fischer erzählte die Geschichte dazu: Der israelische Ministerpräsident Jitzchak Rabin trug einen Zettel mit dem Liedtext in seiner Jackentasche, als er 1995 bei einer Friedensdemonstration in Tel Aviv ermordet wurde. „Wir können die Vergangenheit nicht ungeschehen machen“, sagte Yvonne Fischer zum Abschluss, „aber wir können heute und immer wieder entscheiden, was für Menschen wir sein wollen.“ Gemeinsam machten sich die Teilnehmer der Andacht schließlich auf den Weg zu dem fast vergessenen jüdischen Friedhof am Ahler Weg, um dort Kerzen aufzustellen.

Von unserer Redakteurin Karin Kring

Bad Ems Lahnstein
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