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    Nastätten/MiehlenGelebte Integration: Gaby Setzer ist eine Leseoma mit Herz

    Die drei Jungs, die mit Gaby Setzer in der Bücherei der Grundschule Blaues Ländchen sitzen, lesen flüssig vor. So, wie man es von Viertklässlern am Ende des Schuljahrs erwartet. Nur als einer der Fußballspieler im Text einen „Stupser“ bekommt, muss Setzer das Wort mit einem ihrer Schüler wiederholen. „Frau Setzer hat uns richtig geholfen mit dem Lesen“, sagt einer der Jungen, der aus Afghanistan nach Deutschland gekommen ist.

    Lesestunde in der Bücherei der Grundschule Blaues Ländchen: Gaby Setzer übt mit drei Viertklässlern das Lesen. Die 59-Jährige ist an der Schule als ehrenamtliche Lesepatin tätig und unterstützt die Lehrer dabei, Kindern mit Migrationshintergrund Deutsch beizubringen. Bei ihren Schützlingen aus der vierten Klasse hat das schon wunderbar funktioniert.  Foto: Cordula Sailer
    Lesestunde in der Bücherei der Grundschule Blaues Ländchen: Gaby Setzer übt mit drei Viertklässlern das Lesen. Die 59-Jährige ist an der Schule als ehrenamtliche Lesepatin tätig und unterstützt die Lehrer dabei, Kindern mit Migrationshintergrund Deutsch beizubringen. Bei ihren Schützlingen aus der vierten Klasse hat das schon wunderbar funktioniert.
    Foto: Cordula Sailer

    Seit November 2015 ist Gaby Setzer aus Miehlen Lesepatin an der Nastätter Grundschule. An einem Vormittag in der Woche übt sie lesen mit Kindern, die noch Unterstützung in der deutschen Sprache brauchen. „Aus unserer Sicht ist es elementar, dass die Kinder so viel Spracherfahrung wie möglich machen“, erklärt Schulleiterin Sabine Herwig das Konzept. „Sei es sprechen, zuhören oder lesen.“ Zwar bekomme die Schule Förderstunden für Kinder mit Migrationshintergrund zugewiesen, „die haben aber nicht ausgereicht“, so Herwig. Daher die Idee mit der Lesepatin. Gaby Setzer unterstützt Nicole Mannes und Kristina Mies, die Deutsch als Zweitsprache unterrichten. „Frau Setzer ist immer einem Lehrer zugewiesen, der zusammen mit ihr arbeitet und sie unterstützt“, erklärt Herwig. Das sei eine wichtige Hilfestellung, wenn man wie Setzer aus einem anderen Berufsfeld komme.

    Die 59-Jährige ist nämlich nicht etwa Pädagogin, sondern war in der Reifen- und Autoservicebranche zu Hause. Inzwischen ist Setzer nicht mehr berufstätig, hat sich aber fest vorgenommen: „Wenn ich mal Zeit habe, will ich was für Kinder machen“, erzählt sie. Und nun habe sie Zeit.

    Im vergangenen Schuljahr hat Gaby Setzer fünf Kinder betreut: zwei aus der zweiten Jahrgangsstufe, drei aus der vierten. Bei den Lesestunden „lehne ich mich an Themen an, die aktuell in der Schule bearbeitet werden“, erklärt Setzer. So hat sie beispielsweise den Waldtag, der an der Grundschule stattgefunden hat, aufgegriffen. Aber auch den Wortschatz, der für den Sportunterricht nötig ist, wie für Turngeräte oder spezielle Bekleidung, hat sie mit den Kindern erarbeitet. „Damit sie wissen, was sie im Unterricht machen sollen“, erklärt Setzer. In einer anderen Stunde hat sie sich mit den Kindern Vokabeln mit doppelter Bedeutung wie zum Beispiel das Wort „Decke“ angesehen.

    Werden Texte gemeinsam gelesen, „bespreche ich mit den Kindern die Wörter, die sie nicht verstehen“, erklärt Gaby Setzer. So wird Stück für Stück der Grundwortschatz der Schüler erweitert. „Das sehe ich als gelebte Integration“, so Setzer weiter.

    Denn es gehe nicht nur darum, Menschen, die etwa als Asylsuchende nach Deutschland kommen, mit Kleidung und einem Dach über dem Kopf zu versorgen. „Die Sprache ist der Schlüssel zu allem“, begründet die 59-Jährige ihr Engagement. Deutsch zu sprechen sei die Voraussetzung, um in der Schule mitzukommen und später einen Beruf erlernen zu können. „Wenn ich in China stünde und da sagt jemand ,wing, wang, wung' zu mir, und ich verstehe nicht, was der will“, sagt Setzer, „das fände ich furchtbar.“

    Über ihre Tätigkeit als Lesepatin hat Gaby Setzer zudem zwei alleinerziehende Frauen aus Tschetschenien kennengelernt, die sie privat unterstützt. Mit dem Einverständnis einer Mutter bekommt Setzer alle Elternbriefe der Schule in Kopie zugeschickt. Damit das Kind „auch am richtigen Tag die Schwimmsachen dabeihat“, nennt Setzer ein Beispiel. Auch Fahrdienste übernehmen sie und ihr Mann für die Frauen. „Oder wir machen Ausflüge“, erzählt Setzer. „Das ist wichtig, dass die auch mal rauskommen.“ Denn ohne Auto könnten die Familien ihren Wohnort im Blauen Ländchen nur schwer verlassen.

    Gaby Setzer hat selbst zwei Töchter und drei Enkelkinder. Sie setzt sich gern für den Nachwuchs ein, nicht nur für den eigenen. „Mein Mann und ich hatten schon immer Kinder, selbst als wir noch keine eigenen hatten“, sagt sie. Damals wie heute würden sie als Aushilfsbabysitter für befreundete Familien einspringen.

    Und so passt auch das Motto der Thomas-Engel-Stiftung, für die Setzer sich als Kassiererin im Förderverein betätigt, ebenfalls ganz gut zu ihrer persönlichen Lebenseinstellung: „Wenn wir die Welt verändern wollen, müssen wir bei den Kindern beginnen“ lautet es. Die Stiftung setzt sich unter anderem für Aidswaisen in Swasiland ein, für die der Förderverein Spenden sammelt. Setzer ist selbst schon in den Staat im Süden Afrikas gereist, um sich ein Bild von dem Hilfsprojekt zu machen.

    Für ihr emsiges ehrenamtliches Wirken hat Gaby Setzer im Frühjahr die Ehrenamtskarte des Landes erhalten. Doch sie sei nur eine von vielen Engagierten, betont die 59-Jährige. „Es gibt Leute, die machen noch viel, viel mehr als ich“, sagt Setzer. Doch es kommt nicht allein auf die Quantität des Geleisteten an. Sondern auch auf den Stellenwert für andere Menschen.

    Und der scheint für die Leseschüler durchaus hoch zu sein: „Ich nenne Frau Setzer immer Oma“, erklärt einer der Viertklässler, der strahlend die letzte Lesestunde vor den Sommerferien verlässt. Nach den Ferien geht es für ihn und die anderen beiden Jungs an einer weiterführenden Schule weiter: Zwei werden nach St. Goarshausen aufs Gymnasium und zur Realschule plus pendeln, einer wird die IGS in Nastätten besuchen.

    Von unserer Redakteurin Cordula Sailer

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