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    Gaffer und Unfallfotos: Redaktionelle Entscheidungen sind nicht immer einfach

    Gaffer! Sie sind derzeit eines der bestimmenden Themen. Vielfach sehr emotional wird bei Facebook unter anderem darüber diskutiert, wie die Behinderung von Rettungskräften oder das Filmen schwerer Unfälle geahndet werden sollen. Wir als Zeitung analysieren solche Vorfälle und die Reaktionen darauf – auch weil sie uns bewusst machen, dass wir unsere Entscheidungen immer wieder aufs Neue reflektieren müssen. Ein Kommentar von Markus Eschenauer.

    Scheinbar vergeht kein Tag, an dem Schaulustige nicht die Arbeit von Rettungskräften behindern. Immer häufiger machen Feuerwehrleute ihrem Ärger und Unverständnis über das Verhalten mancher Menschen während schwerer Einsätze Luft. Ein Beispiel haben wir in dem Anfang der Woche erschienenen Artikel „Nach tödlichem Traktor-Unfall: Gaffer machen Rettungskräfte wütend“ thematisiert. Auf Facebook sorgte der Beitrag für viel Wirbel und etliche Kommentare. Eine richtige Diskussion, also ein Austausch von Argumenten, entstand nicht. Aber so ist das nun einmal vielfach in dem sozialen Netzwerk ...

    Lappen weg!

    Es hatte teilweise eher den Anschein, als wollten sich die Nutzer gegenseitig überbieten, wie hoch die Strafe fürs Gaffen sein sollte. Hier drei der noch gemäßigteren Forderungen: „2000 Euro Geldstrafe“, „Auto für vier Wochen beschlagnahmen oder zwei Nächte in eine Zelle. Man muss die Konsequenzen direkt spüren und nicht Wochen später 20 Euro Verwarnungsgeld.“, „Führerscheinentzug“.

    Markus Eschenauer 
    Markus Eschenauer 

    Wer bietet mehr?

    Diese Ansätze, durchaus sinnvoll und nachvollziehbar, gehen jedoch so manchem Facebook-Nutzer nicht weit genug. Ob öffentliche Demütigung oder körperliche Gewalt das richtige Mittel sind, um das Problem in den Griff zu bekommen, ist allerdings zu bezweifeln. „Steckt diese asozialen Dumpfbacken in den Knast und lasst sie Unfallstellen aufräumen – mit allem, was dazu gehört. Dabei sollten sie Schilder um den Hals tragen mit der der Aufschrift: Ich bin ein Gaffer.“ Ein anderer: „... die Idioten fotografieren und öffentlich zur Schau stellen.“ Oder auch: „Gummiknüppel und drauf. Aber dann schreien die linken Gutmenschen gleich wieder ,Polizeigewalt'.“ „Gebt den Gaffern doch direkt eins auf die Zwölf!“

    Sicher, es muss über den Umgang mit Gaffern und die Strafen, vor allem wenn durch das Verhalten Menschen zu Schaden kommen, nachgedacht werden. Denn auch wenn das Phänomen sicherlich nicht neu ist, erreicht es durch die allgegenwärtige Präsenz von Smartphones und die Veröffentlichung dramatischer und schrecklicher Bilder in den sozialen Netzwerken eine ganz andere Qualität.

    Als Zeitung in der Kritik

    Selbst wir als Medienschaffende in den Lokalredaktionen sehen uns ab und an dem Vorwurf ausgesetzt, unangebracht zu agieren und zu reißerisch über ein Ereignis zu berichten. Meistens wird uns dann „Boulevard-Niveau“ vorgeworfen. In der Tat: Auch wenn Redakteure professionell ausgebildet sind und die allgemeinen Regeln kennen, ist es nicht immer einfach zu entscheiden, wie wir mit Gewalttaten oder schweren Unfällen umgehen.

    Grundsätzlich gilt: Als Journalisten halten wir uns an die Vorgaben des Pressekodex, die in Ziffer 11 das Verhalten bei sensationeller Darstellung festlegen. Dort heißt es beispielsweise zur Richtlinie 11.1: „Unangemessen sensationell ist eine Darstellung, wenn in der Berichterstattung der Mensch zum Objekt, zu einem bloßen Mittel, herabgewürdigt wird. Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn über einen sterbenden oder körperlich oder seelisch leidenden Menschen in einer über das öffentliche Interesse und das Informationsinteresse der Leser hinausgehenden Art und Weise berichtet wird.“

    Verinnerlicht haben wir, keine (Unfall-)Opfer zu zeigen. Wir warten eher zwei Stunden ab, bis die Beteiligten von Rettungskräften versorgt und ins Krankenhaus gebracht worden sind, statt auf den Auslöser zu drücken. Zumindest sollte es so sein. Wir versuchen auch stets, so wenig Aufmerksamkeit wie möglich zu erhalten. Am besten ist, man bemerkt uns bei unserer Arbeit gar nicht. Wir wägen gemeinsam ab, ob das öffentliche Interesse die Art der Darstellung rechtfertigt.

    Entscheidung nicht immer einfach

    Bei den Bildern zum Traktor-Unfall zwischen Bogel und Niederwallmenach am Freitag vergangener Woche, die einige Facebook-Nutzer unangebracht fanden, haben wir in der Redaktion diskutiert. Wir haben uns entschlossen, sie zu zeigen, auch wenn sie schockierend sind. Bei einem solch schrecklichen Ereignis in unserer Region, bei dem zahlreiche Einsatzkräfte beteiligt waren und über das überall gesprochen wird, stellen wir das Informationsinteresse an oberste Stelle. Das Wissen, dass dies für Angehörige schwer zu ertragen ist, belastet auch uns durchaus.

    In dem weiterführenden Artikel sollte das Foto verdeutlichen, dass es sich nicht um abgefahrene Außenspiegel handelt, die das Interesse von „Gaffern“ wecken, sondern um gravierende Ereignisse, bei denen mitunter jede Sekunde Menschen schaden kann. Wir erachteten die Veröffentlichungen als notwendig für die Berichterstattung.

    Das ist bei diesen Zeilen nicht so. Und um ehrlich zu sein: Darüber mussten wir auch nicht diskutieren.

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