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Filsen

Flurbereinigung in Filsen: Kulturlandschaft im Welterbe richtig managen

Welche weitreichenden Bedeutungen ein modernes Flächenmanagement in einer Kulturlandschaft wie dem Welterbe Oberes Mittelrheintal haben kann, machte das Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) Westerwald-Osteifel bei einem Besuch von Wirtschafts-Staatssekretär Andy Becht (FDP) in Filsen deutlich. Beim dortigen Flurbereinigungsverfahren geht es um Verbesserungen des Landschaftsbildes, der touristischen Erschließung, der Artenvielfalt, der Bewirtschaftungsmöglichkeiten und des Hochwasserschutzes bis zu Anbau und Vermarktung der identitätsstiftenden Mittelrheinkirsche sowie der Optimierung bei der Dorferneuerung.

Von unserem Redakteur Andreas Jöckel

Staatssekretär Andy Becht (2. von rechts) hat sich auf der Rheinschleife in Filsen über den Stand der Flurbereinigung informiert. Mit dabei waren unter anderem (von links) Heiko Stumm (DLR), Johannes Noll (DLR-Leiter) und Roland Pietsch (SGD Nord).  Foto: Andreas Jöckel
Staatssekretär Andy Becht (2. von rechts) hat sich auf der Rheinschleife in Filsen über den Stand der Flurbereinigung informiert. Mit dabei waren unter anderem (von links) Heiko Stumm (DLR), Johannes Noll (DLR-Leiter) und Roland Pietsch (SGD Nord).
Foto: Andreas Jöckel

Eingeleitet wurde das vereinfachte Flurbereinigungsverfahren für Filsen im August 2008. Der Gemeinderat hatte sich im Januar 2007 dafür ausgesprochen. Das Gebiet hat eine Fläche rund 147 Hektar. Darunter sind aktuell auch zehn Hektar Ackerflächen, 45 Hektar Obst- und Streuobstflächen, 12 Hektar Hutungsflächen, 24 Hektar Wald sowie 8,5 Hektar Ortslagen. Die Einbeziehung der Ortslage ermöglicht die Unterstützung des Dorferneuerungskonzeptes, etwa durch die Bereitstellung von öffentlichen Flächen, die Unterstützung der Gemeinde beim Hochwasserschutz und die Förderung bei der Beseitigung von Leerständen.

Integrierter Ansatz

Das Verfahren verfolgt einen integrierten Ansatz, der weit über die eigentliche Verfahrensgrenze hinausgeht. Der Zweckverband Welterbe Oberes Mittelrheintal will die Obstkulturlandschaft in Filsen und speziell die Mittelrheinkirschen im gesamten Welterbegebiet erhalten, weil sie in Kombination mit dem Steillagenweinbau Werbeträger mit einem Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen Tourismusregionen sind. Der Zweckverband hat unter anderem die Spezialitätenmarke Mittelrheinkirschen auf den Markt gebracht (siehe Infokasten). Für die innovative Vermarktung der Kirschen bekommt der Zweckverband derzeit eine 70-prozentige Leader-Förderung der LAG Mittelrhein in Höhe von 36 050 Euro. Den Obstanbauern, den verarbeitenden und touristischen Betrieben sollen damit neue Einkommensquellen erschlossen werden. Diese Aspekte sind in die Planung der Bodenordnung eingeflossen.

Wegenetzplanung

Rheinsteig-Wanderer können im Frühjahr an den Kirschblüten bei Filsen erfreuen. Künftig sollen es noch mehr werden. Foto: Andreas Jöckel
Rheinsteig-Wanderer können im Frühjahr an den Kirschblüten bei Filsen erfreuen. Künftig sollen es noch mehr werden.
Foto: Andreas Jöckel

Die Wegenetzplanung dient nicht nur der Erschließung von Grundstücken, sondern auch einem besseren Schutz vor Elementarschäden. Der Ausbau für das Verfahren ist weitgehend abgeschlossen. Laut Ortsbürgermeister Berthold Dorweiler haben sich die ersten positiven Effekte nach den Starkregen im Frühjahr dieses Jahres bereits gezeigt. In der Ortslage Filsen gab es keine nennenswerten Überflutungen. Zum Hochwasserschutz wurden unter anderem 585 Meter Gräben gezogen. Ein Beckensystem mit vier Einzelbecken (200 Kubikmeter) und ein weiteres Becken (400 Kubikmeter) sorgen für Rückhalt und Versickerung. Hinzu kommt der Ausbau des Wanderwegenetzes mit der Ausweisung einer "Traumschleife Kirscherlebnisweg" und die Teilstücke des Rheinsteigs. Einige gestalterische Elemente für den Erlebnisweg sind bereits vorhanden, ergänzende Infotafeln können eingefügt werden.

Landespflege

Der traditionelle Obstanbau und die Sortenvielfalt der Mittelrheinkirschen sind in den vergangenen Jahrzehnten zurückgegangen. Unter der Verbrachung und Verbuschung litten auch die Leitarten wie Wendehals, Hirschkäfer und mehrere Fledermausarten. Zu der Entwicklung trug auch eine Eigentumsstruktur mit kleinsten Parzellen bei. Die Landespflege hat deshalb im Rahmen der Flurbereinigung ein langfristig angelegtes Konzept zur Erhaltung und Entwicklung von Biotopen erarbeitet. Ziel ist unter anderem eine 28 Hektar große Nutzfläche. Darauf sollen zahlreiche Sorten der Mittelrheinkirsche wachsen. Außerdem soll sie für ein Beweidungsprojekt des Landes zur Verfügung stehen. Für das Projekt zur Erhaltung der einmaligen Sortenvielfalt der Mittelrheinkirschen im Filsener Rheinbogen hat das Umweltministerium in Mainz dem DLR bereits Mittel aus Ersatzzahlungen in Aussicht gestellt. Die Zahlungen müssen für nicht kompensierbare Eingriffe in die Umwelt geleistet werden. Die Bewilligung dieser Zuschüsse, auf die das DLR dringend wartet, steht aber noch aus.

Finanzierungsplan

An der Neuordnung der Flächen im Verfahrensgebiet sind laut DLR 530 Alleineigentümer und Erbengemeinschaften beteiligt. Für die Abwicklung sind gemäß Finanzierungsplan 286 700 Euro genehmigt. Darin sind Zuschüsse in Höhe von 85 Prozent von EU, Bund und Land enthalten. Daraus resultiert, dass die Teilnehmergemeinschaft eine Eigenleistung von rund 45 000 Euro aufbringen muss. Nach dem bereits erfolgten Ausbau der Anlagen sollen nun bis Ende März Gespräche mit den Grundstückseigentümern hinsichtlich der Neugestaltung ihres Grundbesitzes geführt werden.

Becht: "Zuständigkeit auch von Herzen"

Andy Becht sagte seine Unterstützung bei der regionalen Entwicklung zu, für die er im Ministerium nicht nur die formelle Zuständigkeit habe, sondern "auch die Zuständigkeit vom Herzen her." Der Südpfälzer zeigte sich beeindruckt von der Herangehensweise bei einer Flurbereinigung, bei der es letzten Endes auch um die Fragen gehe: "Wie wollen wir hier im ländlichen Raum in Zukunft leben? Wie stellen wir uns Heimat vor?" Dabei müssten alle Elemente ganzheitlich zusammengefügt werden: Wirtschaft, Verkehr, Landwirtschaft und Weinbau. "Deshalb bin ich froh, dass wir das Ministerium in dieser Form gefunden haben und damit nicht nur die wirtschaftliche Dimension der Bodenordnung abbilden können." Was das DLR gemeinsam mit den Kommunen, dem Welterbe-Zweckverband und ehrenamtlicher Helfer leiste, sei über reine Bodenordnung hinaus eine "gelebte, integrierte Sozialraumplanung".

Kirschen dienen Region und bedienen Kirchturmdenken

Eine Infotafel in Filsen zeigt die Farben der einzelnen Kirschsorten. Ein umfangreicher Erlebnispfad ist in Planung. Foto: Andreas Jöckel
Eine Infotafel in Filsen zeigt die Farben der einzelnen Kirschsorten. Ein umfangreicher Erlebnispfad ist in Planung.
Foto: Andreas Jöckel – aj

Frank Böwingloh vom DLR berichtet gern über die Erfolgsgeschichte der Mittelrheinkirsche. 82 verschiedene Sorten von gelb bis dunkelrot gibt es in unterschiedlichen Geschmacksrichtungen. Bis vor wenigen Jahren waren einige dieser Perlen vom Mittelrhein noch vom Aussterben bedroht, mittlerweile sind alle gesichert und werden in drei Partnerbaumschulen herangezogen. Der Welterbe-Zweckverband bringt die Vermarktung des regionalen Produkts als Obst , Marmelade sowie in Senf, Wein oder Wurst voran. Dabei erweisen sich die Sorten zunehmend nicht nur als identitätsstiftend für die Region insgesamt, sondern auch für die einzelnen Orte, in denen sie einst gezüchtet wurden: die "Perle von Filsen", die "Kesterter Schwarze" oder die "Bopparder Krächer". Laut Böwingloh bedient das Projekt somit in positiver Weise auch das sonst so verpönte Kirchturmdenken: "Sie werden sich denken können, wo die meisten Bäumchen welcher Sorte zur Anpflanzung nachgefragt werden."

  • Der Dorfladen in Filsen hat sich zu einem wichtigen Vertriebspartner für diese Kirschprodukte entwickelt. Die Öffnungszeiten: Montag bis Freitag von 6.30 bis 10 Uhr sowie von 11.30 bis 12.30 Uhr, samstags von 6.30 bis 12 Uhr. Dienstags bis freitags ist der Dorfladen außerdem nachmittags von 15.30 bis 18 Uhr besetzt. Weitere Informationen zur Bestellung der Produkte im Internet unter www.dorfladen-filsen.de

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