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St. Goarshausen/Bad Ems

Ausstellung von Evelyn Sattler im Kreishaus: Farben, die man schmecken und riechen kann

Ulrike Bletzer

St. Goarshausen/Bad Ems. Farben. Leuchtend und plakativ. Vielschichtig und geheimnisvoll. Hier und da voller zarter Andeutungen, vor allen Dingen aber – ohne Zweifel, der Titel der Ausstellung trifft zu – ungeheuer kraftvoll. Er sei zuversichtlich, dass der Kreistag nun, da er bei seinen Sitzungen von Evelyn Sattlers Gemälden umringt sei, kraftvolle Entscheidungen werde treffen können, schlug Landrat Frank Puchtler bei der Eröffnung einen halb humoristischen, halb ernst gemeinten Bogen von den Werken der zwar in Thüringen geborenen, aber in Nassau aufgewachsenen und heute in St. Goarshausen lebenden Künstlerin zur Politik des Rhein-Lahn-Kreises.

Wer die Ausstellung im Kreishaus besucht, beginnt zu verstehen, was Laudatorin Beate Thiesmeyer meinte, als sie davon sprach, dass man die Farben in Evelyn Sattlers Bildern nicht nur sehen, sondern auch schmecken, riechen und erfühlen könne.  Foto: Ulrike Bletzer
Wer die Ausstellung im Kreishaus besucht, beginnt zu verstehen, was Laudatorin Beate Thiesmeyer meinte, als sie davon sprach, dass man die Farben in Evelyn Sattlers Bildern nicht nur sehen, sondern auch schmecken, riechen und erfühlen könne.
Foto: Ulrike Bletzer

Längst hat sich die Künstlerin, die 1988 mit dem Malen begann, in der Szene einen Namen gemacht – das wurde deutlich, als die mit ihr befreundete Kauber Keramikerin Beate Thiesmeyer in ihrer Laudatio einige der Ausstellungsorte aufzählte, an denen Evelyn Sattler bislang vertreten war. Aber, wie Thiesmeyer betonte: „Evelyns Werk gehört zu den ungehobenen Schätzen an Rhein und Lahn. Hier greift die Redewendung vom Propheten, der im eigenen Land wenig gilt. Umso mehr freue ich mich, dass ihre Bilder mit dieser großen Ausstellung nun endlich die Anerkennung erfahren, die sie verdienen.“ Bilder voller Leben seien es – Bilder, an denen man immer wieder etwas Neues entdecke und sich nicht sattsehen könne, so die Laudatorin.

Wie recht sie damit hatte, zeigte sich beim anschließenden Rundgang. Nehmen wir zum Beispiel das tierisch gute Acrylgemälde „Amalia“ vorne links im Sitzungssaal, in dem manche Betrachter willkürlich angeordnete schwarze und weiße Flächen, andere dagegen das Bildnis einer schwarz-bunten Kuh sahen. Interessant zu beobachten: Je mehr man sich diesem großformatigen Acrylgemälde nähert, desto stärker wird der Blick auf den brummigen Schädel der vierbeinigen Schönheit gelenkt – ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie die Künstlerin mit unterschiedlichen Wahrnehmungen und wechselnden Perspektiven, mit dem unerschöpflichen Spannungsfeld zwischen abstrakter und gegenständlicher Malerei spielt. Wobei sie beides auch in „Reinform“ beherrscht: Eines der wenigen gegenständlichen Bilder der Ausstellung ist das 2001 entstandene Stillleben „Äpfel am Strand“ – eine offenbar von einem Picknick inspirierte Detailaufnahme, die neben der im Sand platzierten Plastiktüte mit den Früchten eine beiseite gelegte Zigarettenschachtel zeigt. Eindeutig der abstrakten Malerei zuzurechnen sind dagegen die drei an der Stirnseite des Sitzungssaals positionierten, 2 auf 1,5 bis 3 auf 2 Meter messenden Werke „Atlantik“, „Aufbruch“ und „Maar“, die den Betrachter in einen Sog aus Blau- und Grau- oder auch Rottönen hineinzuziehen scheinen. Hier beginnt man zu verstehen, was Beate Thiesmeyer meinte, als sie davon sprach, dass man die Farben in Evelyn Sattlers Bildern nicht nur sehen, sondern auch schmecken, riechen und erfühlen könne. Dass diese Gemälde mehrere Sinnes- und Wahrnehmungsebenen ansprechen, liegt zum einen sicherlich an der Vielfalt der verwendeten Techniken und Materialien, bei denen der Schwerpunkt auf der Acrylfarbe liegt, aber auch Ölfarbe und Kreide ihren festen Platz haben. Zum anderen aber auch daran, dass viele Bilder aus mehreren nacheinander aufgetragenen Schichten bestehen, aus denen eine reizvolle Tiefe und Dreidimensionalität resultiert. Losgelöst von einem erkennbaren Motiv, wachsen die Farben hier sozusagen über ihre Rolle als künstlerisches Medium hinaus und entwickeln ein Eigenleben.

Sie habe schon immer „groß“ gemalt, erklärte Evelyn Sattler im Gespräch mit der RLZ und ergänzte: „Die großformatigen Bilder sind meistens schneller fertig als die kleinen, bei denen ich mich schon mal im Detail verlieren kann.“ Aber auch Letztere gibt es, wenn auch in weitaus geringerer Zahl. Eines davon trägt den Titel „Junger Mann II“, hängt etwas versteckt an der Rückseite einer Stellwand im Foyer und zeugt davon, dass die „kraftvolle“, zu einem expressionistischen Stil neigende Malerin durchaus auch sehr fili-gran und in einer zurückhaltenden Bildsprache arbeiten kann. Zwischen diesen beiden Polen findet sich eine Vielzahl von Nuancen, ebenso wie von Motiven: Menschliche Körper, Blumen und Landschaften im Spagat zwischen realistischer und verfremdender, abstrakter Darstellung. Porträts von Personen, deren Gesichter schemenhaft und damit unergründlich bleiben. Dazu immer wieder der Kontrast zwischen dem Großflächigen, Wilden und dem liebevoll gestalteten, fast schon bieder wirkenden Detail wie etwa bei „Hummer IX“, einem der am unmittelbarsten die Aufmerksamkeit auf sich ziehenden Exponate, bei dem in einer Ecke unvermittelt ein braves Karomuster auftaucht, oder bei der „Familienfeier“, bei der Edelweißblüten ein heimeliges Flair verströmen. Erschöpft ist der Fundus an Exponaten damit noch lange nicht. Weshalb die Devise lautet: selbst hingehen und anschauen. Es lohnt sich.

Die Ausstellung ist bis Freitag, 4. Mai, zu den Öffnungszeiten der Kreisverwaltung (montags bis freitags 8 bis 12 Uhr und donnerstags 14 bis 18 Uhr) zu sehen. Der Zugang zum großen Sitzungssaal kann durch Veranstaltungen eingeschränkt sein.

Von unserer Mitarbeiterin Ulrike Bletzer

Gitarrenmusik zur Ausstellungseröffnung

Für die musikalische Umrahmung der Vernissage sorgte die weißrussische Gitarristin Yuliya Lonskaya, unter anderem mit einer sehr beeindruckenden Interpretation von Tangoliedern.

Dass sie in Bad Ems mitwirkte, war kein Zufall: Am Samstag, 11. August, kann man Yuliya Lonskaya gemeinsam mit Lulo Reinhardt ab 19 Uhr bei dem Konzert „Gipsy meets Classic“ erleben.

Es findet dort statt, wo Evelyn Sattler lebt und arbeitet: Vor rund zehn Jahren hat sie gemeinsam mit ihrem Ehemann, dem Architekturprofessor Siegbert Sattler, die ehemalige Stadtmühle von St. Goarshausen gekauft und in eine Galerie und Veranstaltungsstätte umgewandelt. ubl

Bad Ems Lahnstein
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