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    Welterbe-Serie, Teil 8: Vier Jahreszeiten im und um den Weinberg: Wie bei Winzer Jens Didinger aus der Traube an der Rebe der Wein in der Flasche wird

    Wingerte prägen das Landschaftsbild im Weltkulturerbe Oberes Mittelrheintal schon seit Jahrhunderten. Und früher wie heute ist die Weinherstellung in den steilen Hängen entlang des Rheines mit großem Aufwand und viel Handarbeit verbunden, die die Winzer, die Gärtner des Welterbegebiets, gern auf sich nehmen. Winzer setzen hier ihr Wissen und ihre Mannes- beziehungsweise Frauenkraft ein und halten alte Traditionen hoch – in einem ewigen Kreislauf mit den Jahreszeiten. Aber welche Arbeiten fallen übers Jahr eigentlich in einem Weinberg an, bis am Ende der güldene Saft in der Flasche landet? Jens Didinger und seiner Tochter Ida vom Weingut Didinger in Osterspai, die ihren Wein im Bopparder Hamm anbauen, haben mit uns über diesen Kreislauf gesprochen

    Jens Didinger und seine Tochter Ida sind Winzer aus Leidenschaft. Zwar bewirtschaften sie auch den Burggarten in Osterspai, ihr Hauptanbaugebiet ist aber der Bopparder Hamm gegenüber von Osterspai, der im Hintergrund zu erkennen ist.
    Jens Didinger und seine Tochter Ida sind Winzer aus Leidenschaft. Zwar bewirtschaften sie auch den Burggarten in Osterspai, ihr Hauptanbaugebiet ist aber der Bopparder Hamm gegenüber von Osterspai, der im Hintergrund zu erkennen ist.
    Foto: Mira Müller

    Der Winter

    „Im Winter beginnt im Weinberg der Rebschnitt“, erzählt Jens Didinger. Das Triebholz, an dem vor Kurzem noch die Trauben hingen und sich die Blätter im Herbst leuchtend rot färbten, verbleibt gehäckselt als organischer Dünger im Weinberg. Nur noch ein Trieb wird am Rebstock stehen gelassen und am Drahtrahmen gebogen. Auch Kompost oder Stroh wird in dieser Jahreszeit ausgebracht, deren Nährstoffe sich über die kalten Monate in den Schieferuntergrund einarbeiten und den Pflanzen als Nährstoffe in der kommenden Vegetationsphase zur Verfügung stehen.

    Der Frühling

    Will man eine neue Anlage mit Rebstöcken pflanzen, so passiert dies im Frühjahr. „Meistens liegt es nicht am Rebstock, dass eine Anlagen neu gepflanzt wird“, erzählt Jens Didinger, „sondern weil die Arbeit im Weinberg durch die Mechanisierung von Arbeitsschritten erleichtert wird.“ In großem Ausmaß ist dies zum letzten Mal in den 70er- und 80er-Jahren im Zuge der Flurbereinigung passiert. Viele kleine und häufig auch sehr schmale Parzellen sind in diesem Prozess zusammengefasst worden. Außerdem begann 1969 auch der Wegebau im Bopparder Hamm, der seitdem den Arbeitsalltag im Weinberg vereinfacht. Die Trauben müssen seitdem bei der Lese nicht mehr mit dem sogenannten Legel, einem hölzernen Traubenrucksack, den gesamten Hang hinunter zum Rhein getragen werden, sondern können auf den „Zwischenetagen“ – im Bopparder Hamm gibt es derer vier – in den Hänger eines Traktors ausgeleert werden. Mit dieser Entwicklung ging einher, dass der Wein an Drahtrahmen und nicht mehr jeder Weinstock einzeln an einem Stock wächst. Über die Breite des Wingerts sind von oben nach unten in jeder Reihe fünft Drähte übereinander gespannt. Ist der Trieb einer Pflanze anfangs lediglich entlang der beiden unteren Drähte gebogen, erobern sich die Triebe im Laufe des Frühlings und Sommers alle weiteren Drähte.

    Doch zurück zu den Arbeiten im Frühjahr: Das erste zarte Grün sprießt aus den sogenannten Augen des Triebs, die beizeiten an die gespannten Drähte geheftet werden. Im unteren Drittel der Pflanzen wächst das Geschein, das sich Ende Mai, Anfang Juni zu Blüten entwickeln und an dem später die Trauben wachsen werden. In dieser Phase spielt der Pflanzenschutz schon eine wichtige Rolle. „Vieles wird heute mit dem Hubschrauber gemacht“, ist Didinger für die Arbeitserleichterung in den Steilhängen dankbar. Probleme bereiten nach wie vor der Echte und der Falsche Mehltau – vor allem, wenn das Frühjahr sehr feucht ausfällt, hat der Mehltau ein leichtes Spiel. Alle zehn bis zwölf Tage muss dem Ausbreiten der Mehltau-Pilze mit Fungiziden vorgebeugt werden. Im Gegensatz dazu „müssen tierische Schädlinge eigentlich nicht mehr bekämpft werden“, erzählt Jens Didinger. Größtes Problem war einmal der Traubenwickler, eine Motto, die ihre Eier vor der Blüte in das Geschein ablegt und verspinnt und dadurch für eine Missernte sorgte. Doch so weit lassen es die Winzer heute gar nicht erst kommen. Seit mittlerweile rund 30 Jahren werden Pheromonampullen in den Weinbergen aufgehangen, die weibliche Duftstoffe verströmen. „Vor lauter Amore findet das Männchen das Weibchen nicht mehr“, lacht Didinger.

    Der Sommer

    Um spätere Fäulnis an den Trauben zu vermeiden und eine gute Besonnung der Trauben, die den Sommer über wachsen, sicherzustellen, ist es wichtig, die Reben im unteren Bereich zu entblättern. „Das Freistellen ist ein sehr großes Thema. Damit beginnen wir direkt nach der Blüte“, erzählt Jens Didinger, „dann können sich schon die kleinen Trauben an die UV-Strahlung gewöhnen und man beugt Sonnenbrand vor.“ Darüber hinaus trocknen die Trauben nach Regen schneller ab, was Fäulnis und Pilzerkrankungen vorbeugt. „Das ist natürlicher und aktiver Pflanzenschutz.“

    Nicht nur die Trauben entwickeln sich in den Sommermonaten zu saftigen Beeren, auch die Reben wachsen stetig weiter. In den wilden Wuchs muss Ordnung hereingebracht werden. Dazu müssen die Reben regelmäßig an den oberen Drähten des Drahtrahmens angeheftet werden. „Und irgendwann wachsen die Reben über die Drähte hinaus. Dann wird gegipfelt, also die Rebenden gekappt“, erzählt Ida Didinger, die in Geisenheim Weinbau und Oenologie studiert hat. „Das passiert über den Sommer insgesamt zweimal“, ergänzt sie.

    Auch in dieser Phase spielt darüber hinaus der Pflanzenschutz eine wichtige Rolle. Denn vor Mehltau ist man gerade bei feuchter Witterung nie gefeit. Angefangen beim Rebschnitt über das Biegen, Auspflücken beziehungsweise Entlauben, dem Gipfeln der Triebe, der Bodenbearbeitung bis hin zum Pflanzenschutz hat Didinger beziehungsweise seine Mitarbeiter jeden Weinstock rund zwölf Mal in Augenschein genommen.

    Der Herbst

    „Dieses Jahr erwarten wir eine frühe Ernte – vermutlich Ende September, Anfang Oktober“, prognostiziert Ida Didinger. Durch die hohen Temperaturen am Anfang des Jahres begann die Wachstumsphase sehr früh. Der Frost, der im April noch mal durch die Lande zog, richtete am Mittelrhein glücklicherweise keinen so großen Schaden an. „Dass die Lese voraussichtlich so früh beginnt, ist beim Riesling aber nicht die Regel. Die Lese kann sich durchaus auch mal bis zum November hinziehen“, erzählt Ida Didinger.

    Doch egal, ob die Traubenernt Ende September oder erst im November beginnt: „Wir haben es gern, wenn die Trauben kühl nach Hausen kommen“, sagt Jens Didinger, was angesichts der Klimaerwärmung immer schwieriger zu bewerkstelligen sei. Der Vorteil kühler Trauben ist, dass sie länger auf der Maische stehen können. „Sie müssen nicht so schnell verarbeitet werden, und die Geschmacksstoffe können sich aus der Schale lösen“, erklären Didingers unisono. Während Rotwein bis zu zwei Wochen auf der Maische bleibt, was Farbe und Geschmack zugute kommt, sind es beim Weißwein gerade einmal zwölf Stunden. Dann wird der Maische gekeltert und der Traubensaft in Tanks gefüllt. Weitere eineinhalb bis zwei Tage später haben sich die Trübstoffe im Most abgesetzt und der klare Saft wird geklärt und zur Gärung umgefüllt – dazu kann, muss aber nicht Hefe hinzugefügt werden. Wird keine Hefe zugegeben, spricht man von einer Spontanvergärung. „Man weiß nie, wo die Reise hingeht“, sagt Jens Didinger, „aber ich finde so was spannend und individuell. Bei gekauften Hefen gibt es immer eine gewisse Uniformierung im Geschmack. Wenn man von Herkunft, Terroir und Boden bei den Weinen spricht, gehört für mich die Vergärung mit traubeneigenen Hefen dazu.“ Didingers setzen für ihren Wein auch Reinzuchthefen ein, aber nicht ausschließlich. Dies sei immer auch vom Zustand der Trauben abhängig.

    Manchmal vergäre der Saft zu Wein innerhalb von 14 bis 21 Tagen, mal könne es aber auch bis zu drei Monaten dauern oder gar bis in den März oder April hinein. Zwischendrin muss der Rebensaft immer wieder probiert und kontrolliert werden, damit keine Essigsäuregärung oder Milchsäuregärung stattfindet, was den Wein ungenießbar machen würde. Soll der Wein am Ende süß bleiben, muss eine Gärunterbrechung erfolgen. „Der Wein muss so weit runtergekühlt werden, bis die Hefen nicht mehr weiterarbeiten“, erklärt Didinger. Ob lieblicher oder trockener: Am Ende der Gärung erfolgt der sogenannte Abstich, der Wein wird von der Hefe genommen, also ein weiteres Mal umgefüllt. Um den Wein für die Zukunft haltbar zu machen, also bakteriell stabil und keimfrei, wird er in der Regel geschwefelt und dann in Flaschen abgefüllt. Ein neuer Jahrgang ist entstanden. „Auch wenn viele derzeit von einem guten Jahrgang sprechen, kann noch viel passieren. Es bleibt immer bis zum Ende spannend“, weiß Ida Didinger.

    Von unserer Reporterin Mira Müller

    Im Weingut Didinger packt die ganze Familie mit an

    „Der Weinbau in der Familie Didinger lässt sich bis zum Dreißigjährigen Krieg zurückverfolgen“, erzählt Jens Didinger vom Weingut Didinger in Osterspai. Doch Winzer als Haupterwerb sind Didingers „erst“ seit vier Generationen. Sein Großvater war Fuhrmann und hatte Weinberge im Bopparder Hamm, seine Großmutter, gebürtige Bopparderin, hatte ebenfalls Weinberge, die sie von ihrem Bruder erbte, als dieser im Krieg fiel.

    Setzte die Familie damals zusätzlich zum Wein auch noch auf Obstanbau, vor allem Kirschen und Erdbeeren, entschied man sich wegen des Preisverfalls für Kirschen in den 1980er-Jahren, sich auf Wein zu spezialisieren. Im Bopparder Hamm – vis-à-vis zu ihrem Weingut in Osterspai – bauen sie auf sechs Hektar ihren Wein an. Das Gros der Rebsorten mit rund 80 Prozent ist der Riesling, „Tendenz steigend“, sagt Jens Didinger. Außerdem bauen sie noch Müller-Thurgau, Grauer Burgunder, Kerner-, Spätburgunder und Dornfelder an. Neben dem Weinbau führen Didingers auch noch einen Gutsausschank, den es bereits seit 1969 gibt. Die anfallende Arbeit stemmt Jens Didinger mit seiner Frau Veronica und Tochter Ida gemeinsam mit zwei Festangestellten, unterstützt durch die gesamte Familie. 

    Mira Müller

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