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    Mittelrhein

    Interview: Weinbaupräsident Heinz-Uwe Fetz spricht über die Besonderheiten des Anbaugebiets Mittelrhein

    Heinz-Uwe Fetz ist Weinbaupräsident für das Anbaugebiet Mittelrhein, das sich über das Welterbegebiet bis hin zum Siebengebirge bei Bonn erstreckt. Wir haben mit ihm über die Besonderheiten des Anbaugebiets gesprochen.

    Weinbaupräsident Heinz-Uwe Fetz spricht über die Besonderheiten des Weinanbaugebiets Mittelrhein.
    Weinbaupräsident Heinz-Uwe Fetz spricht über die Besonderheiten des Weinanbaugebiets Mittelrhein.
    Foto: Mira Müller

    Wie würden Sie das Weinanbaugebiet Mittelrhein beschreiben?

    Das Obere Mittelrheintal ist 2002 Welterbegebiet ernannt geworden, weil die Region zwischen Bingen und Koblenz einer der schönsten Abschnitte des Rheines ist. Der Rhein wird gesäumt von Burgen und Schlössern und hat natürlich eine geschichtliche und kulturelle Vergangenheit. Und auch der Weinbau mit seinen Steillagen und prägenden Landschaftselementen trägt einen Großteil dazu bei. Das Anbaugebiet ist noch etwas unbekannt im Vergleich zu anderen. Das hängt damit zusammen, dass rund 90 Prozent der erzeugten Trauben im Tal von den Winzerfamilien selbst vermarktet werden. Es gibt noch zwei Genossenschaften. Jede Familie hat seine Stammkundschaft oder seinen wechselnden täglichen Konsumentenkreis, die das Weingut besuchen. Die Mittelrheinwinzer sind, was die Vermarktung betrifft, schon sehr gut darin aufgstellt. Es gibt viele kleine, moderne Vinotheken.

    Was macht das Welterbegebiet als Weinanbaugebiet so besonders?

    Wir haben einen erhöhten Schieferanteil. Der Mittelrheingraben ist ja durch Grauwacke und Schieferboden geprägt, vor allem im südlicheren Teil bei Bacharach, Oberwesel und Kaub. Dort wurde mal der beste europäische Schiefer abgebaut. Dann kommen wir nach Boppard. Da ist der Steinanteil nicht mehr ganz so hoch. Und in Leutesdorf, was zwar nicht mehr zum Welterbegebiet gehört, aber zum Anbaugebiet Mittelrhein, sind Böden oft von Löss geprägt.

    Der Großteil der Flächen, auf den Wein angebaut wird, sind Steillagen. Was bedeutet das für den Weinanbau?

    In den Steillagen haben wir eine intensivere Sonneneinstrahlung. Das heißt, Regen trocknet durch den Aufwind vom Rhein, der nachts gegen den Berg geht, schneller ab. Nachts findet keine Vegetation statt, weil das Licht dazu fehlt. Für Zuckerbildung braucht die Pflanze Chlorophyll, also Blattmasse, Sauerstoff und Licht. Der warme Wind, der vom Rhein gegen die Hanglage kommt, kühlt nach obenhin ab. Das heißt, bei den unteren Lagen, also in den Toplagen, beginnt die Vegetation sofort, sobald die Sonne aufgeht, weil dort die Bodentemperatur noch höher ist als weiter oben.

    Kann man die Besonderheiten, was die Böden und Steillagen betrifft, auch später im Glas schmecken?

    In Sachen Riesling können wir ein breites Angebot liefern. Die Weine aus dem südlichen Anbaugebiet bei Bacharach, Oberwesel und Kaub sind mineralisch und haben eine sehr fruchtige Säure, die aber gut im Getränk abgepuffert ist. Die reine Südlage im Bopparder Hamm bewirkt sehr aromaintensive Weine, von der Säure her etwas dezenter, aber sehr fruchtbetont. Und man hat dort auch sehr gute Erträge. Sonne hat noch niemanden aus dem Land getrieben. Ob durch die Klimaveränderungen in 15 bis 20 Jahren die Toplagen von heute auch die Toplagen der Zukunft sind, das kann ich heute nicht sagen. Der Trend zeigt jedenfalls, dass diese super Lagen immer früher reif werden, die Beeren dünnschaliger sind und beim Einbruch von schlechten Witterungsverhältnissen im September sehr schnell zum Nachteil übergehen können. Wohingegen die oberen Lagen und die Seitentäler, die später erst die Entwicklung haben, zwar nicht die hohen Mostgewichte haben, aber oft etwas gesünderes Lesegut hervorbringen. Wie sich die Natur verändert, das kann ich aber nicht voraussagen. Die Toplagen haben in den letzten Jahren etwas gelitten, was den Gesundheitszustand betrifft, nicht aber was den Oechslegrad betrifft. Und in Leutesdorf haben wir auch sehr fruchtige Weine mit einer geradlinigen Säure.

    Ist Säure bei Weinen denn erwünscht?

    Säure klingt oft sehr abschreckend für die Konsumenten. Aber Säure ist ein Charakter des Rieslings und stellt ein gewisses Gerüst dar. Das müssen wir auch weinbautechnisch gegenüber den Mitbewerbern behalten. Den Riesling, wie wir ihn hier ernten, den gibt es in anderen Anbaugebieten im In- und Ausland so nicht. Das ist unser Alleinstellungsmerkmal hier am Mittelrhein.

    Die Zeiten im Weinbau wandeln sich stetig. Welche Erleichterungen haben Winzer heute, gerade in den Steillagen?

    Stets kommt immer mehr Technik in den Weinbau. Früher hat man die Trauben alle mit Holzkiepen getragen, sogenannten Legeln, die waren sehr schwer. Heute hat man Kunststoffbütten und Erntewagen. Außerdem ist vieles technisierter. Heute wird alles an der Seilwinde gezogen oder mit Raupen durch die Steilhänge gefahren. Der Fortschritt in der Landwirtschaft ist nach wie vor enorm.

    Aber vieles muss nach wie vor als Handarbeit erledigt werden ...

    Es ist am Mittelrhein schon noch eine erhöhte Anzahl an Stunden in Handarbeit nötig. Aber ich bin sicher, dass man sicherlich auch weiterhin die Technisierung in den Weinbergen fördern wird. Ich vermute, dass in diesem Jahr zum ersten Mal auch im Mittelrheintal mit einem Steillagen-Vollernter eine Ernte eingefahren wird - die Technik gibt es. Nur muss auch bedacht werden, dass ein Weinberg mit einer Reihenbreite von 1,40 Meter für die Technisierung auf 1,80 Meter bis 2 Meter umgebaut werden muss.

    Wie genau funktioniert das?

    Der Weinstock und die gesamte Drahtanlage muss rausgenommen und im nächsten Jahr wieder gepflanzt werden, und dann gibt es drei Jahre keinen Wein von dieser Fläche. Das heißt, es fehlt ein Teil der Ernte. Und dann ist erst mal nur ein Teil der gesamten Fläche umgebaut. Das heißt, der Umbau für die Technisierung eines Betriebs dauert relativ lange und kostet viel Geld. Viele der Aufgaben wie Pflanzenschutz, Bodenbearbeitung oder Teile der Laubarbeit und so weiter werden mittlerweile an Lohnunternehmen ausgesourct, weil es sich für kleine Betriebe oft nicht lohnt, alle Geräte selbst anzuschaffen. Aber der Weg wird dahin gehen. Meiner Meinung nach kann keiner den Wein besser verkaufen wie der Winzer selbst. Den Ursprung von allem kennen nur der Winzer und die Winzerin selbst. Das soll nicht bedeuten, dass die Arbeiten im Weinberg minderwertig wären, dort werden die Grundlagen für einen guten Wein gelegt. Aber das Vermarkten zu einem guten Preis ist heute eine sehr verantwortungsvolle Aufgabe.

    Welche Rolle spielt die Politik im Weinbau?

    Natur lässt sich nicht in Gesetze und Gesetzestexte pressen - das hat die Politik aber noch nicht immer kapiert -, sondern Natur ist, wie sie ist. Wir ernten nur einmal im Jahr, und damit muss ich mindestens zwölf Monate auskommen, vielleicht sogar, wenn es im nächsten Jahr schlechtes Wetter gibt, auch mal 24 Monate. Insofern wird die Klimaveränderung die größte und herausforderndste Aufgabe für die junge Winzergeneration werden. Es ist nun an ihnen, die Rahmenbedingungen in der Politik mit zu gestalten.

    Was bedeutet die Klimaerwärmung für die Winzer im Mittelrheintal?

    In meiner Schnapsbrennerei beispielsweise stelle ich mehr als Hundert verschiedene Schnäpse her. Dort spüre ich auch die Klimaveränderung. Im April dieses Jahres gab es den schlimmen Frost, der den Obstbau massiver getroffen hat als den Weinbau, wobei es auch da Regionen gibt, wo es katastrophal aussieht. Aber das Mittelrheintal ist noch mal glimpflich davongekommen. Aber was ich vorhatte, dieses Jahr zu brennen, wird nur unter viel größerem finanziellen Aufwand zu bewerkstelligen sein. Ich muss mindestens das Doppelte investieren, um an die Früchte zu kommen. Aber ich muss es jetzt machen, denn das Kontingent, was mir für dieses Jahr zur Verfügung steht, verfällt sonst. Das ist wieder eine Sache, in der die Gesetze nicht so flexibel reagieren, wie es die Natur fordert.

    Seit vergangenem Jahr ist im Anbaugebiet Mittelrhein auch erlaubt, Roten Riesling zu pflanzen. Was hat es damit auf sich?

    Rotem Riesling wird nachgesagt, dass er eine festere Schale hat. Dadurch ist er in der frühen Reifephase nicht so anfällig für Fäule oder Aufplatzen der Schale im Vergleich zu unserem Riesling, der im Verlauf der Reifezeit schon sehr dünnschalig ist. Der Wein des Roten Rieslings selbst ist weiß, während die Schale farblich ein wenig rostig ist.

    Und was hat genau ist die Mittelrhein Riesling Charta?

    Vor sechs Jahren hat sich die Mittelrhein Riesling Charta gebildet. Das ist eine Zusammenkunft von 22 Winzern des Mittelrheingebiets, die 100 Prozent Riesling in die Flasche füllen. Von jeder als Profilwein verkauften Flasche werden 10 Cent in die Landschaft zurückgeführt, beispielsweise wird das Geld in den Trockenmauerbau investiert oder in die Landschaftserhaltung und das Freilegen von Wasserführungen. Das ist ein ganz wichtiger Aspekt, ich kenne keine Institution, die so etwas macht. Das letzte Projekt der Riesling Charta ist die Neuanpflanzung einer Rebanlage an der Martinskirche in Oberwesel.

    Und was hat das Mittelrheintal für die Konsumenten zu bieten?

    Wir haben schon vieles umgesetzt, was zur Weiterentwicklung des Mittelrheintals beiträgt. Touristen und damit auch Konsumenten haben die Möglichkeit, das Tal mit dem Schiff, der Bahn oder auch zu Fuß über den Rheinsteig oder den Rheinburgenweg zu erkunden. Ich tendiere immer zur Weiterentwicklung. Aber die Entwicklung muss weitergehen. Denn Entwicklung heißt Wandel, heißt Erneuerung, heißt, einen neuen Konsumentenkreis anzusprechen. Man muss und darf ein kritischer Betrachter sein und Ideen entwickeln. Dafür muss man sich nicht selten auch baulich verändern und neue Dinge schaffen. Vielleicht ist dies auf den ersten Blick nicht immer welterbeverträglich. Aber wir können nur eines: Entweder wir bleiben im Status quo stehen, oder wir entwickeln uns zu einer blühenden Region. Wenn wir den Zuschlag für die Buga 2031 bekommen, ist das für uns eine riesige Chance. Ich würde mich riesig freuen, wenn viele Investoren kommen und an der Rheinfront und in den Höhengemeinden mit plakativen Gebäuden das Landschaftsbild positiv beeinflussen.

    Wie bringen Sie den Mittelrheinwein weiter nach vorn?

    Das Anbaugebiet ist ein sehr kleines, sehr feines und sehr interessantes Gebiet mit einem der höchsten Rieslinganteile in Deutschland. Wir haben natürlich noch den Vorteil des Welterbe-Status, den ich natürlich auch unterstütze. Und wir haben den Vorteil, dass die ersten jungen Winzer in die Betriebe einsteigen, dass die Zukunft sicherlich in den Betrieben weiter geht. Wir haben den Wandel, dass die Rebflächen wieder zunehmen, also die Talsohle überwunden. Das heißt, es wird wieder mehr angebaut und es wird wieder mehr am Markt benötigt. Und ich persönlich hoffe, dass die Weinbranche mit den Touristikern und den Gastronomen gemeinsam an einem erfolgreichen Runden Tisch sitzen, das "Ich-Ich" über Bord werfen und zum Wir kommen. Denn wir gemeinsam müssen das schaffen für die nächste Generation. Am Runden Tisch muss Junges und Stürmisches mit unserer Lebenserfahrung zusammenkommen. Und so können wir gemeinsam den Mittelrhein weiter gemeinsam voranbringen.

    Die Fragen stellte Mira Müller

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