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Nachruf auf Lothar Sauer: Ein Leben für Literatur, Fotografie und Jungenleben

Es ist schon ein paar Jahre her, dass man den bekennenden Fußgänger Lothar Sauer mit seiner Aktentasche vom Betzdorfer Engelstein aus hinunter in die Innenstadt gehen sah, wo er einkaufte. Mit dem Alter hörten diese Einkäufe langsam auf, wenn er sich auch bis zu seinem 85. Lebensjahr in kleinen Schritten, diszipliniert wie eh und je, „in den Ort“ begab – fast bei jedem Wetter und in stets sommerlicher 50er-Jahre-Bekleidung. Seit Mitte 2017 konnte er allerdings sein Heim nicht mehr verlassen – nachdem er 2016, am Rosenmontag, vor seiner Haustür gestürzt und daraufhin immer wieder in Behandlung war. Jetzt ist Lothar Sauer gestorben. Der Literat, Autor, Übersetzer, Weltreisende und Fotograf wurde 87 Jahre alt.

Literatur und Fotografie waren seine Berufung. Typisch für seine Bilder war Sauers „ästhetischer Schnappschuss“: Fotos, deren unwiederbringliches Motiv er in Sekundenbruchteilen erkannte, die Kamera hoch riss und es festhielt. Bei vielen könnte man denken, sie seien langwierig gestellt und komponiert worden. Auf dem Weg zu seiner letzten Fotopirsch zog er sich auch jene drei Beckenbrüche zu, von wo an es – nach einem Auf und Ab aus Genesungen und einem neuen Sturz – immer weiter bergab ging: An jenem Rosenmontag 2016 hatte er seinen alten Freund „Sehne“ Orthmann angerufen, ob er ihn nicht nach Herdorf zum Karnevalszug fahren könne, damit er dort noch mal Fotos schießen könne. Vor der Haustür rutschte er bei dem Versuch aus, in einem Anflug aus gedankenlosen Jugendlichkeit einen Tannenzapfen von der Straße aufzuheben und ihn „über die Hecke“ in die Bepflanzung des Stadions zu „pfeffern“.

Ja, Sauer – nie verheiratet und im Elternhaus schon als Kind aller Körperlichkeit entfremdet – empfand sich bis ins Alter als einen „ewiger Knaben“, wie er schmunzelnd, aber nicht ohne Ernst bekannte. Als einer, der nie erwachsen werden wollte – und wohl auch nicht konnte. So scheiterte der 1930 in Essen als Arztsohn geborene Künstler bereits als angehender Lehrer an der Realität des Schulalltags – in den 1960er-Jahren (!) an deutschen und französischen Gymnasien mit wohlbehüteten Knaben. Selbst hier fehlten ihm seine (zu) hohen Ideale von Geistesbildung, von Goethe, Schiller, Heine, Keller, Fontane, Baudelaire, Rimbaud, Hesse, Hemingway und vielen anderen Dichtern. So warf er den Bettel hin, bevor er, der ausgebildete Lehrer, seinen Beruf antrat.

Sein Vater Felix – ein Kinderarzt, der mit der Familie 1944 vor den Bomberangriffen der Alliierten aus Essen nach Betzdorf floh, als Hans-Lothar 14 war – gab ihm die Chance, sich als Autor und Fotograf finanziell freizuschwimmen. Dies gelang ihm allerdings nicht; doch Sauer war keiner, der das ererbte Geld mit vollen Händen ausgab: Er lebte selbst für die luxusarmen Verhältnisse der Nachkriegsjahrzehnte äußerst bescheiden. Ausnahmen bildeten seine Reisen zwischen 1980 und 2007 in 30 meist subtropische Länder – die er indes nicht als Urlauber unternahm, sondern als Fotograf, der nichts im Sinn hatte als den ästhetisch perfekt komponierten Schnappschuss.

Vor 40 Jahren begann er damit, in Bruche und Betzdorf einer kleinen Fangemeinde bei Diaabenden von seinen Reisen zu berichten. Zuvor hatte er schon mit Vorträgen wie dem „Waldzauber“ mit Bildern aus der Heimat von sich reden gemacht – stets in Kontakt mit seinem Bruder Frieder in München, einem bekannten Naturfotografen. Doch auch beim Fotografieren blieb Sauer ein Dinosaurier, nutzte nie eine Digitalkamera, vergrößerte alle seine Schwarz-Weiß-Bilder noch selbst, nutzte erst ab 1985 ein Zoomobjektiv, ab 1995 ein Autofokus. Und bei seinen Vorträgen kam bis zuletzt ein uralter Projektor zum Einsatz, bei dem die Bilder per Hand geschoben werden mussten. Eine Panorama-Diashow mit mehreren Projektoren kam nicht in Frage.

Seine Fotos an die Wand zu hängen, dazu musste man ihn fast nötigen. Erst auf einen Tipp hin begann er damit, sie in seinem seit 20 Jahren renovierungsbedürftigen Haus anzubringen. Überhaupt benötigte er so gut wie nichts von all den Dingen, die heute eigentlich zum einfachen Lebensstandard gehören. Die Möbel im gelben Eckhaus blieben bis zu Sauers Tod die aus der Nachkriegszeit, ebenso die meisten Tapeten, Teppiche und allerlei Relikte auf dem Dachboden und im Keller. Bloß einen Fernseher – für seine Leidenschaften Fußball, Leichtathletik und großes Kino – sowie sein altes Röhrenradio, mit dem er viele Stunden am Tag klassische Musik sowie Kultur- und Literatursendungen hörte, mochte er nicht missen. Das änderte sich erst in seinem letzten halben Lebensjahr. Da interessierten ihn weder Fußball noch Buchkritik. „Ich habe meine Zeit gehabt“, sagte er, „ich will nur noch da hinten hin...“ Und er wies zum anderen Ende der Engelsteinstraße, zum Betzdorfer Friedhof... Er war ein Nachtmensch: Eine weitere Eigenart, die ihn – wie er glaubte – bei den Betzdorfern zum verdächtigen Unbürger machen musste. Noch nachts um drei brannte bei ihm das Licht. Dann saß er auf seinem Sofa, hörte Radio, schaute einen Krimi (vom „Malteser Falken“ bis zu „Pulp Fiction“), las oder tippte auf seiner steinalten Schreibmaschine, sodass man es draußen auf der Straße hörte. Es waren Briefe (bis hin zu einem lebhaften Briefwechsel mit Wolf Biermann), Übersetzungen großer französischer und englischer Lyrik, eigene Gedichte, Prosa. Und natürlich seine legendären Gruselgeschichten, die in den 70er-Jahren in vier Bänden im Freiburger Herder-Verlag erschienen: „Die Geisterkogge“ (acht Auflagen), „Die Satansschüler“, „Die Hexenesche“, „Der Todesbote“. In jedem Band versammelte Sauer ein Dutzend klassische Gothic Novels, die er übersetzte und „zum Vorlesen einrichtete“, dazu kam je eine eigene Story. Im „Todeszauber“ (1986) sind dann ausschließlich Sauers Storys zu finden.

Vorlesen? Ja! Denn geprägt wurde der „ewige Knabe“ als Randfigur der nach dem Zweiten Weltkrieg noch aktiven Jugendbewegung: Als Gruppenleiter erlebte er viele Sommerlager und holte den Traum einer nie erlebten wilden Jungenszeit nach: Lagerfeuer, Zeltnächte, Kämpfe zwischen Jungenbanden, Sternenhimmel, Fahrtenlieder zur Gitarre. Dies alles ließ ihn nie mehr los. Immer wetterte er gegen die „Wohlstandsknaben“, trat er für ein wildes Jungenleben jenseits von Fernseher und Internet ein. Und seine „Griselgeschuchten“ wollte der immer für Wortspiele und Albernheiten zu habende Autor am Lagerfeuer vorgelesen wissen.

Kein Wunder auch, dass seine Romane in der Kindheit spielen: „Die Jungen von Neulati“ (1960; Neuauflagen 1971, 1978; übersetzt ins Holländische und Französische) sowie das Romanfragment „Negus futschikato“, in dem sich der Autor von seiner poetischsten, sprachschöpferischsten und zugleich jungenhaftesten Seite zeigt. Das Werk wurde erst 2002 im kleinen „Achims Verlag“ aufgelegt, ebenso wie Sauers Gedichte („Zähle den Sand“, 2005) und seine teils unübertroffenen Übersetzungen vor allem französischer Lyrik, unter denen Arthur Rimbauds „Trunkenes Schiff“, Baudelaires „Albatros“ und Rudyard Kiplings „If“ besonders hervorstechen. Gleich den kompletten Roman „Notre prison est un royaume“ (1948) von Gilbert Cesbron – natürlich eine Jungengeschichte – übertrug Sauer ins Deutsche („In unserem Kerker sind wir frei“, 2010). Einige seiner Bücher und Fotobände werden heute, da sie vergriffen sind, für hohe Summen bei Amazon gehandelt. Die „Geisterkogge“ wurde zum Klassiker.

Als bekennender Naturfreund übrigens holte Sauer viele Jahre lang zahllose Ballen Froschlaich in Plastiktüten aus den Tümpeln rings um Betzdorf, ließ die Kaulquappen in seinem Gartenteich schlüpfen, um sie dann wieder auszusetzen. Stets war er für den Baum statt für die neue Straße, fürs Vogelbrutgebiet statt für neues Gewerbe. Lothar Sauer starb am 6. März in seinem Wohnhaus. Das Urnenbegräbnis fand in aller Stille auf dem Betzdorfer Friedhof statt.

Mehr zu den Reisefotos von Lothar Sauer in der Montagausgabe der Rhein-Zeitung. Peter Seel

Sauers Fotos, viele seiner Texte sowie seine Biografie gibt es im Internet unter www.lothar-sauer.de

Altenkirchen Betzdorf
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