40.000
Aus unserem Archiv
Friesenhagen

Das Wildenburger Land: Glückwunsch zum 50. Geburtstag, Landschaftsschutzgebiet!

Peter Seel

1968 war das Jahr der Studentenunruhen und vieler gesellschaftlicher Umwälzungen. Doch daran lag es nicht, dass es kaum jemand mitbekam, als im September das komplette Gebiet der Ortsgemeinde Friesenhagen zum Landschaftsschutzgebiet erklärt wurde.

Immer wieder ein Augenschmaus bei den Wanderungen durch das Landschaftsschutzgebiet ist die Wildenburg bei Friesenhagen, hier im Herbst von der Rochuskapelle aus gesehen.
Immer wieder ein Augenschmaus bei den Wanderungen durch das Landschaftsschutzgebiet ist die Wildenburg bei Friesenhagen, hier im Herbst von der Rochuskapelle aus gesehen.
Foto: Markus Döring

Fast schon sang- und klanglos, quasi nur mit einem Federstrich, wurde das Projekt ins Leben gerufen. Wo heute Presse, Funk, Fernsehen und Facebook rotieren würden – da gab es vor 50 Jahren, am 16. September, lediglich eine amtliche Verlautbarung in der Rhein-Zeitung, unterzeichnet vom damaligen Landrat Dr. Hermann Krämer. Ein Rückblick zum Jubiläum.

Vor allem war es der damalige Friesenhagener Ortsbürgermeisters Fritz Greßnich, der sich für das Landschaftsschutzgebiet einsetzte. Sein Nachfolger, Herrmann Mockenhaupt – 1975 bis 2004 Ortschef – zog zwar erst 1969 nach Friesenhagen, aber während seiner politischen Tätigkeit hatte der heute 82-Jährige oft mit dem Schutzgebiet zu tun. Er weiß auch, dass Greßnich mit seinen Plänen im Ortsgemeinderat auf einigen Widerstand stieß: Die Gegner befürchteten, dass man auf dem Gemeindegebiet nach der Unterschutzstellung nicht mehr schalten und walten, bauen und gestalten könne wie zuvor. Doch Greßnich konnte die Ratsmehrheit gewinnen, und die Bezirksregierung Koblenz gab schließlich ihren Segen.

Dem CDU-Politiker ging es nicht nur um die Bewahrung einer einmaligen Kulturlandschaft, sondern auch um die Förderung des Tourismus: „Ferien auf dem Bauernhof“ wurden damals in der Region groß geschrieben, erinnert sich Mockenhaupt, doch indem es immer weniger Familienbetriebe auf den Höfen gab, verlief sich dieser Trend. Da half es auch nichts, dass sich Greßnich in den 1980ern für ein Wochenendhausgebiet im Mühlenseifen am Ortsrand einsetzte oder für ein Feriengebiet in der Strahlenbach: „Das habe ich damals verhindert“, erzählt Mockenhaupt, „die Bauarbeiten, etwa für Wasser und Abwasser, waren mir diesen Eingriff in die Natur nicht wert.“

Zu den Gratulanten beim Jubiläumstreffen der RZ gehört auch Norbert Klaes, der heutige Orts-Chef. Das „Geburtstagskind“ erfülle nach wie vor seinen Zweck, sagt er: „Wir müssen natürlich bei jeder Baumaßnahme abwägen, was geht und was nicht, aber wir wollen ohnehin keine Industriegemeinde werden. Es ist es kein schmerzhafter Spagat, den wir bewältigen müssen. Der Schutzzweck ist nach wie vor, dass wir die kulturhistorische Landschaft erhalten und den Menschen Erholung in der Natur bieten wollen.“ Es gelte, den Tourismus gezielter zu fördern und deshalb diese Aufgabe an die Verbandsgemeinde Kirchen zu übertragen, wo dies für die ganze VG effizienter erledigt werden könne. In der Tat erscheint das Wildenburger Land – mit Schloss Crottorf, der Wildenburg, der Roten Kapelle, den vielen Wanderwegen und dem Radweg in Wildenburg Bahnhof – als ein touristischer Schatz, den es erst noch zu heben gilt.

Dabei hat sich Landschaft seit den 1960er-Jahren teils dramatisch verändert – außer in den Waldgebieten, die hier zu 80 Prozent seit Jahrhunderten den Grafen zu Hatzfeldt-Wildenburg gehören. Vergleicht man Luftbilder von damals mit aktuellen, erkennt man, dass zahllose Hecken an den Feldern und die meisten Obstwiesen der Bauernhöfe verschwunden sind, oft durch bauliche Aktivitäten und Neubaugebiete. Zudem wurde der Straßenbau deutlich forciert, vor allem an der L 278 und L 279.

Gratulanten (von links): Udo Otterbach und Christoph Gehrke (BI Wildenburger Land), Vogelexperte Christoph Buchen, Friesenhagens Ortschef Norbert Klaes, Altbürgermeister Hermann Mockenhaupt, Wolfgang Stock (BUND). Foto: Peter Seel
Gratulanten (von links): Udo Otterbach und Christoph Gehrke (BI Wildenburger Land), Vogelexperte Christoph Buchen, Friesenhagens Ortschef Norbert Klaes, Altbürgermeister Hermann Mockenhaupt, Wolfgang Stock (BUND).
Foto: Peter Seel

Auch die Flächen der Landwirtschaft sind heute viel größer als früher: Viehweiden und Monokulturen, auf denen statt Kartoffeln und Getreide heute vorwiegend Futtermais wächst. Die Höfe sind größer als damals; die einst typischen Kleinbauernfamilien sind Vergangenheit. Auch das Gewerbe ist ins Schutzgebiet vorgedrungen: Einzelne Firmen wie Alho in Steeg und Kappenstein in Friesenhagen haben sich vergrößert: Ein schleichender Prozess – der in Landschaftsschutzgebieten allerdings erlaubt ist, da die Eingriffe von der Unteren Naturschutzbehörde in Altenkirchen genehmigt wurden. Ebenso wie zuletzt die einseitige Rodung der Allee an der L 278.

Während indes Nutzbauten wie Bauernhöfe oder Gewerbeanlagen nach Bedarf umgebaut werden dürfen, trifft dies für historische Gebäude nicht zu: Bei Schloss Crottorf oder der Wildenburg greifen restriktive Denkmalschutzgesetze, weswegen sich diese wesentlichen Bestandteile des Schutzgebiets in den vergangenen 50 Jahren nicht geändert haben.

Dass die Natur hier nicht den hohen Schutz genießt, den sich viele Umweltschützer wünschen, empört Leute wie Wolfgang Stock vom BUND, Christoph Buchen vom Nabu oder die Gegner von anvisierten Windkraftanlagen im Landschaftsschutzgebiet immer wieder. Udo Otterbach und Christoph Gehrke haben ihre Bürgerinitiative nicht umsonst „BI Wildenburger Land“ genannt. Für sie – wie auch für Ortschef Klaes – ist völlig klar, dass die Verordnung über das Landschaftsschutzgebiet Wildenburgerland vom 16. September 1968 in ihren Paragrafen den Bau der gewaltigen Windradtürme ausschließt – auch wenn damals niemand von Windrädern dieser Größe auch nur geträumt hätte.

„Die Väter dieser Verordnung“, sagt Buchen, der 45 Jahre lang als Verwaltungsfachwirt tätig war und anerkannter Vogelexperte ist, „haben niedergelegt, was sie damals wollten, und das ist vor allem die Erhaltung der Landschaft in ihrer Ursprünglichkeit. Dies schließt Eingriffe aus wie die Rodung einer Allee, die Ausweisung von Baugebieten und Gewerbeflächen und den Bau von Windindustrieanlagen.“ Das sieht Otterbach ebenso: „Das Naturgut Landschaft, der Artenschutz, die Bewahrung unserer Heimat – das alles hat Vorrang, und genau das steht auch in der Verordnung von 1968.“

Wolfgang Stock fürchtet zwar, dass weitere Eingriffe ins Landschaftsschutzgebiet kommen und es mehr und mehr schädigen könnten. Andererseits ist er sicher, „dass diese einmalige Landschaft ohne die Verordnung noch stärker zersiedelt und verbaut worden wäre als sie es so schon ist“. Und zur Windkraft sagt er: „Ich muss dem Kreis Altenkirchen vorwerfen, dass er nicht von Anfang an rigoros gesagt hat: Das Landschaftsschutzgebiet ist für Windräder tabu.“ Sein Lob gilt den Waldbesitzern, vor allem dem Haus Hatzfeldt: Durch ihren Einsatz sei das Gebiet ökologisch nachhaltig gestaltet worden, seien Schwarzstorch, Rotmilan, Wespenbussard, seltene Fledermäuse wieder hier ansässig.

Auch Dr. Franz Straubinger, Geschäftsführer im Hause Hatzfeldt gratuliert zum 50. Geburtstag. Das Grafenhaus sei seinerzeit sehr für die Gründung des Landschaftsschutzgebiets gewesen, zumal eine ordnungsgemäße Waldbewirtschaftung durch die Verordnung in keiner Weise eingeschränkt werde. „Es ist gut, dass es dieses Schutzgebiet gibt“, sagt Straubinger, „damit die Menschen hier sich mit den natürlichen Ressourcen identifizieren und zukunftsorientiert damit umgehen. Das war damals ein toller Aufschlag, der sehr modern war und von seinen Inhalten her kaum von neu verordneten Landschaftsschutzgebieten abweicht.“ Für ihn ist das Wildenburger Land indes „ein dynamisches Gebiet, in dem Veränderungen möglich sind, ohne den Schutzzweck für die Landschaft aus dem Auge zu verlieren.“ Das habe die Vergangenheit eindrucksvoll bewiesen. Das gelte auch für die Windkraft im Rahmen der Energiewende: „Das Gebiet ist eine Melange aus vielen Interessen. Alle Akteure müssen sich immer wieder über die weitere Entwicklung einigen.“

Damals, 1968, gab es übrigens auch schon „Technik“ im Wald: Da fuhr, wo heute ein Radweg für Hunderte Touristen entlangführt, noch die Eisenbahn von Wenden über Wildenburg Bahnhof bis Kirchen. Das weiß auch BI-Mitglied Christoph Gehrke. Er sieht die Gefahr eines zunehmenden Flächenfraßes auch im Wildenburger Land – Schutzgebiet hin oder her. Doch er sucht nicht bestimmte Schuldige, sondern weiß: Wenn man auf jemand zeigt, dem man die Schuld zuschiebt, zeigen mindestens drei Finger auf einen selbst. „Wir alle wollen die Natur erhalten – aber wir leben nicht danach. Wir alle sind mehr Täter als Opfer.“

Von unserem Redakteur Peter Seel

Was kann und was will ein Landschaftsschutzgebiet?

Ein Landschaftsschutzgebiet ist die unterste Stufe der Unterschutzstellung einer Region, bei der es nicht etwa um biologische Vielfalt oder seltene Pflanzen und Tiere geht, sondern vor allem um die Erhaltung des optischen Zustands des Landschaftsbildes. Selbst Naturdenkmale wie einzeln stehende alte Bäume (z. B. die Eiche bei Möhren) genießen eine höhere „Schutztiefe“ als ein Landschaftsschutzgebiet.

Dagegen ist ein Naturpark größer; dort steht die touristische Erschließung im Mittelpunkt. In Nationalparks wie im Schwarzwald oder Hunsrück steht der Naturschutz im Mittelpunkt: Dort darf so gut wie nichts verändert werden. Ein Landschaftsschutzgebiet bietet Tier- und Pflanzenarten prinzipiell keinen Schutz. Strengere Schutzziele verfolgen dafür das „Naturschutzgebiet Biggequelle“ unweit des Ortsteils Wildenburg Bahnhof und das Vogelschutzgebiet Wildenburger Land an der Grenze zu Nordrhein-Westfalen – beide liegen innerhalb des Landschaftsschutzgebiets. sel

Altenkirchen Betzdorf
Meistgelesene Artikel
Anzeige
Anzeige
Anzeige
Ihre Ansprechpartner in der Redaktion
Markus Kratzer (kra)
Redaktionsleiter
Tel 02681/9543-21
E-Mail
Volker Held (vh)
stv. Redaktionsleiter
VG Altenkirchen
Tel 02681/9543-33
E-Mail
Elmar Hering (elm)
Redakteur
VG Wissen & Hamm
Tel 02681/9543-13
E-Mail
Andreas Neuser (an)
Redakteur
VG Betzdorf, Gebhardshain
Tel 02741/9200-68
E-Mail
Daniel Weber (daw)
Redakteur  
VG Daaden, Gebhardshain, Stadt Herdorf
Tel 02741/9200-67
E-Mail
Peter Seel (sel)
Redakteur VG Kirchen
Tel 02741/9200-65
E-Mail
Sonja Roos (sr)
Redakteurin VG Hamm
Tel 02681/9543-19
E-Mail
Beate Christ (bc)
Reporterin VG Flammersfeld
Tel 0170/2110166
E-Mail
Online regional
Markus Eschenauer Markus Eschenauer (me)
Online regional
Tel. 02602/160474
E-Mail
epaper-startseite
Regionalwetter Westerwald
Dienstag

8°C - 12°C
Mittwoch

10°C - 14°C
Donnerstag

7°C - 14°C
Freitag

5°C - 12°C
News aus Ihrer Region - Lokalteil wählen
wissenlinz,neuwiedremagenmontabaurandernach,mayenkoblenzdiezbademszellsimmernbirkenfeldkirn,badsobernheim,meisenheimbadkreuznach