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Betzdorf

Caritas-Projekt für Kinder: Wenn der Besuch Spielzeug mitbringt

Peter Seel

Wie macht man einem nicht mal zweijährigen Kind, das kein Wort deutsch spricht, klar, wie man „Hoppe, hoppe, Reiter“ spielt? Birgit Christ hatte da eine Idee, als sie vor zwei Jahren zum ersten Mal die kleine Sham in der Betzdorfer Moltkestraße besuchte: Die Betzdorfer Hausfrau nahm ein Stoffschaf auf ihren Schoß und spielte dem syrischen Mädchen damit vor, wie „Hoppe, hoppe, Reiter“ geht. Die Kleine war begeistert und wollte gar nicht mehr vom Schoß der deutschen Tante herunter. „Noch heute kommt sie, wenn ich zu Besuch bin, mit dem Stoffschaf und hält es mir unter die Nase. Da weiß ich, dass ich sie wieder auf den Schoß nehmen und mit ihr spielen soll...“

Foto: sel

Birgit Christ (57) ist eine Laien-Hausbesucherin, die im Rahmen des Projekts „Opstapje“ für die Betzdorfer Caritas regelmäßig zu sechs Familien geht, um Kinder spielerisch auf den Kindergarten vorzubereiten und sie bei halbstündigen Spielen, die den Kleinen geschenkt werden, in ihrer sprachlichen Entwicklung, in Konzentrationsfähigkeit und Wahrnehmung, Feinmotorik und Auge-Hand-Koordination sowie im logischen Denken und ihrer Kreativität zu fördern. „Ostapje“ ist ein in den Niederlanden entstandenes Projekt und bedeutet so viel wie „Schrittchen für Schrittchen“. Unter dem Motto „Chancengleichheit von Anfang an!“ werden bildungsferne, sozial benachteiligte deutsche Familien ebenso betreut wie Migrantenfamilien.

Eine davon sind die Eitas, die vor drei Jahren vor dem Elend des syrischen Bürgerkriegs aus einem kleinen Dorf bei Damaskus nach Deutschland geflohen sind. Wenn sich auch Mutter Rola (23) und Vater Jasser (31) alle Mühe geben, Deutsch zu lernen, so haben sie dabei doch schon genug mit sich selbst zu tun. Die vierjährige Sham wird daher von Birgit Christ darauf vorbereitet, dass sie in der Kita wenigstens einigermaßen zurecht kommt. „Anfangs haben wir mit Händen und Füßen geredet“, berichtet Christ, „aber es ist schon viel besser geworden.“

Auch heute hat sie wieder Lernspiele mitgebracht, Mal- und Bilderbücher, und Sham ist auch ganz versessen darauf, mit der Frau von „Ostapje“ zusammenzusitzen, zu spielen und zu lernen. Und ihr Brüderchen Adam (1) dürfte der nächste Kandidat für das Förderprogramm sein.

Neben Christ gibt es noch eine weitere Hausbesucherin, die von der Caritas begleitet wird: Sarmad Abdul Razak Najim ist für das ähnliche Programm „Hippy“ zuständig, bei dem Vorschulkinder fit gemacht werden fürs erste Schuljahr. Zehn Familien betreut sie bei dem Spiel- und Lernprogramm und wird dabei begleitet von der Caritas-Mitarbeiterin Beata Masling.

Birgit Christ bekommt von Maslings Kollegin, der Diplomsozialarbeiterin Stefanie Breiderhoff, die jeweiligen Familien zugeteilt. Die beiden Caritasfrauen waren es auch, die im Jahr 2011 nach Norddeutschland fuhren, um sich dort in einem dreitägigen Kurs für die beiden Spiel- und Lernprogramme ausbilden zu lassen. Seither geben sie ihr Wissen an Hausbesucherinnen wie Birgit Christ und Sarmad Abdul Razak Najim weiter.

„Aber es macht einfach Spaß“, berichtet Christ, „ich wollte, nachdem meine Tochter längst erwachsen ist, nicht bloß zu Hause herumsitzen, sondern etwas tun. Und bei den Familien, die ich besuche, werde ich von den Kindern geliebt. Die lassen mich nach der angesetzten halben Stunde meistens sowieso noch nicht weg. Das ist eine sehr dankbare Aufgabe, wo man bei jedem Treffen merkt, wie begierig die Kinder das alles aufnehmen...“

Caritas-Mitarbeiterin Stefanie Breiderhoff schätzt die Arbeit der Hausbesucherinnen ganz hoch ein. „Wir könnten noch viel mehr Familien betreuen und dafür Besucherinnen gebrauchen“, erklärt sie. „Der Bedarf ist groß. Aber da bräuchten wir mehr finanzielle Unterstützung.“ Hierfür legt sich die Kreisverwaltung in Altenkirchen ins Zeug. Seit Jahren fließen Zuschüsse für „Ostapje“ und „Hippy“; momentan wird beim Kreis sogar über eine Aufstockung nachgedacht, um weitere Helferinnen in die Familien der Region schicken zu können. „Wir sind dem Kreis sehr für seine großzügige Unterstützung dankbar“, sagt Breiderhoff, „jeder Cent, der in die Projekte fließt, macht sich sowohl für den späteren Lebensweg der Kinder, aber auch für unsere Gesellschaft doppelt und dreifach bezahlt.“

Birgit Christ, die zwei bis drei Mal pro Woche für „Ostapje“ unterwegs ist, sitzt derweil mit der kleinen Sham auf dem Sofa. Das Kind schenkt ihr aus seiner Spielzeugkanne imaginären Tee in die Spielzeugtasse ein. „Ich freue mich auf jeden Besuch“, lächelte die Betreuerin, „fast so, als wären es meine eigenen Kinder.“ Dann holt sie die Lernmappe heraus, die als pädagogisches Begleitkonzept den „Stundenplan“ vorgibt. Sie nimmt ein Lernblatt heraus: Heute hat sie eine Handpuppe dabei, einen kleinen Drachen. „Singen mit der Handpuppe“ ist dran. Die dunklen Augen des syrischen Mädchens glänzen.

An anderen Tagen geht es um „Malen mit Wasserfarben“, „Kneten“, „Spaß mit dem Buch“, „Tiere auf dem Bauernhof“ – da werden dem Kind die Tiere, Gestalten und Gegenstände auf deutsch erklärt. Und das mitgebrachte, pädagogisch hochwertige Spielzeug behält es, damit Mutter oder Vater das Gelernte täglich eine Viertelstunde lang mit ihm wiederholen können. Das geht an den Eltern natürlich auch nicht spurlos vorüber: „Ich kann schon 'Hänschen klein' singen“, lächelt Mutter Rola. Und klar, dass sie in den Gesprächen mit der Besucherin auch allerlei Tipps für den Alltag mitnimmt.

Vater Jasser macht gerade den Führerschein, besucht einen Deutschkurs, sucht eifrig eine Stelle als Tischler – den Beruf hat er in Syrien zwei Jahre gelernt und sogar ein Zertifikat. Mutter Rola lernt Deutsch und möchte eine Ausbildung als Altenpflegerin machen. Einmal in der Woche treffen sie sich mit anderen Familien, die als Flüchtlinge zu uns kamen.

Steffi Breiderhoff zieht eine durchweg positive Bilanz der beiden Projekte: „Selten sieht man in der sozialen Arbeit so schnell eine positive Entwicklung bei Menschen und das Entstehen von vertrauensvollen Beziehungen wie bei 'Opstapje' und 'Hippy'. Hier kann endlich mal präventiv gearbeitet werden, um Benachteiligungen auszugleichen, bevor sie sich manifestieren. Die Arbeit macht nach den vielen Jahren immer noch Spaß, weil sie so sinnvoll ist.“

Wer sich über „Ostapje“ informieren, dabei mitarbeiten oder wer eine Schreinerstelle für Familienvater Jasser Eita anbieten möchte, kann sich an Stefanie Breiderhoff von der Caritas Betzdorf wenden:Telefon 02741/ 975 89 14; E-Mail an asd@caritas-betzdorf.de.

Von unserem Redakteur Peter Seel

Altenkirchen Betzdorf
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