Archivierter Artikel vom 17.04.2022, 07:32 Uhr
Neuhäusel/Montabaur

Wie sieht naturgemäßer Wald aus? Forstfachleute tagten auf der Montabaurer Höhe

Fast 60 Forstfachleute aus ganz Rheinland-Pfalz folgten vor Kurzem der Einladung der Landesgruppenvorsitzenden Anne Merg ins Forstamt Neuhäusel. Im Fokus bei der dortigen Tagung der Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft stand das Thema „Kalamitätsbewältigung und Wiederbewaldung in der forstfachlichen Umsetzung und der öffentlichen Wahrnehmung“.

Fast 60 Forstfachleute aus ganz Rheinland-Pfalz nahmen an der Tagung auf der Montabaurer Höhe teil.
Fast 60 Forstfachleute aus ganz Rheinland-Pfalz nahmen an der Tagung auf der Montabaurer Höhe teil.
Foto: Forstamt Neuhäusel

Nach einem Impuls- und Einführungsvortrag zum Kalamitäts-Geschehen und den Handlungsansatz in der Kalamitäts-Bewältigung verlagerte sich die Veranstaltung auf die Wiederbewaldungsflächen rund um den Köppel auf der Montabaurer Höhe.

„Deutlich wurde in der Diskussion, dass das Setzen auf die Zeitschiene allein nicht die Lösung sein kann, sondern dass das Steuern mit der Natur durch aktiven Baumartenwechsel schnell geschehen muss“, heißt es in einer Presseinformation zu dieser Veranstaltung. „Der Blick auf die Klimaerwärmung und das rechnerisch vorhergesagte Zeitfenster des Weltklimarats zeigt, dass die Zeit fehlen wird. Damit muss das Steuern in Richtung vielfältige naturnahe und klimaresilientere Mischwälder das Handeln zeitnah und schnell bestimmen.“

Naturgemäße Waldentwicklung könne sich nur in der Balance zwischen Wald und Wild entwickeln. Die bereits in die Millionen gehenden Geldaufwendungen für den Schutz der Initialpflanzungen gegen Wild helfen der geforderten Vielfalt durch Naturverjüngung nicht, so das einhellige Votum der Forstfachleute. Die Flächen auf der Montabaurer Höhe zeigten eine einseitig und bereits stark selektierte Naturverjüngungs-Entwicklung, die sich ohne Zaun überwiegend in Fichte und Birke entwickeln wird.

„Der Einfluss einer gezielten und effektiven Bejagung muss hier als Erfolgsfaktor für naturnahe vielfältige Mischwälder herausgearbeitet werden“, sagte Franz Straubinger, Leiter der Hatzfeldt-Wildenburg’schen Verwaltung. Beim Hatzfeldt-Wildenburg‘schen Privatforstbetrieb handelt es sich um den größten privaten Waldbesitz in Rheinland-Pfalz. Er musste ebenfalls die Klimastress-bedingten Störungen der vergangenen Jahre und Jahrzehnte durchlaufen. Heute verjüngt er sich, und dort wächst die Weißtanne neben einer Vielzahl von Laubmischbaumarten in zuvor fichtendominierten Wäldern ohne Schutz. Zentrales Ziel neben einer konsequenten und stetigen Waldpflege ist die starke und dem Ökosystem Wald angepasste Bejagung des Schalenwilds.

Die Landesgruppenvorsitzende Anne Merg, Revierleiterin im kommunalen Forstrevier Himmighofen (Forstamt Nastätten), forderte die Teilnehmer der Exkursion dazu auf, „den jungen Förster-Kollegen strukturreiche, an die Anforderungen des Klimawandels angepasste Wälder zu übergeben. Dies gelingt nur durch das ständige Hinterfragen und Evaluieren des eigenen Tuns und eine stetige und strukturfördernde Bewirtschaftung in der Fortentwicklung des Vorhandenen. Dabei gilt es, das Bewährte zu bewahren und zu Dauerwäldern weiterzuentwickeln.“ Neben dieser Stetigkeit in der Bewirtschaftung könne nur ein ökologisch waldverträglicher Wildbestand Garant für eine naturnahe Waldentwicklung sein.

„Wir sind alle Lernende auf dem herausfordernden Weg der Wiederbewaldung und der zukünftigen Waldentwicklung“, betonte Forstamtsleiter Frank Ritter abschließend. „Wir müssen in der immer wieder betonten ,Stetigkeit' aus der forstlichen Praxis heraus lernen und schauen dabei auf die Aussagen der Wissenschaft. Mit vielen Forst-Praktikern auf der Montabaurer Höhe zu diskutieren, hat den Tag sehr wertvoll gemacht.“

Das verbirgt sich hinter dem Zusammenschluss

Die Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft, kurz ANW, ist ein bundesweit organisierter Zusammenschluss von Waldbesitzern, Forstleuten, Wissenschaftlern und Waldinteressierten.

Schon seit 1950 verfolgt die ANW das Ziel eines möglichst stabilen Ökosystems Wald mit seinen Lebensgemeinschaften. Die vom Menschen beeinflussbaren Belastungen dieses Ökosystems sollen so weit wie möglich begrenzt werden, damit die Leistungen von stabilem Wald nachhaltig für Eigentum und Gesellschaft bereitgestellt werden können.

Ziel ist ein strukturreicher gemischter „Dauerwald“. Die Grundsätze der ANW sind nicht starr, sondern werden stetig weiterentwickelt. Auslöser dafür sind zum einen neue Erkenntnisse der Wissenschaft oder der forstlichen Praxis. Zum anderen beeinflussen in jüngerer Zeit auch die zunehmend wahrnehmbaren Konsequenzen des Klimawandels die Diskussion. Zwei wichtige Aspekte bestimmen das Denken und Handeln der ANW. Erstens: Das Arbeiten und Lernen erfolgt vorwiegend in der waldbaulichen und forstlichen Praxis. Und zweitens: Es gilt, das Bewährte zu erhalten und unter Wahrung eines hohen Maßes an Stetigkeit vorsichtig zu entwickeln.

Westerwälder Zeitung
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