Archivierter Artikel vom 27.10.2021, 12:04 Uhr
Westerwaldkreis

Umweltschutzverband bezieht Stellung: Nabu plädiert für Sachlichkeit beim Thema Wolf

In der aktuellen Diskussion um den Wolf im Westerwald schlagen die Wellen zum Teil hoch. Dazu bezieht der Naturschutzbund (Nabu) Rhein-Westerwald in einer Pressemitteilung Stellung.

Der Nabu Rhein-Westerwald fordert einen richtig umgesetzten Herdenschutz – gegebenenfalls mit Herdenschutzhunden.
Der Nabu Rhein-Westerwald fordert einen richtig umgesetzten Herdenschutz – gegebenenfalls mit Herdenschutzhunden.
Foto: Nabu/Klemens Karkow

„Als heimische Wildtiere sind Wölfe ein Bestandteil der Natur und auch der Kulturlandschaften. Zugleich bringt die Ausbreitung ihrer Bestände in Deutschland neue Herausforderungen mit sich“, heißt es darin. Gerade in dichter besiedelten Gebieten wie dem Westerwald, in denen häufig Weidetiere gehalten werden, seien diese Herausforderungen groß. Die vermehrt aufgetretenen Risse in der Verbandsgemeinde Altenkirchen-Flammersfeld haben für Diskussionen gesorgt, ab wann man bei einem Wolf von einem problematischen Verhalten sprechen kann.

„Beim Umgang mit dem Wolf steht die Sicherheit des Menschen an erster Stelle“, betont der Nabu. „So ist es auch im Wolfsmanagementplan des Landes Rheinland-Pfalz festgehalten. Dabei ist wichtig zu wissen, dass Wölfe dem Menschen gewöhnlich ausweichen, bevor dieser das Tier überhaupt bemerkt.“

Um bei einem Wolf von einem problematischen Verhalten sprechen zu können, muss dieser nach Auskunft des Ministeriums für Klimaschutz, Umwelt, Energie und Mobilität Rheinland-Pfalz ein artuntypisches Verhalten gezeigt haben. Das Überwinden mehrerer nicht oder nicht ausreichend gesicherter Weidezäune oder auch das einmalige Überwinden eines gesicherten Zaunes machen den Wolf nach Bundesnaturschutzgesetz noch nicht zu einem Tier mit art-untypischem Verhalten.

Die Dokumentations- und Beratungsstelle des Bundes zum Thema Wolf (DBBW) hat zudem herausgefunden, dass die meisten Schäden dort entstehen, wo Wölfe neue Territorien etablieren. Wenn die Schutzmaßnahmen entsprechend angepasst wurden, gehen die Schäden nach einem bis zwei Jahren zurück.

Wie für andere gefährdete Wildtierarten gelten auch für den Wolf nach wie vor die Vorgaben des europäischen Artenschutzrechts, die Entwicklung einer sich selbst erhaltenden Population zu ermöglichen. Ob das gelingt, hängt in hohem Maße davon ab, ob es möglich ist, bei der Bevölkerung und insbesondere bei den Weidetierhaltern eine Akzeptanz für diese Tierart zu schaffen oder diese zu erhöhen.

„Zunächst muss man alles tun, um dem Wolf das Herankommen an Schafe, Ziegen oder Damwild so schwer wie möglich zu machen“, sagt Nabu-Wolfsbotschafter Willi Faber. „Wenn ein Wolf mehrfach nach den vorgegebenen Standards gesicherte Zäune überwindet, muss man den Schutz verbessern. Hilft das nicht, kann man den Wolf mit einem Sender versehen und sogenannte Vergrämungsmaßnahmen wie zum Beispiel Gummigeschosse einsetzen. Erst an letzter Stelle steht die Entnahme eines Tiers mit problematischem Verhalten.“

„Beim Umgang mit dem Wolf steht die Sicherheit des Menschen an erster Stelle.“

Das betont der Nabu in seiner Stellungnahme.

Eine konsequente Entnahme von Wölfen, die Nutztiere reißen, sei im konkreten Einzelfall schwer umsetzbar und führe eher zur Verschlechterung der Situation vor Ort. „Denn hier muss überprüft werden, ob es sich um ein Jungtier oder ein Elterntier handelt“, erklärt Faber. „Junge Wölfe, die aufgrund eines fehlenden Vorbilds nicht gelernt haben, zu jagen, wählen eher die leichter zu erbeutenden Weidetiere aus.“

Auch eine feste Abschussrate könne nicht verhindern, dass irgendwann wieder ein Tier einwandert, das sich möglicherweise auf nicht geschützte Weidetiere spezialisiert. Eine Aufnahme des Wolfes in das Jagdrecht ist allerdings nicht EU-rechtskonform, stellt der Experte klar: „Viel effektiver sind ein wirkungsvoll umgesetzter Herdenschutz mit sicheren Zäunen, die eine ausreichende Spannung aufweisen, und gegebenenfalls der Einsatz von Herdenschutzhunden.“

Beim Umgang mit dem Wolf sei es wichtig, einen guten und nachhaltigen Interessenausgleich zwischen den Bedürfnissen des Menschen und der Wildtiere zu schaffen, heißt es in der Pressemitteilung weiter: „Aus Sicht des Nabu sind hier eine sachliche Information der Bevölkerung sowie eine lösungsorientierte Zusammenarbeit von Naturschutz-, Jagd- und Landwirtschaftsverbänden, Weidetierhaltern, Wissenschaft und Behörden wichtig.“

Zudem sei eine weitere Unterstützung der Weidetierhalter insbesondere bei der Instandhaltung der Schutzzäune erforderlich: „Dazu hat das Ministerium für Klimaschutz, Umwelt, Energie und Mobilität ab dem 1. November 2021 neben den bisherigen Fördermöglichkeiten eine zusätzliche finanzielle Unterstützung für die Pflege der Schutzzäune in Aussicht gestellt. Darüber hinaus fordern wir ein bundesweites Programm zur Förderung der Weidetierhaltung und eines umfassenden Herdenschutzes, auch aus Mitteln der Agrarförderung. Dies sollte zusätzlich auch präventiv in Gebieten umgesetzt werden, in denen noch keine festen Wolfsterritorien bestehen.“

Wie der Nabu Rheinland-Pfalz betont, ist ihm der sachliche Austausch zwischen Naturschützern und Weidetierhaltern, auch zur konkreten Situation im Westerwald, ein wichtiges Anliegen. Deshalb bringe er sich aktiv am Runden Tisch „Großkarnivoren“ und bei der weiteren Bearbeitung des Wolfsmanagementplans für Rheinland-Pfalz ein.

Dabei sei eine respektvolle und sachliche Diskussion wichtig, die miteinander anstatt übereinander stattfindet. Der Naturschutzbund fordere eine fachliche und praktische Unterstützung der Weidetierhalter vor Ort. In Gesprächen mit Politikern auf Landes-, Bundes- und EU-Ebene setze er sich für funktionierende Lösungen ein und wirke an deren Umsetzung mit.