Archivierter Artikel vom 06.04.2022, 11:45 Uhr
Höhn

Probleme mit Wasserqualität und Struktur: Oberlauf der Nister soll stärker in den Fokus rücken

Die Nister hat seit Jahren ungelöste Probleme mit der Wasserqualität und strukturellen Defiziten. Insbesondere der Oberlauf braucht mehr Beachtung. Das ist ein Fazit, das der Nabu aus Rennerod und Umgebung bei seiner Naturveranstaltung in der Nähe von Höhn ziehen musste.

Der Oberlauf der Nister braucht künftig unbedingt mehr Beachtung. Das ist ein Fazit, das bei einer Nabu-Bachbegehung in der Nähe von Höhn gezogen wurde.
Der Oberlauf der Nister braucht künftig unbedingt mehr Beachtung. Das ist ein Fazit, das bei einer Nabu-Bachbegehung in der Nähe von Höhn gezogen wurde.
Foto: Frank Steinmann

Geleitet wurde die Bachbegehung durch den Diplom-Geografen Frank Steinmann, dessen Fachgebiet die Gewässer- und Fischökologie umfasst.

Am Oberlauf fehlt es laut Steinmann an der Beschattung durch Bäume, insbesondere entlang der Uferlinie auf landwirtschaftlichen Nutzflächen führe dies zu einer starken Erwärmung des Nisterwassers. Zusätzliche Einträge von Nährstoffen durch Düngemittel förderten das Algenwachstum im Bach, was den Sauerstoffrückgang mit sich bringt. Der Kiesboden, die sogenannte Gewässersohle, ein kleines Ökosystem für sich, verschlamme durch die abgestorbenen Algen.

Eingeschwemmte Sedimente, die der Bach aus den ungeschützten Uferpartien abträgt, ersticken alles Leben am Gewässergrund. „Regenrückehaltebecken, die ungeklärte Abwässer beinhalten, müssen anders gebaut und Kläranlagen weiter verbessert werden. Zu Rückständen aus Kläranlagen, die bei Starkregen in die Bäche gelangen, gesellen sich viele gefährliche Haushaltsrückstände wie etwa das Arzneimittel Diclofenac“, erläuterte der Geograf.

Frank Steinmann führt die Gruppe zu einem besonders schönen und natürlichem Abschnitt des Flüsschens. Vor Ort erklärt er die aktuelle Lage des Ökosystems Bach, die leider nicht so gut ist wie der erste Eindruck: „Um diese Jahreszeit müsste viel mehr Wasser in der Nister sein“, erläutert Geograf Steinmann. Steine mit weiß-grauem Belag von vertrockneten Kieselalgen zeigen den Rückgang des Wasserstands deutlich. Die Mühle nebenan produziert Strom durch Wasserkraft.

„Die geringe Ausbeute steht in keinem Verhältnis zur ökologischen Beeinträchtigung des kleinen Flüsschens. Stellvertretend für eine Vielzahl an Kleinkraftwerken entlang der Nister zeigt sich hier exemplarisch, wie dort die überwiegende Wassermenge des Baches durch den Mühlgraben zur Stromgewinnung geleitet wird, während das Bachbett der Nister fast komplett trocken fällt“, meint Frank Ebendorff vom Nabu Rennerod. Hier müssten daher in Zukunft andere Lösungen gefunden werden.

Der Nabu aus Rennerod und Umgebung hatte zu seiner Naturveranstaltung für die ganze Familie eingeladen.  Foto: Rainer Perlik
Der Nabu aus Rennerod und Umgebung hatte zu seiner Naturveranstaltung für die ganze Familie eingeladen.
Foto: Rainer Perlik

Dort, wo das Wasser wieder in das Bachbett zurückgeleitet wird, sei die Welt hingegen noch in Ordnung und man bekomme die typischen Bewohner des kalten, klaren und sauerstoffreichen Mittelgebirgsbachs vorgestellt, wie die Bachforelle, Elritze, Groppe (auch Mühlkoppe genannt) und das Bachneunauge. Allesamt Fischarten, die als FFH-Arten gezählt werden.

Beim letzten Hochwasser hat die Nister Baumstämme und Wurzeln aufgetürmt, ähnlich einer Biberburg. Solche Totholzansammlungen, der Gewässerökologe nennt sie „Verklausungen“, seien biologisch sehr wertvoll, so Steinmann. Um den natürlich gestauten Bereich herum, haben sich neue Bachläufe ausgebildet. Im ruhigen Nebengerinne wächst Quellmoos, eine selten gewordene Art, die hohe ökologische Qualität anzeige.

„Ein intakter Auwald ist ein Lebensraum von hochgradiger Diversität“, erklärt der Experte. Eine besondere Lebensgemeinschaft von Tier- und Pflanzenarten finde in ihm ihr Habitat entlang des frei fließenden Baches mit all seiner ungebremsten Dynamik. „Auenwälder bedürfen eines besonders hohen Schutzes, denn sie gehören zu den besonders bedrohten Lebensräumen in der heimischen Kulturlandschaft! Vergleicht man diesen wenige hundert Meter langen Abschnitt der Nister mit dem im Grün- und Weideland gelegenen und stark durch den Menschen beeinflussten Bereich, wird einem schnell klar, warum Flüsse und Bäche auch als Lebensadern bezeichnet werden. Hier kommen Bachflohkrebse vor, ebenfalls ein Indikator für die gute Wasserqualität dieses Nisterabschnittes.

Zum Abschluss geht es durch einen Buchenwald mit Blick auf die Nister. Dabei kommt die Gruppe an einem üppig sprudelnden „Quellwasserfall“ vorbei. Hier stürzt das Wasser aus der stillgelegten Grube Alexandria in die Große Nister. Untersuchungen zur Trinkwassergewinnung wurden hier bereits durchgeführt. „Aber das wäre fatal, wenn an dieser Stelle dem Bach-Ökosystem das Lebenselement, das durch die anhaltende Trockenheit immer weniger wird, weggenommen würde. Wir müssen nachdenken, wie wir mit unserem wichtigsten und am besten kontrollierten Rohstoff und Lebensmittel Trinkwasser umgehen“, macht Frank Steinmann abschließend deutlich.

Der Anfang des Jahres geplante Bildvortrag „Naturnahe Nister – Wunsch und Wirklichkeit“ musste coronabedingt ausfallen, soll aber noch in diesem Jahr nachgeholt werden. Und es wird weitere Bachbegehungen geben.

Von Köcherfliegenlarven bis zu Krebstierchen

Für den Nachwuchs geht es mit Gummistiefeln, Keschern und kleinen Schalen hinunter in den Bach. Die Kinder sind mit Begeisterung tätig. An, auf und unter den Steinen wimmelt es von Köcherfliegenlarven mit ihren selbst gebauten Schutzhüllen aus kleinen Kieseln und Holzstückchen.

Verschiedene Arten, auch Eintagsfliegenlarven, Steinfliegenlarven, Krebstierchen und Schnecken gibt es zu entdecken. Die Naju-Gruppenleiterin Christina Schneider breitet ihre Bildbestimmungstafeln auf dem grünen Auenboden aus. Plötzlich kommt ein Grasfrosch dazwischen hervor, aufgeschreckt vom ungewohnten Dach über seinem Sitzplatz. Die Gruppe durchquert mit den Kindern den Bach und erkundet die Wildnis, die hier im ständigem Wandel und immer für eine Überraschung gut ist.

Gewässerökologe Steinmann verabschiedet sich am Ende der Bachbegehung mit aufmunternden Worten an die Kinder, die so gut mitgearbeitet und Bachhindernisse geschickt überwunden haben. Besonders bedankt er sich bei Naju-Gruppenleiterin Christina Schneider für die Anleitung der Kinder mit anschaulichem Naturkundematerial.

Westerwälder Zeitung
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