Archivierter Artikel vom 27.01.2022, 12:00 Uhr
Westerwaldkreis

Mobile Sorgenbüros berichten: Pandemie sorgt zunehmend für psychische Probleme bei Kindern

Die Pandemie hat auch bei den Grundschulkindern im Westerwald zum Teil tiefe Spuren hinterlassen. Die 15 Zuständigen der sogenannten Mobilen Sorgenbüros des Kinderschutzbunds berichten in ihrem Schuljahres-Rückblick 2020/21 von Ängsten und psychischen Problemen, von einer erheblichen Zunahme der Gespräche sowohl mit den Kindern als auch mit Lehrern und Eltern. Sie machen aber auch positive Erfahrungen.

Der Mundschutz gehört auch bei Kindern derzeit zum Alltag, genau wie viele andere Einschränkungen, die manche Ängste hervorrufen.
Der Mundschutz gehört auch bei Kindern derzeit zum Alltag, genau wie viele andere Einschränkungen, die manche Ängste hervorrufen.
Foto: Stock-Adobe

Trotz der zeitweisen Schulschließungen ist die Zahl der Gespräche mit Kindern an den 15 Grundschulen der Verbandsgemeinden Montabaur, Höhr-Grenzhausen und Selters um mehr als 20 Prozent auf fast 2800 gestiegen. Dabei hatten die Jungen und Mädchen weniger schulische Probleme als sonst, sondern eher Fragen zur Familie und persönliche Sorgen.

Aussagen wie „Ich hatte Angst, dass ich nie mehr in die Schule gehen kann“; „Ich bin viel allein und vermisse meine Freunde“; „Meine Mutter hat eine Immunschwäche. Wir haben Angst, dass sie Corona bekommt“ oder „Ich habe es nicht mehr ausgehalten und meine Oma einfach umarmt“ bekamen die sozialpädagogischen Fachkräfte häufig zu hören. Teilweise waren sie auch in die Notbetreuung eingebunden und intensivierten zusätzlich die telefonische Betreuung, auch der Eltern.

Denn das Homeschooling machte auch den Vätern und Müttern zu schaffen, die die „Sorgenbüros“ häufiger denn je mit erzieherischen Fragen kontaktierten. So geriet das soziale Umfeld stärker in den Blick, was auch zu mehr Interventionen führte. Auch Gespräche mit Lehrerinnen und Lehrern stiegen um gut ein Drittel auf 1342.

Das lag unter anderem daran, dass der häufige Wechselunterricht mit seinen kleinen Gruppen die Belange einzelner Kinder viel deutlicher gemacht hat, und die Lehrkräfte sich dann mit den erfahrenen sozialpädagogischen Fachkräften über konkrete Hilfen abstimmten. Die Arbeit in kleineren Gruppen wurde sowohl vom Lehrpersonal als auch vom Team des Kinderschutzbunds sehr positiv empfunden.

Erschwerend kam allerdings hinzu, dass die übliche Schuleingangsuntersuchung wegen der Pandemie nicht oder nicht in vollem Umfang stattfinden konnte. Reifetest und Förderbedarfsermittlung fielen aus und mussten dann im Schulalltag quasi nachgeholt werden. Außerdem konnten nicht alle Kinder in ihrem letzten Kita-Jahr so auf die Schule vorbereitet werden wie üblich. Zum Glück hätten inzwischen alle Verbandsgemeinden die Kontingente für die Schulsozialarbeit an Grundschulen ausgeweitet, heißt es in einer Mitteilung des Kinderschutzbunds. Nur so könnten die unterschiedlichen Bedarfe während der Pandemie gut bedient werden.

Das gilt auch für die Zeit nach der Rückkehr in den regulären Unterricht. Die Kinder waren nicht nur froh, die Klassenkameraden wieder „live“ zu sehen – sie nutzten dennoch eifrig die Mobilen Sorgenbüros. Es sei jetzt schon abzusehen, dass die Nachwirkungen der Pandemie noch für lange Zeit in den Grundschulen spürbar bleiben und die Arbeit der Fachkräfte prägen. Die Gespräche mit den Lehrerkollegien, die zu einem zentralen Bestandteil geworden sind, werden, so prognostiziert es der Kinderschutzbund, nicht weniger.

Um dem entgegenzutreten, müssten alle Beteiligten ihre Kräfte bündeln. Dass das in der Pandemie noch besser geklappt habe, ist eine der positiven Erfahrungen dieser an guten Nachrichten armen Zeit. Dazu zählt auch die Erkenntnis aller Verantwortlichen, dass für Schule als wichtiger Lebens- und Lernraum künftig Schließungen ausgeschlossen sein müssen. Schule und besonders die im Präsenzunterricht eingeübten demokratischen Regeln sind nicht zuletzt ein wichtiger Entwicklungsraum für Kinder zum mündigen Bürger.