Archivierter Artikel vom 26.12.2020, 07:13 Uhr
Limburg

Interview mit Dr. Georg Bätzing: Limburger Bischof geht mit Zuversicht ins neue Jahr

Ein Jahr, das wir alle so schnell nicht vergessen werden, neigt sich dem Ende entgegen. Für Bischof Georg Bätzing war es in doppelter Hinsicht ein besonderes Jahr: Mit Beginn der Corona-Pandemie im März wurde er zum Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz gewählt. Seitdem gehört ein voller Terminkalender fest zu seinem Alltag dazu. Wie es ihm aktuell geht, worauf er zurückblickt und wie er Weihnachten feiert, erzählt Bischof Bätzing in einem Interview, das das Bistum Limburg unserer Zeitung zur Verfügung gestellt hat.

Seit März dieses Jahres ist Limburgs Bischof Dr. Georg Bätzing auch Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Im Interview blickt er auf die vergangenen Monate zurück.
Seit März dieses Jahres ist Limburgs Bischof Dr. Georg Bätzing auch Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Im Interview blickt er auf die vergangenen Monate zurück.
Foto: Bistum Limburg

Im März wurden Sie zum Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz gewählt, fast gleichzeitig hat auch die Corona-Pandemie Deutschland und die ganze Welt durcheinandergewirbelt. Wie geht es Ihnen aktuell?

Ich bin am Ende dieses Jahres erst mal dankbar, dass ich bisher nicht von der Krankheit erreicht worden bin. Gesund zu sein ist ein unglaublich hoher Wert. Auch arbeiten zu können in dieser Zeit und ein Umfeld zu haben, wo man sich menschlich aufgehoben fühlt – das ist wichtig. Auf einmal sind die zentralen Werte wieder an oberster Stelle. Insofern kann ich nur sagen: Es geht mir gut, bei allem Stress und all der Arbeit, die da ist.

Weihnachten steht vor der Tür. In diesem Jahr feiern wir es in einem totalen Lockdown. Was sagen Sie dazu?

Ich finde die Einschränkungen vernünftig. Wer sich dagegen wehrt, der sollte mal auf die Intensivstationen unserer Krankenhäuser und in die Pflegeeinrichtungen schauen, da sieht man die Spitze des Eisbergs. Wir müssen uns in der Pandemie einschränken und Verantwortung übernehmen, das ist unsere Aufgabe. Wir als Kirche wollen niemanden durch Gottesdienste gefährden, deshalb ist es wichtig, alle Notwendigkeiten, hygienischen Maßnahmen und Abstandsregeln einzuhalten.

Das berührt jetzt auch Weihnachten. Wir werden es anders feiern, als wir es gewohnt sind. Aber vielleicht wird uns dadurch noch einmal deutlicher, wie wichtig dieses Fest ist, auch mit seiner Grundbotschaft. Die heißt: Gott ist bei uns. Es gibt keinen Grund sich zu fürchten. Man darf Ängste haben, und die haben viele – existenzielle, gesundheitliche, berufliche, um die Familie – aber Gott will, dass wir uns solidarisch zeigen, dass wir einander helfen.

Der Glaube kann uns dabei eine Stütze sein. Ich denke, das wird an Weihnachten noch mal deutlich bewusst werden. Insofern: Wir feiern Weihnachten, und wir sind da als Kirche. Ich hoffe, dass viele Menschen daraus Zuversicht und auch ein Licht für ihr Leben empfinden.

Vielen Menschen im Bistum und darüber hinaus geben die Livestreams, die es auch an den Weihnachtstagen geben wird, Trost und Halt. Was möchten Sie diesen Menschen sagen?

Also erst einmal ein großes Dankeschön, wie treu diese Menschen am Gottesdienst teilnehmen – das finde ich wunderbar. Und ich sage diesen Menschen: Sie alle sind auch für mich ein Trost und eine Stütze, denn ich merke: Die Botschaft kommt an. Es braucht diese gute Nachricht von Jesus, der an unserer Seite ist.

Und ich wünsche Ihnen vor allem Zuversicht. Wir werden diese Krise überwinden, und dann wird es auch wieder möglich sein, Gottesdienste so zu feiern, wie wir es uns wünschen: festlich, fröhlich, traurig und besinnlich, so wie es das Leben mit sich bringt. Bis dahin möchte ich, dass jeder klug und verantwortungsvoll entscheidet, ob er oder sie zu Hause mitfeiert oder persönlich zum Gottesdienst geht.

Wie sehen denn Ihre Pläne für Weihnachten aus?

Ich freue mich sehr auf die Gottesdienste. Dieses Jahr wird es ja mehr Messen geben, weil wir möglichst viele Menschen erreichen wollen. Und dann freue ich mich auch, mit meiner Schwester am zweiten Weihnachtstag zu feiern. Normalerweise kommen wir, schon zu Lebzeiten meiner Eltern, immer alle zusammen. Und die Familie wird jedes Jahr größer – ich glaube, wir wären jetzt 25 oder 26 Personen.

Das ist immer wunderbar, wird aber dieses Jahr nicht sein können. Das werde ich natürlich vermissen, aber man muss ja vernünftig bleiben. Insofern überlege ich jetzt schon, wie ich die einzelnen Familien durch meine Geschenke erreiche. Möglichkeiten der Kommunikation gibt es ja viele. Die werden wir nutzen. Was ich ebenfalls vermissen werde, sind Gäste und das Kochen für liebe Menschen, was ich auch gern mache. Aber es kommt auch wieder Weihnachten, wo wir so feiern können.

Der Lockdown betrifft auch Silvester. Inwiefern verändert das Ihren Start ins neue Jahr?

Seit ich hier in Limburg bin, gehört zur Tradition, dass ich im Frankfurter Dom Messe feiere. Anschließend lädt der Frankfurter Stadtdekan immer zu einem Essen ein. Im vergangenen Jahr bin ich dann aufgebrochen, um im Limburger Dom die Festmusik mitzuhören. Da war meine Schwester dabei. Wir haben dann den Jahresübergang miteinander gefeiert und mit einem Glas Sekt angestoßen.

Auch das wird dieses Jahr anders sein, der Jahresabschlussgottesdienst findet zwar statt, aber dann wird es stiller zugehen, wie bei vielen anderen. Für mich gehört zu Silvester aber auch noch mal still in der Kapelle zu sitzen und das Jahr Revue passieren zu lassen, um mir bewusst zu machen, wofür ich Gott danken will.

Wenn Sie auf das Jahr zurückblicken, was ist Ihr Fazit?

Wir können Krisen meistern, wenn wir zusammenstehen und das Vernünftige tun. Und wir haben sie bisher überstanden, weil viele Menschen verantwortungsvoll gehandelt haben. Viele sind solidarisch und haben verzichtet. Das macht mich dankbar und zuversichtlich. Mir geht aber noch sehr nach, dass wir in der ersten Phase dieser Krise Ostern nicht feiern konnten. Und dass wir auch jetzt nicht so miteinander Gottesdienst feiern können, wie wir es gern würden.

Zudem sind mir die Geschichten von Menschen in Erinnerung geblieben, die mir erzählt haben, dass sie die letzten Augenblicke nicht bei ihren Lieben sein konnten, die gestorben sind, dass die Umstände des Begräbnisses ernüchternd waren und sie davon bis heute gezeichnet sind. Wir, als Seelsorgerinnen und Seelsorger, konnten im ersten Lockdown nicht nah bei diesen Menschen sein. Das ist etwas, das werden wir nie mehr ganz aufholen können und das belastet mich.

Wenn Sie gedanklich ins nächste Jahr schauen, was wünschen Sie sich?

Ich wünsche mir, dass wir diese Pandemie überwinden. Dass wir auf der einen Seite zur Normalität zurückfinden, dass vor allem Familien wieder in einem normalen Zustand leben können. Ich hoffe, dass nicht allzu viele Menschen ihre Arbeit verlieren, wenn die Auswirkungen der Krise da sind.

Aber ich wünsche mir auch, dass wir nicht einfach so zur Normalität zurückkehren, sondern dass wir auch bedenken, was wir in dieser Zeit gelernt haben, was wirklich wichtig ist im Leben und worauf man auch verzichten kann. Wir als Kirche haben gelernt, auf welch unterschiedliche Weise wir Gottesdienste feiern können. Und ich hoffe auch, dass wir den Blick für die Ärmsten der Armen nicht verlieren, die hier unter uns leben, aber vor allem auch in den Ländern des globalen Südens, wo diese Pandemie die Krisen, die sowieso schon herrschten, verschärft hat. Dagegen anzugehen, das wünsche ich mir sehr.

Haben Sie persönliche Vorsätze für das neue Jahr?

Ich hab schon lange so gut wie keine Vorsätze mehr, weil ich weiß, wie ich damit umgehe. Die sind bei mir stark in den ersten Tagen und dann merke ich wieder meine Grenzen und wie sehr mich doch der Alltag beeinflusst. Und dann ärgere ich mich. Deshalb habe ich lieber ganz kleine Vorsätze, die ich auch umsetzen kann. Einer daraus: Ich habe viel Zeit allein verbracht in diesem Jahr. Ich spüre, das hat mich noch mal dazu gebracht, mehr zu lesen und mehr zu beten, als ich das sonst im Stress des Alltags tue. Das beizubehalten ist ein kleiner Vorsatz für das neue Jahr.