Archivierter Artikel vom 21.09.2015, 21:37 Uhr
Westerburg

Abiturient wollte groß absahnen

Der Großvater hatte ihm angeblich seine Wohnung vermacht und die wollte sich ein 21-jähriger Abiturient schick herrichten. Einziger Haken: Er hatte kein Geld.Da kam er auf andere Ideen.

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Also zog er aus dem Main-Kinzig-Kreis im Osten Hessens los, um sich in Hachenburg, Asbach und Neuwied mit einer ungedeckten EC-Karte und viel Elan mit allerlei Haushalts- und Elektronikgeräten einzudecken. Begleitet wurde er von einem 30-jährigen Kumpel. Den hatte er jetzt auch wieder im Schlepptau, als er dem Richter am Amtsgericht in Westerburg seine Aufwartung machen durfte. Dort nämlich mussten er und sein Compagnon sich wegen mehrfachen Betrugs verantworten.

Für den jungen Mann, der wegen eines Quadunfalls erst spät sein Abitur machen konnte, stand viel auf dem Spiel. Er war bereits einschlägig vorbestraft und stand unter laufender Bewährung. 2012 hatte ihn ein Gericht wegen gemeinschaftlichen Diebstahls und Störung der Totenruhe verurteilt. Gemeinsam mit anderen stahl er Kupfer von Friedhöfen und fungierte als Fahrer. Es folgten weitere Verurteilungen wegen Urkundenfälschung, Unterschlagung und Betrug. Zuletzt wurde gegen ihn eine neunmonatige Bewährungsstrafe verhängt. Weil er wegen der laufenden Bewährung erneut rückfällig geworden war, stand er jetzt sozusagen mit einem Bein im Knast.

Doch war ihm die Situation eigentlich vollends bewusst? Auf Anrufe seines Pflichtverteidigers reagierte er nicht und auch zum anberaumten Gerichtstermin erschienen er und sein Bekannter zu spät. „Hingen im Stau fest“, hieß es eher lapidar. Und weil er jetzt offenbar die Zeit gekommen sah, um sich mit seinem Verteidiger zu beraten, wurde die Sitzung auch prompt unterbrochen. Rechtsanwalt Götz Gramsch hatte ihn offensichtlich gut beraten. Er räumte die gegen ihn erhobenen Vorwürfe in vollem Umfang ein und ersparte dem Gericht somit eine umfangreiche Beweisführung. Der Abiturient hatte sich am 24. November vergangenen Jahres mit seinem Bekannten von Langenselbold im Main-Kinzig-Kreis auf den Weg gemacht, um im Westerwald und am Rhein mit einer nicht gedeckten EC-Karte Beute zu machen. Gegen 11.30 Uhr erschien das Gaunerduo in einem Hachenburger Elektronikmarkt, deckte sich mit einem Flachbildfernseher im Wert von knapp 4000 Euro, einem weiteren kleinen TV-Gerät für circa 500, einer Videokamera für rund 400 Euro und Video-Games für 100 Euro ein. Die EC-Karte wurde angenommen und die Gerätschaften, bis auf den 4000-Euro-Fernseher, der war zu groß, um ihn zu verstauen, im Auto davongefahren. Drei Stunden später tauchten sie in einem Elektromarkt in Asbach auf, interessierten sich für ein Laptop und eine Playstation und ließen sich alles an die Kasse bringen. Als die Verkäuferin die EC-Karte einliest, bemerkte sie, dass irgendetwas nicht stimmte, worauf die beiden Männer flüchteten. Gegen 16.45 Uhr starteten sie in einem Elektronikmarkt in Neuwied einen weiteren Versuch, der ebenfalls scheiterte. In Koblenz gingen sie der Polizei schließlich ins Netz.

„Die Geräte waren alle für mich gedacht. Ich wollte mir damit eine Wohnung einrichten“, erklärte der 22-Jährige vor Gericht und trat damit Vermutungen der Staatsanwaltschaft entgegen, wonach er die Elektrosachen habe weiterveräußern wollen. Ebenso behauptete der Jüngere der beiden Angeklagten, dass er davon ausgegangen sei, dass man ihm, auch wenn die EC-Karte nicht gedeckt gewesen war, im Nachhinein Ratenzahlung ermögliche. „Das“, so hielt Richter Hans Helmut Strüder ihm entgegen, „hätten sie vorher vereinbaren müssen“.

Der Vertreter der Staatsanwaltschaft forderte für den Hauptangeklagten eine Gesamtfreiheitstrafe von 14 Monaten und eine Bewährungszeit von vier Jahren. Für den Mitangeklagten regte er eine Geldstrafe in Höhe von 180 Tagesätzen zu je 30 Euro an. Rechtsanwalt Götz Gramsch forderte für seinen Mandanten eine geringere Strafe, wie sie von der Anklagevertretung gefordert wurde. „Er war zur damaligen Zeit völlig von der Rolle und seit damals ist auch nichts strafrechtlich Relevantes mehr passiert“, machte er deutlich. Ebenso führte er auf, dass der 21-Jährige sich derzeit gezielt um einen Studienplatz bemühe.

Das Gericht verurteilte den Abiturienten letztlich wegen der begangenen Betrügereien zu einer Bewährungsstrafe von einem Jahr. Gegen seinen Bekannten wurde wegen Beihilfe eine Geldstrafe von 3600 Euro verhängt.

Ein gewerbsmäßiges Vorgehen sei nicht mit Sicherheit zu belegen gewesen, machte Richter Strüder deutlich. „Der Hauptangeklagte verfügt über ein unglaubliches Anspruchsdenken und ist den Verlockungen der Werbung erlegen“, sagte der Vorsitzende und räumte dem 21-Jährigen die Möglichkeit zu einem Neuanfang ein. In Richtung eines straffreien Lebens, versteht sich. Denn sollte er jetzt noch einmal rückfällig werden, erwarten ihn neun Monate plus zwölf Monate plus X Monate Haft. wez