Archivierter Artikel vom 27.08.2021, 19:23 Uhr
Rhein-Lahn

Unterricht startet wieder im Kreis: Schulleiter schauen trotz anhaltender Pandemie gelassen ins neue Schuljahr

Rheinland-Pfalz startet kommende Woche in das neue Schuljahr, und Corona wird auch weiterhin ein Thema im Klassenalltag bleiben. Wie fällt nach eineinhalb Jahren Pandemie die Zwischenbilanz der Schulen aus? Wie gut fühlen sie sich auf den Herbst vorbereitet und was wünschen sie sich? Wir haben bei fünf Schulleitern im Rhein-Lahn-Kreis nachgefragt.

Von Stefanie Rüggeberg

Die befragten Leiter mehrerer Schulen im Rhein-Lahn-Kreis sehen dem Schulstart am Montag trotz Corona gelassen entgegen.
Die befragten Leiter mehrerer Schulen im Rhein-Lahn-Kreis sehen dem Schulstart am Montag trotz Corona gelassen entgegen.
Foto: dpa
Ute Scherrer-Burkhardt, Schulleiterin der Pestalozzi-Grundschule in Diez: „Der organisatorische Aufwand für das Schulleben ist durch die Pandemie zwar immens geworden. Doch zusammen mit der Verbandsgemeinde, dem Gesundheitsamt und der vorbildlichen Mitarbeit der Eltern und Kinder haben wir die neue Situation sehr gut bewältigt. Jetzt ist fast das komplette Kollegium geimpft, sodass wir optimistisch ins neue Schuljahr starten.

In den ersten zwei Wochen nach den Ferien ist ja in Rheinland-Pfalz für die Kinder im Unterricht wieder eine Maske vorgeschrieben. Dann schauen wir auf das Infektionsgeschehen. Als große Unterstützung bei den Selbsttests hat sich die Corona-Ambulanz erwiesen, die uns im letzten Schuljahr einmal in der Woche beim Testen der Kinder half. Wenn wir alleine testen, dauert es einfach deutlich länger, ist aber für die Kinder ebenfalls kein Problem.

Zusätzlichen Schutz bieten uns ab sofort die neuen 20 Luftreinigungsfilter, die dann in jedem Klassenraum und 3 weiteren Räumen zur Verfügung stehen. Insgesamt sind wir so gut für das kommende Schuljahr gewappnet, dass wir im Rahmen der Möglichkeiten zufrieden sind. Unsere Schule bekommt von Masken und Tests bis hin zu einer guten Kommunikation mit dem Schulträger die Unterstützung, die sie braucht.

Wir konnten jetzt durch das Aktionsprogramm „Aufholen nach Corona für Kinder und Jugendliche“ Förderunterricht für das vierte Schuljahr beantragen, damit es für die Kinder möglich wird, versäumten Unterrichtsstoff nachzuarbeiten, bevor sie auf eine weiterführende Schule wechseln. Wichtig ist für die Zukunft, dass wir im Präsenzunterricht bleiben können. Die Digitalisierung hat im Lockdown zwar gut geklappt, aber sie ist kein Allheilmittel und kann keine persönlichen Beziehungen ersetzen.

Als positive Begleiterscheinung der ganzen Corona-Situation an den Schulen sehe ich, wie toll Eltern, Kinder und Lehrer sich unterstützen können. Mal ganz davon abgesehen, dass wir im Winter dank der Masken zuletzt fast keine Erkältungsausfälle an der Schule hatten. Insofern bin ich für den Herbst entspannt. Wir werden uns erneut auf jede Situation einstellen, wenn sie da ist. Denn auch das hat uns der neue Corona-Schulalltag gezeigt: Es geht nicht darum, nach Problemen zu suchen, sondern für jede Situation die richtige Lösung zu finden.“

Rudolf Loch, Schulleiter am Johannes-Gymnasium Lahnstein: „Das vergangene Schuljahr war insbesondere in den Phasen des Distanzunterrichts eine große Herausforderung, aber unsere Schule hat dies, zumindest nach einer Umfrage des Regionalelternbeirates Koblenz unter der Elternschaft, wohl sehr gut gemeistert.

Ins neue Schuljahr gehe ich diesmal mit deutlich weniger Bauchschmerzen als noch vor einem Jahr. Das Kollegium ist überwiegend immunisiert. Und bereits vor den Ferien waren viele Oberstufenschüler ebenfalls geimpft und die Impfquote bei den minderjährigen Schülern wird sich durch die neue Stiko-Empfehlung sicherlich deutlich erhöhen.

Insofern sind die Sorgen von 2020, als wir noch ungeimpfte Lehrkräfte und Schüler mit Vorerkrankungen hatten, weitaus kleiner. Sehr viel mehr Sicherheit haben uns außerdem die zweimal wöchentlichen Corona-Tests gegeben. Der Ablauf ist hier längst eingespielt, und unter 900 Schülern gibt es allenfalls ein oder zwei, die mit Sondergenehmigungen die Tests zu Hause vorab durchführen.

Insofern sehe ich die vierte Welle aktuell aus schulischer Sicht recht gelassen, solange wir bei den Testungen bleiben. Sie waren für die Rückkehr zum normalen Schulleben enorm wichtig und hätten für meine Begriffe schon viel früher eingeführt werden sollen. Jetzt wären mobile Luftfilteranlagen noch ein weiterer Fortschritt, doch bei Kosten von 3000 bis 4000 Euro pro Gerät und 50 Klassen- und Fachräumen ist das am Johannes-Gymnasium für den Schulträger nicht finanzierbar. Ich denke aber, das ist auch nicht zwingend nötig, wenn wir weiter konsequent testen, impfen und lüften.

Vor einem Jahr konnten wir uns nicht vorstellen, mit Maske zu unterrichten. Jetzt ist das wie vieles Routine und läuft gut. Dennoch fehlt für einen normalen Schulbetrieb noch der entscheidende nächste Schritt. So haben wir in drei Wochen unser Ehemaligenfest, wo wir noch überlegen, was coronabedingt möglich ist. Oder wir würden, so toll sich die digitale Kommunikation bewährt hat, bei Elternabenden oder Lehrerkonferenzen gern in absehbarer Zukunft mal wieder in analoger Form zusammenkommen. Schule ist ja so viel mehr als nur Unterricht – hier muss es in absehbarer Zeit nun auch zu Fortschritten kommen hin zu einem „normalen“ Schulleben.“

Hildegard Krekel, Schulleiterin der Ernst-Born-Schule in Bad Ems: „Bisher haben wir an unserer Schule das Beste aus der Ausnahmesituation der Pandemie machen können. Wir konnten selbst im Distanzunterricht den Kontakt zu allen Eltern und unseren Kindern halten, hatten viel Videounterricht, sind digital insgesamt so gut aufgestellt, dass jeder mit Arbeitsmaterial versorgt wurde, und konnten den Eltern sogar Hilfe bei der Notbetreuung anbieten.

Überhaupt hat die Zusammenarbeit mit den Eltern wirklich super geklappt. Als Vorteil hat sich dabei erwiesen, dass wir nur 100 Schüler in 5 Klassen haben und so schnellere Entscheidungen und eine enge Kooperation zwischen den Familien und den Lehrern möglich waren.

Insofern gehen wir jetzt auch ganz gelassen in den Herbst. Von Teil- bis Vollschließungen kennen wir ja nun jedes Schulszenario, haben ein gutes und funktionierendes Hygienekonzept und wissen, dass wir uns auf jede Situation flexibel einstellen können. Mit den Masken waren alle Kinder sehr diszipliniert. Auch die Selbsttests sind mittlerweile längst Routine, das bekommen sogar die Erstklässler gut hin.

Ich hoffe, dass wir auch im kommenden Schuljahr möglichst lange im Präsenzunterricht bleiben können. Das ist vor allem für die Schüler wichtig. Nicht wegen des verpassten Lernstoffes, das hat in den meisten Fällen zu Hause ebenfalls gut geklappt. Doch nachdem die Kinder im vergangenen Schuljahr länger zu Hause waren und dann wieder in die Klassen kamen, hatten sie einen enormen Redebedarf, auch untereinander. Dieser soziale Aspekt darf nicht durch einen weiteren Lockdown leiden.

Wünschenswert wäre jetzt noch, dass in Fortbildungen investiert wird, um die Lehrer insgesamt weiterhin fitter in der Digitalisierung zu machen, etwa im Umgang mit Kameraequipment. Das wäre nicht nur für den Fall, dass es doch einmal wieder Distanzunterricht geben muss, eine sehr sinnvolle Investition.“

Stefanie Grabowski, Förderschulrektorin an der Taunus-Schule Nastätten: „Wir haben nur 97 Schüler in acht Klassen. Das erleichtert es sehr, auf viel Abstand zu achten, kleine Gruppen zu haben und versetzte Pausenzeiten einzuhalten. Bisher hatten wir keinen einzigen Coronafall und keinerlei Notwendigkeit für Quarantäne.

Mit dem bewährten Konzept „Testen, Abstand halten, Lüften“ fahren wir 2021/22 sicher ebenfalls gut. Selbst die geimpften Lehrer testen sich weiter, wir gehen also auf Nummer sicher und haben nun auch genügend Routine, um mit allen möglichen Unterrichtsszenarien klarzukommen. Mit kompletten Schulschließungen rechne ich eher nicht mehr, fände sie auch fatal. Denn da haben wir zuletzt zumindest einen kleinen Teil der Kinder streckenweise verloren, weil sie ihre Aufgaben nicht mehr gemacht haben.

Als Lehrer ist es schon anstrengend, sechs Stunden hinter einer Maske zu unterrichten. Die Kinder kommen mit den Tests und mit den Masken jedoch gut zurecht, trugen den Mund-Nasen-Schutz zuletzt sogar, als sie gar nicht mehr mussten. Wünschenswert wäre jetzt, dass die Tests wieder extern durchgeführt werden. Das fand ich noch zuverlässiger.

Auch die Lollitests wären hier aus meiner Sicht vertrauenswürdiger als die Nasentests, die wir aktuell haben. Aber ansonsten bin ich mit der Corona-Politik im Schulalltag zufrieden. Wir wussten lange vor den Ferien Bescheid, was nach den Ferien für Regeln gelten. Da informiert die Landesregierung inzwischen sehr gut. Die Zeiten, in denen man eine Information für Montag erst Freitag bekam oder Entscheidungen kurz darauf wieder rückgängig gemacht wurden, sind vorbei und das bleibt hoffentlich so.“

Martin Ufer, Schulleiter am Leifheit-Campus in Nassau: „Wir haben vor den Ferien an der Schule eine Impfaktion für Kinder ab 12 Jahren angeboten. Dafür gab es viel Zuspruch, aber mitunter auch Ablehnung.

An der Stelle steht die Corona-Politik an den deutschen Schulen generell: Es ist eine schwierige Situation, man muss immer wieder aktuell auf die Entwicklungen reagieren. Seit ein Großteil des Kollegiums geimpft ist und die Schüler zweimal pro Woche Selbsttests machen, sind wir alle spürbar entspannter. Für unsere Klassen haben wir nun rund 30 Luftreinigungsgeräte, da hat das Land Rheinland-Pfalz viel gemacht und wir gehen aus meiner Sicht gut vorbereitet in den Herbst.

Ärgerlich war, dass im letzten Schuljahr zunächst viele der Schnelltests fehlerhaft und nicht auswertbar waren, aber das ändert sich hoffentlich nach den Sommerferien mit einem anderen Anbieter. In jedem Fall wünsche ich mir, dass die Tests so lange wie möglich weiter durchgeführt werden. Ansonsten bleibt unser größter Wunsch, dass so viel Alltag wie möglich zurückkehrt.

Und so planen wir aktuell auch – mit Klassenfahrten und AGs und reagieren je nach Infektionsgeschehen dann, wenn es so weit ist. Sich ständig auf das Schlimmste zu fokussieren, wäre die falsche Einstellung, denn für die Kinder ist Normalität enorm wichtig. Das zeigte sich auch während des Homeschoolings. Das klappte je nach Unterstützung zu Hause mal sehr gut, bei einem Teil blieben jedoch Lerndefizite zurück. Für fast alle Kinder galt aber: Sie waren letztlich sehr glücklich, wieder in ihre Klasse gehen zu können und haben die Schule als sozialen Ort schätzen gelernt.“