Archivierter Artikel vom 27.01.2022, 17:51 Uhr
Limburg/Rhein-Lahn

Kolping auf Distanz: Verband übt scharfe Kritik an Kirche im Umgang mit Missbrauch

In einem Brief an die Vorstände der Kolpingfamilien und Bezirke wenden sich Diözesanvorsitzender Sebastian Sellinat und Diözesanpräses Christian Preis an die rund 5000 Mitglieder ihres Verbands, zu dem auch die Kolpingfamilien aus dem Rhein-Lahn-Kreis gehören.

Foto: dpa/Symbolfoto

Nach der Veröffentlichung des Gutachtens zum Thema Umgang mit Missbrauch in der Erzdiözese München und Freising empfinden demnach viele Mitglieder des Kolpingwerks Wut, Trauer und Ratlosigkeit. Das ganze System der katholischen Kirche scheine zu kollabieren, heißt es.

„Nach den Münchener Ereignissen, die sogar einen Papst ins Zwielicht bringen, fragen wir uns: Was trägt noch, wem kann man glauben, was dürfen wir hoffen?“, erläutern Preis und Sellinat. Entgegen dem, was Jesus vorlebe, handelten „Kirchenfürsten“, die ihr offensichtliches Fehlverhalten erst eingestehen, wenn es an das Licht der Öffentlichkeit kommt. Und weiter: „Während sie sich auf eine Argumentation zurückziehen, die ihr Verhalten damit erklärt, dass es nicht strafbar war, Täter nicht zur Verantwortung zu ziehen und strafrechtlich zu verfolgen, ist es kaum zu ertragen, dass die moralische Keule ausgepackt wird, wenn zum Beispiel ein Arzt eines katholischen Krankenhauses einen Mann heiratet.“

Die verfasste Kirche zerbricht

Da das Kolpingwerk wie alle katholischen Verbände Teil dieser Kirche ist, bestehe die Gefahr, dass es in der Öffentlichkeit als Teil dieses Systems betrachtet werde. Jahrzehntelanges Wirken für Glaube, Familie, soziale Gerechtigkeit, kirchliches Gemeinschaftsleben hätten im Verband eine Vertrauensbasis bei den Menschen gegeben, die es nun gelte, verstärkt ins Bewusstsein zu rufen.

„Wir haben ein Schutzkonzept vor sexualisierter Gewalt in unserem Diözesanverband verabschiedet. Missbrauch soll von Grund auf in allen Ebenen unseres Verbands vermieden werden“, sagt Sellinat. Alle Engagierten, die mit Kindern, Jugendlichen und erwachsenen Schutzbefohlenen zu tun haben, werden demnach geschult und unterschreiben ihre Bereitschaft, sich den erarbeiteten Verhaltensweisen und Haltungen zu verpflichten. Dieser vorgelebten Achtsamkeit verpflichteten sich auch alle Diözesanvorstandsmitglieder. Sellinat und Preis appellieren an ihre Mitglieder, als Kolping anders Kirche zu sein: „nicht auf Macht bedacht und auf Angst gebaut, sondern auf Zuwendung und Vertrauen.

Es darf dabei nicht zuerst darum gehen, in der Gesellschaft Ansehen und verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen, sondern sich tatkräftig den Menschen selbst zuzuwenden. Die verfasste Kirche, wie wir sie kennen, zerbricht gerade. Doch wir sind überzeugt, dass geschwisterliche Kirche und Kolping Zukunft haben!“ Der Diözesanverband Limburg ist ein generationsübergreifender katholischer Sozialverband mit etwa 5000 Mitgliedern in 57 Kolpingfamilien in der Diözese – davon etwa 800 Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die der Kolpingjugend angehören.