Archivierter Artikel vom 19.11.2019, 18:28 Uhr
Nassau

Einweihung am Freitag: Stele erinnert an Synagoge und verfolgte Juden in Nassau

Noch müssen hölzerne Streben das Denkmal stützen und ein Bauzaun es abschirmen. „Der Beton braucht ein bis zwei Tage, bis er vollständig ausgehärtet ist“, erklärt Ben Mathy, der stellvertretende Leiter des Nassauer Bauhofs, der die Gedenkstele am Morgen dieses grauen Novembertags in den Boden eingelassen hat. Dann allerdings steht ein Projekt unmittelbar vor der Fertigstellung, dessen Wurzeln fast auf den Tag genau zehn Jahre in die Vergangenheit zurückreichen.

Von Ulrike Bletzer
Alt-Stadtbürgermeister Armin Wenzel, Pfarrerin Brigitte Menzel-Wortmann und Ben Mathy vom Bauhof an der Stele.  Foto: Bletzer
Alt-Stadtbürgermeister Armin Wenzel, Pfarrerin Brigitte Menzel-Wortmann und Ben Mathy vom Bauhof an der Stele.
Foto: Bletzer

„Wir haben jedes Jahr rund um den Gedenktag zur Reichspogrommacht zu einer ökumenischen, später dann auch interreligiösen Friedensfeier in die Kirche eingeladen“, berichtet Brigitte Menzel-Wortmann, die ehemalige Pfarrerin der evangelischen Kirchengemeinde Nassau. Am 10. November 2009 war es, als die jüdische Musikerin Odelia Lazar und ihr christlicher Kollege Jörg Erb in diesem Rahmen ein Konzert gaben – und Brigitte Menzel-Wortmanns mittlerweile verstorbener Ehemann, der frühere Stadtbeigeordnete Dieter Wortmann, den Anstoß für die Verlegung von 19 Stolpersteinen gab. Von Nassauer Bürgern und Institutionen finanziert, erinnern die vom Künstler Gunter Demnig verlegten Stolpersteine seit 2010 an das Schicksal jüdischer Mitbürger, die dem Rassenwahn der Nationalsozialisten zum Opfer fielen, aus ihren Häusern vertrieben, deportiert und in Konzentrationslagern ermordet wurden.

Wertvolle Dienste leistete im Zusammenhang mit der Stolpersteinaktion das von den beiden aus Nassau stammenden Autoren Waltraud Becker-Hammerstein und Werner Becker verfasste Buch „Julius Israel Nassau: Juden in einer ländlichen Kleinstadt im 19. und 20. Jahrhundert“, indem es über die lokalgeschichtlichen Hintergründe informierte und ein Bewusstsein für die Thematik schuf.

Damit nicht genug. „Wir sagten uns, dass wir auch auf die Synagoge hinweisen müssen“, erinnert sich der frühere Stadtbürgermeister Armin Wenzel. Auf jenes Gebäude also, das die jüdische Kultusgemeinde 1857 im Obertal auf den Überresten eines ehemaligen Spitals errichtete, das von da an der Mittelpunkt des religiösen Lebens der Nassauer und Dausenauer Juden war, bis der entfesselte Mob es am 10. November 1938 verwüstete.

Doch wie konnte es gelingen, die Erinnerung an die im Februar 1945 bei einem Bombenangriff größtenteils zerstörte Synagoge wachzuhalten? Dass die gusseiserne Säule dabei eine Schlüsselrolle spielen sollte, war ziemlich schnell klar. Armin Wenzel entdeckte sie, als 2011 in der Hintergasse ein ehemaliges jüdisches Geschäft, in dem die 1937 verstorbene Johanna Strauß einen Lebensmittelhandel betrieben hatte, abgerissen wurde. Die Säule, die sich als Dachstütze neben dem Hauseingang befand, wurde auf dem Bauhof zwischengelagert – und inspirierte Brigitte Menzel-Wortmann, Armin Wenzel und ihre Mitstreiter zu einer ganzen Reihe von Ideen und Plänen, die sich aber aus unterschiedlichen Gründen nicht realisieren ließen. Gepasst hat es dann endlich bei einem Entwurf der Westerwälder Bildhauer-Werkstatt Gerz.

Er beinhaltet eine als unregelmäßiges Sechseck geformte Bronzeplatte, die in der Mitte eine an die Konturen eines Davidsterns erinnernde Öffnung hat. Als zentrales Element trägt sie die Inschrift „Zukunft braucht Erinnerung“, deren Bedeutung auf dem Hintergrund aktueller antisemitischer Taten wie des Angriffs auf die Synagoge in Halle gar nicht hoch genug einzuschätzen ist. Diese drei prägnanten Worte haben auf Anregung von Werner Becker, aus dessen Feder auch zwei kurze erläuternde Texte stammen, Eingang in die Bronzeplatte gefunden – ebenso wie ein Grundriss der Synagoge mit einigen Worten in hebräischer Sprache, ein siebenarmiger Leuchter als Symbol des jüdischen Glaubens und das Datum 22. November 2019. Denn an diesem Tag wird der Bauhof morgens die Bronzeplatte der Gedenkstele „überstülpen“, damit alles für die Einweihung am Nachmittag fertig ist.

Um 16 Uhr begrüßt Stadtbürgermeister Manuel Liguori im Obertal vor dem Blumenhaus Hees, hinter dem sich einst die Synagoge befand, die Teilnehmer, und Armin Wenzel sagt etwas zur Entstehung der Stele, bevor Odelia Lazar ein jiddisches Lied singt. Anschließend verliest Brigitte Menzel-Wortmann die Namen der rund 100 Nassauer Bürger jüdischen Glaubens, die damals dem Naziterror zum Opfer fielen. Für jeden von ihnen wird ein Stein in die Öffnung der Bronzeplatte gelegt. Im Museumssaal des Günter-Leifheit-Kulturhauses findet die Einweihungsfeier ihre Fortsetzung. Landrat Frank Puchtler wird einige Worte sagen, Werner Becker einen kurzen Vortrag über das Leben der Juden in Nassau halten und Brigitte Menzel-Wortmann für den liturgischen Abschluss der Veranstaltung sorgen. Sängerin Odelia Lazar bringt, diesmal gemeinsam mit Michael Wienecke, einige Lieder des jüdisch-polnischen, 1942 im Krakauer Getto von einem deutschen Besatzungssoldaten ermordeten Komponisten Mordechaj Gebirtig zu Gehör.

„Gerade in der heutigen Zeit ist es außerordentlich wichtig, an dieses dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte zu erinnern“, sind sich Brigitte Menzel-Wortmann und Armin Wenzel einig. Künftig soll die Gedenkstele Gegenstand von Stadtführungen und rund um den 9. November Ziel von Schulklassen sein, die sich im Unterricht mit der Reichspogrommacht befassen. „Für die Schüler ist es von entscheidender Bedeutung zu sehen, dass es das auch in Nassau gab“, sagt Armin Wenzel.

Von unserer Mitarbeiterin Ulrike Bletzer