Kestert

Der Felssturz und die Folgen: Bahn macht den Mittelrhein durch Lärm zur Hölle

Seit März blockiert ein Felsrutsch Bahngleise im Welterbe Oberes Mittelrheintal. Eine Folge: Nun hat ein Flussufer viel weniger und das andere viel mehr Lärm durch die Güterzüge. Wie erleben Anwohner dies kurz vor der Wiedereröffnung der Strecke?

Seit März sichert die Deutsche Bahn den Hang im Welterbe Oberes Mittelrheintal mit großem Aufwand. Lockeres Gestein wird etwa gesprengt.
Seit März sichert die Deutsche Bahn den Hang im Welterbe Oberes Mittelrheintal mit großem Aufwand. Lockeres Gestein wird etwa gesprengt.
Foto: dpa

Körperverletzung, Terror, Folter: Viele Anwohner der international wichtigen Güterzugstrecke zwischen Wiesbaden und Koblenz finden deutliche Worte. Doch seit einem Felssturz vor rund sieben Wochen erleben sie relativ viel Ruhe. Nur noch regionale Züge für Fahrgäste fahren auf Teilen der rechtsrheinischen Strecke. An diesem Samstag, 1. Mai, soll die Trasse, vorerst eingleisig, wieder geöffnet werden, auch für Güterzüge.

Laut der Deutschen Bahn ist die Hangsicherung nach dem Felsrutsch im März bei Kestert nahe dem weltberühmten Loreleyfelsen im Zeitplan.

Die rechtsrheinischen Gleise sind nach Angaben der Bahn Teil von Europas meistbefahrener Güterzugstrecke zwischen Genua und Rotterdam. „Bei geöffnetem Fenster in Ruhe schlafen zu können, ist wie ein Märchen“, urteilt Paul Hesse in Braubach bei Koblenz. Das Bürgernetzwerk Pro Rheintal hat Stimmen von Anwohnern gesammelt. Sie sollen laut dem Verein zusammen mit Auswertungen von rund 2000 Fragebögen sowie Forderungen zum Krach im Mittelrheintal in diesem Sommer als „Bahnlärm-Buch“ veröffentlicht werden.

Auch Elly Emschermann in Kamp-Bornhofen empfindet es momentan „besonders nachts als sehr wohltuend, dass keine Güterzüge fahren, und wir schlafen wesentlich besser“. Schon seit vielen Jahren litten sie und ihr Mann unter „dem enormen Bahnlärm“ und Schlafstörungen. Arno Hilger in Oestrich-Winkel im Rheingau bezeichnet es als „einfach himmlisch, wenn man nachts wieder ruhig schlafen kann“. Das sei fast wie „Urlaub auf dem Land“.

Im selben hessischen Städtchen spricht Hotelier Wilfried Vahle von einem kleinen Wunder: „Von mir aus können die in Kestert noch jahrelang buddeln.“ Am 15. März sind dort tonnenschwere Schieferplatten von einem Steilhang Richtung Schienen gekracht – 13.000 bis 16.000 Kubikmeter nach Schätzung der Bahn. Verletzte hat es nicht gegeben.

Ein neuer Schutzwall entsteht, und an 620 Felsankern werden Hangnetze befestigt.
Ein neuer Schutzwall entsteht, und an 620 Felsankern werden Hangnetze befestigt.
Foto: dpa

Die meisten Güterzüge werden derzeit linksrheinisch umgeleitet. Dort fahren sonst überwiegend nur weniger laute Personenzüge. Also sieben Wochen lang noch mehr Krach am linken Flussufer, im schalltrichterartigen und sonst so romantischen Oberen Mittelrheintal mit historischen Fachwerkhäusern, steilen Weinbergen und der wohl höchsten Burgendichte der Welt.

Nicole Wöllner wohnt in Koblenz-Stolzenfels nur zehn Meter von den linksrheinischen Gleisen entfernt: „Mal abgesehen davon, dass wir ewig vor dem Bahnübergang stehen, bis wir zu unserem Haus gelangen sowie dem ohrenbetäubenden Lärm, sind am unerträglichsten die Erschütterungen geworden.“ Wöllner betont: „Es ist wie hundertmal am Tag, ein Erdbeben zu haben.“

Ingelore Becker im linksrheinischen Oberwesel klagt über Risse in zwei Scheiben ihres Wintergartens und in ihrem Haus. Sie fragt, was Umrüstungen sehr lauter Waggons nützten, wenn diese immer nur einen Teil eines Güterzugs ausmachten. Teresa Arnold-Swiderski im linksrheinischen St. Goar-Fellen empfiehlt den Bahnverantwortlichen, hier selbst ein paar Nächte zu verbringen. Im Herzen des Welterbes ergänzt sie: „Es könnte hier so schön sein. Leider sind wir gezwungen, das Haus wieder zu verkaufen. Hier kann man nicht leben.“

Karin Wintermantel im rechtsrheinischen Geisenheim fordert: „Die Bahn, und hier die Bundesregierung, sollte verklagt werden, weil sie mich so nicht schützt. Denn sie foltert die Menschen jede Nacht.“ Im ebenfalls rechtsrheinischen Braubach findet es Monika Voss „so schön“ am Fluss, aber der Bahnlärm „macht uns das Leben zur Hölle“. Urlauber fragten, „wie wir diesen Lärm nur aushalten und nicht krank werden“.

Die meisten Güterzüge werden noch linksrheinisch umgeleitet.
Die meisten Güterzüge werden noch linksrheinisch umgeleitet.
Foto: dpa

Die Deutsche Bahn verweist auf Schallschutzwände im Mittelrheintal sowie die flächendeckende Umrüstung auf leisere Waggons: Dabei sind Bremssohlen aus Verbundstoff eingebaut worden, bei dem die Laufflächen der Räder nicht wie bei alten Bremsklötzen aus Grauguss aufgeraut werden. Glatte Räder auf glatten Schienen rollen leiser.

Seit Ende 2020 sind besonders laute Güterwaggons in Deutschland verboten. Kritiker monieren, nicht alle ausländischen Bahnunternehmen hätten hier rechtzeitig auf Flüsterbremsen umgerüstet. Der Pro-Rheintal-Vorsitzende, Frank Groß, spricht beim Bahnlärm im Mittelrheintal immer noch von „Mord auf Raten“. Er betont: „Wir sind nicht gegen die Bahn.“ Aber Güterzüge dürften nachts gar nicht mehr oder nur noch langsam fahren – und auch tagsüber nicht mehr mit viel zu hohem Tempo durch Orte dicht an Häusern vorbeirattern.

Die Bahnstrecken beiderseits des Mittelrheins sind schon vor mehr als eineinhalb Jahrhunderten mit engen Kurven gebaut worden. In den Augen vieler Kritiker gelten sie als deutlich überlastet. Das Bundesverkehrsministerium hat kürzlich mitgeteilt: „Im Rahmen des aktuellen Forschungsauftrages zur Machbarkeit einer leistungsfähigen Alternativstrecke für den Güterverkehr wird nach möglichen Trassenalternativen gesucht, um die Belastung im Mittelrheintal durch den Güterzugverkehr zu reduzieren.“

Schon seit Längerem im Gespräch ist ein mehr als 100 Kilometer langes Tunnelsystem abseits des Rheins durch Westerwald und Taunus. Allerdings: Seine Umsetzung würde Milliarden kosten – und seine Eröffnung wohl Jahrzehnte dauern. Jens Albes