Archivierter Artikel vom 21.12.2021, 06:11 Uhr
Rhein-Lahn

Bedingungen nicht einfach: So meistern die Kitas im Rhein-Lahn-Kreis die Corona-Pandemie

Wahrscheinlich ist Boosterimpfung eines der Worte, wenn nicht sogar das Wort des Winters. Doch während die einen Boostern zum entscheidenden Faktor erklären, die vierte Corona-Welle zu brechen, hilft es dort, wo Peter Maxein täglich zu tun hat, nur bedingt.

Von Stefanie Rüggeberg

Sind mehr Testungen bei den Kindern ein wirksames Mittel in der Corona-Pandemie? Für Peter Maxein, Kita-Koordinator im Bistum Limburg, steht das außer Frage. „Uns wäre sehr geholfen, wenn wir öfter und vor allem alle Kinder testen lassen dürften.“
Sind mehr Testungen bei den Kindern ein wirksames Mittel in der Corona-Pandemie? Für Peter Maxein, Kita-Koordinator im Bistum Limburg, steht das außer Frage. „Uns wäre sehr geholfen, wenn wir öfter und vor allem alle Kinder testen lassen dürften.“
Foto: picture alliance/dpa

Denn Maxein ist im Bistum Limburg Kita-Koordinator für sieben Kitas in den Pfarreien St. Martin (Lahnstein) und St. Martin (Bad Ems/Nassau).

Rund 500 Mädchen und Jungen werden dort betreut, die im Kita-Alter naturgemäß überwiegend zu jung sind, um sich gegen Covid-19 impfen zu lassen. Das gilt für den Großteil der Kleinen weiterhin, obwohl ab sofort in Deutschland die ersten Dosen des Kinderimpfstoffes für Fünf- bis Elfjährige ausgeliefert werden. Selbst wenn Kitas nach wie vor keine Infektionstreiber sind, und sich die Anzahl der bisher aufgetretenen Corona-Fälle im Kreis im Rahmen hält, ist man dort angespannt. „Die hohen Inzidenzen machen uns natürlich Sorge“, sagt Peter Maxein. „Sowohl die Eltern als auch die Erzieher leben mit der Angst, dass man sich ansteckt oder Quarantänemaßnahmen folgen.“

Der Lockdown im Herbst/Frühjahr 2020/21 hat deutschlandweit unter anderem das Angebot der Kitas hart getroffen. Auch wenn inzwischen wieder Regelbetrieb herrscht und die Devise lautet, Kitas ebenso wie Schulen offen zu halten, sieht man im Rhein-Lahn-Kreis exemplarisch, dass die Bedingungen für den Corona-Winter 2021/22 nach wie vor alles andere als normal oder einfach sind. Die Gründe dafür sind vielfältig. „Wir haben zwar einen hohen Impfstatus bei den Mitarbeitern, aber das kann nichts daran ändern, dass wir nun einmal mit bislang ungeschützten Kindern arbeiten“, erklärt der Kita-Koordinator den offensichtlichsten Aspekt.

Insofern hilft es nur bis zu einem gewissen Punkt, dass die im November eingeführte 3G-Regel am Arbeitsplatz natürlich ebenso für die Beschäftigten in Kindertagesstätten gilt. Im Rahmen der aktuellen Corona-Bekämpfungsverordnung des Landes Rheinland-Pfalz müssen zudem Eltern, Sorgeberechtigte und sonstige Personen, die nicht nur Kinder in die Räumlichkeiten der Tagesstätten bringen oder abholen, einen 3G-Nachweis erbringen. Damit sind die Erwachsenen abgedeckt.

Was jedoch fehlt, ist eine verpflichtende und vor allem regelmäßige Testung für die Kinder. Die Mädchen und Jungen selbst testen dürfen die Mitarbeiter nicht. In den von Maxein betreuten Kitas kommt einmal pro Woche eine Firma vorbei, die das übernimmt. Da die Teilnahme jedoch freiwillig ist, schwankt die Nachfrage sehr. „In einigen Kitas nehmen 70 bis 80 Prozent der Kinder teil, in anderen nur die Hälfte“, erzählt Maxein. „Uns wäre sehr geholfen, wenn wir öfter und vor allem alle Kinder testen lassen dürften.“

„Die hohen Inzidenzen machen uns natürlich Sorge.“

Peter Maxein, Kita-Koordinator im Bistum Limburg

Mariska van Dijk ist kommissarische Abteilungsleiterin für die Kindertageseinrichtungen beim Bistum Limburg. 297 Kitas werden hier von katholischen Trägern betrieben, darunter 40 im Bezirk Limburg, 13 im Bezirk Rhein-Lahn sowie weitere 41 im Westerwald. Auch sie berichtet, dass die Lage in den Einrichtungen angespannt sei. Zum einen gebe es unter den Erziehern trotz Vakzin durchaus Impfdurchbrüche, teils sogar mit schwerem Verlauf.

Vor allem aber machten sich die Begleitumstände des Pandemie-Ausnahmezustands bemerkbar. „Viele Mitarbeiter sind müde, erschöpft, kaputt“, sagt sie. „Das Gleiche gilt für die Eltern.“ Anfang des Jahres hätten die sich ständig ändernden Betreuungssettings und -zeiten allen Beteiligten zugesetzt. „In der Pandemie treffen belastete Familien nun auf belastete Kitas, dazu kommt viel Angst davor, wohin sich die Lage noch entwickelt. Und keiner hatte wirklich Zeit, zwischendrin mal Energie aufzutanken“, bilanziert sie.

Wenig überraschende Konsequenz dieses ausgelaugten Allgemeinzustands: Viele Kitas im Kreis kämpfen aktuell bei den Krankenständen vor allem mit der jahreszeitlich bedingten Erkältungssaison. „Da müssen wir täglich in jeder Einrichtung schauen, wie wir das durch andere Mitarbeiter, Vertretungen, aufgestockte Teilzeit oder eingeschränkte pädagogische Angebote auffangen“, erklärt van Dijk.

Die Belastung ist auch der Punkt, den Gabriele Scholz, Geschäftsführerin von evKiD Nassauer Land, den evangelischen Kitas in Dekanatsträgerschaft, hervorhebt. Sie ist für 1100 Kinder in 18 Kitas verantwortlich und weiß gut, wie sehr die Eltern vor der Rückkehr in den Regelbetrieb der Einrichtungen am Limit waren: „Mit kleinen Kindern zu Hause zu sein und dann noch zu arbeiten, hat Anfang des Jahres viele Familien an den Rand ihrer Grenzen und darüber hinaus gebracht. Das war auch für die Kinder nicht leicht. Deshalb ist unser oberstes Ziel jetzt, dass die Kitas offen bleiben.“

Nach der Erfahrung von Scholz haben sich in der Praxis außerdem die von der Politik angekündigten Förderungen von Schutzmaßnahmen als weniger hilfreich als erhofft erwiesen. Ein Beispiel sind hier die Luftreiniger. An sich eine gute Sache, „doch die Anschaffung ist teuer. Und gefördert wird nur, wenn es um Räumlichkeiten geht, die nicht ausreichend belüftet werden können. Wir haben aber nur Räume, die belüftbar sind“, erklärt Scholz die Finessen der Fördermöglichkeiten.

Auch in den Einrichtungen der evKiD Nassauer Land sind inzwischen mehr als 90 Prozent der Mitarbeiter geimpft. Und auch hier ist die Möglichkeit zur regelmäßigen Testung der Kinder ein Punkt, der Gabriele Scholz und ihren Kollegen noch ein besseres Gefühl geben würde. „Doch alle Eltern müssen einverstanden sein. Einige wollen die Tests unbedingt, andere gar nicht“, fasst Scholz zusammen. „Da fühlen wir uns nicht zuletzt von der Politik nicht ausreichend unterstützt. Wir hätten uns gewünscht, dass Pooltestungen empfohlen werden und das Land bei der Durchführung zumindest Hilfsangebote macht. In anderen Bundesländern wie etwa Nordrhein-Westfalen ist das schließlich ebenfalls möglich.“

„Mit kleinen Kindern zu Hause zu sein und dann noch zu arbeiten, hat Anfang des Jahres viele Familien an den Rand ihrer Grenzen und darüber hinaus gebracht.“

Gabriele Scholz, Geschäftsführerin von evKiD Nassauer Land, den evangelischen Kitas in Dekanatsträgerschaft

Als Arbeitgeber fühlt sich Gabriele Scholz insgesamt seit bald zwei Jahren in einen Dauerspagat versetzt: „Das Land macht Vorgaben, die Eltern haben Erwartungen, und unseren Mitarbeitern wollen wir natürlich unbedingt ebenso gerecht werden, da sie es sind, die vor Ort in den Einrichtungen die tägliche Arbeit leisten. Corona hat hier ein hohes Belastungsniveau mit sich gebracht, weil wir schon unabhängig von der Pandemie unter Fachkräftemangel leiden. Als dann im letzten Jahr doch einige Kollegen, darunter Risikopatienten, länger ausfielen, war das hart und zudem eine große Verantwortung.“

Die Geschäftsführerin betont, dass der überwiegende Teil der Mitarbeitenden die eigenen Ängste und Sorgen im Umgang mit der Pandemie zugunsten der Kinder zurückgestellt beziehungsweise überwunden habe, und somit der Betrieb in allen Einrichtungen fast ohne Einschränkungen fortgeführt werden konnte. Dafür sei sie und mit ihr die Verantwortlichen des Dekanats sehr dankbar.

In einem entscheidenden Punkt sind die Kitas inzwischen immerhin besser aufgestellt als zu Beginn der Pandemie. Es hat sich schließlich Routine im Umgang mit den Schutz- und Hygienekonzepten entwickelt. Positiv, so erklärt Gabriele Scholz, sei außerdem, dass sich die politischen Vorgaben nicht mehr ständig und kurzfristig ändern wie noch vor einem Jahr. „Für die Zukunft wünschen wir uns nun sehr, dass bei politischen Aussagen, die unsere Arbeit betreffen, die vollständige Wahrheit gesagt wird“, ergänzt sie.

Lüften, betont Scholz, sei für den Winter 2021/22 weiter das A und O. Zur Not bleiben die Jacken dann eben drinnen mal an. Bei den Außengeländen der Kitas habe man, wo möglich, noch nachgebessert, damit die Kinder möglichst viel an die frische Luft können. Und noch eine weitere Option wird bei den Einrichtungen der evKiD Nassauer Land aktuell geprüft. Gabriele Scholz: „Es besteht angesichts der hohen Fallzahlen für eine begrenzte Zeit nun die Möglichkeit, die Kinder in den Kitas in geschlossenen Gruppen/Settings zu betreuen, um im Fall einer Infektion die Ausbreitung unter allen Kindern und Mitarbeitenden zu vermeiden. Derzeit wird jedoch noch abgeklärt, ob und in welchem Umfang das mit Einschränkungen des Betreuungsumfangs vereinbart werden kann.“

Und wie gehen diejenigen mit dem aktuellen Corona-Alltag in den Kitas um, um die es dort ja primär geht – die Kinder? „Natürlich stecken die sich manchmal mal die Finger in den Mund, aber insgesamt haben sie es sehr gut verinnerlicht, sich zum Beispiel oft die Hände zu waschen“, erzählt Peter Maxein. Obwohl man in den Einrichtungen das Thema Corona nicht zu groß habe machen wollen, um den Kindern, die teils durchaus die Sorgen der Eltern gespürt hätten, keine Angst zu machen, bestätigt Gabriele Scholz gleichfalls den positiven Eindruck: „Die neuen Regeln wie getrennte Toiletten für unterschiedliche Gruppen haben sie ganz schnell akzeptiert.“

Dass der Winter noch eine ganze Weile dauert und keiner genau weiß, was etwa die Omikron-Variante im neuen Jahr noch für Entwicklungen mit sich bringt, ist ein anderes Thema. Selbst wenn die Inzidenzen sich momentan zumindest nicht noch weiter rasant nach oben zu entwickeln scheinen, ist man in den Kitas, wie etwa Mariska van Dijk es nennt „stark abwartend“. Gabriele Scholz sagt: „Wir setzen weiter die Hygienekonzepte in den Einrichtungen konsequent um und hoffen, dadurch Ausbrüche in den Kitas zu vermeiden.“

Das sei in der Vergangenheit gut gelungen, was die niedrigen Fallzahlen unter den Kindern bestätigten. Ansonsten plane man von Woche zu Woche. Und Peter Maxein beobachtet, dass die Eltern durchaus angespannt sind: „Sie haben ganz klar Angst vor Einschränkungen, die sie dann wieder auffangen müssen. Da reicht ja schon eine Quarantäne.“ Dennoch versuchten alle Beteiligten, halbwegs gelassen zu sein. Als aktuelles Ziel nennt Maxein vor allem, dass alle Mitarbeiter in Kitas ihre Booster-Impfung bekommen. Ansonsten gelte: „Wir beobachten die Lage, aber es herrscht keine Panik.“