Archivierter Artikel vom 21.03.2022, 16:50 Uhr
Boppard

Solwodi Boppard zieht Bilanz: Bedarf an Beratungen gestiegen – auch aufgrund Corona

Die Frauenrechtsorganisation Solwodi verzeichnet nach eigenen Angaben einen zunehmenden Bedarf an Beratung und Betreuung von Frauen, die Gewalt erlitten haben, wie die aktuellen Zahlen zeigen.

2021 wurde Solwodi insgesamt von 2096 Frauen kontaktiert, was eine Steigerung von 9,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr darstellt (2020 gesamt: 1917), teilt die bundesweit tätige Frauenrechtsorganisation mit Sitz in Boppard in einer Pressemitteilung mit. Dieser Anstieg an Kontaktaufnahmen zeige, dass dringender politischer Handlungsbedarf herrsche.

Spürbar ist aber auch, dass durch die Corona-Lockerungen 2021 wieder mehr Frauen die Möglichkeit offenstand, sich Hilfe zu suchen oder mit anderen auszutauschen. Dabei gab es bei den Herkunftsländern der Klientinnen zum Vorjahr kaum Veränderungen – die meisten Frauen kamen aus Nigeria (194 Erstkontakte), die oft von Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung betroffen waren. Ebenfalls ist ein leichter Anstieg von Frauen aus anderen westafrikanischen Ländern wie etwa Ghana erkennbar. Auch aus osteuropäischen Herkunftsländern, etwa Rumänien (127 Erstkontakte) und Bulgarien (106 Erstkontakte), stammen viele Frauen, die Solwodi kontaktierten.

Zahl aus Deutschland nach wie vor hoch

Nach wie vor ist die Zahl aus Deutschland (163 Erstkontakte) hoch, weil andere Anlaufstellen oft nur eingeschränkt zugänglich waren. Die Machtübernahme durch die islamistischen Taliban in Afghanistan führte darüber hinaus zu einem Anstieg von Erstkontakten (96 Erstkontakte) aus diesem Land. Die Schließung von Bordellen während der Pandemie trug zu einem leichten Rückgang der Prostitution als Kontaktgrund bei, da einige Frauen offensichtlich während der Pandemie in ihre Heimatländer zurückkehrten.

Der Menschenhandel zum Zweck der sexuellen Ausbeutung blieb davon jedoch mit 179 Erstkontakten und 97 Verdachtsfällen fast unberührt (2020 gesamt: 181 betroffene Frauen und 127 Verdachtsfälle). „Leider wird es zunehmend schwieriger, für diese Frauen einen sicheren Aufenthaltsstatus zu erlangen“, sagt die Solwodi-Vorsitzende Maria Decker. Dublin III – Abschiebungen nach Italien oder Spanien sowie Rückführungen ins Heimatland seien an der Tagesordnung. Damit liefen die Frauen Gefahr, reviktimisiert und erneut ausgebeutet zu werden.

Frauen einen sicheren Aufenthalt bieten

Die Solwodi-Vorsitzende fordert, Deutschland solle hier seinen humanitären Verpflichtungen nachkommen und den betroffenen Frauen und ihren Kindern einen sicheren Aufenthalt bieten. In den vergangenen Jahren alarmierend angestiegen sind die Kontaktaufnahmen von Frauen bezüglich Zwangsheiraten und der sogenannten „Ehrgewalt“. 2021 wurden Solwodi insgesamt 107 drohende Zwangsheiraten (2020 gesamt: 97) und 81 erfolgte Zwangsheiraten (2020 gesamt: 30) gemeldet. Dabei schwinge immer die Angst vor potenziellen Konsequenzen mit, beispielsweise Opfer eines Femizids zu werden.

2021 kam es zu insgesamt 112 Kontaktaufnahmen durch Klientinnen wegen einer „Ehrenmordbedrohung“ aus ihrem direkten Umfeld (2020 gesamt: 74 Fälle). Diese „Ehrgewalt“ basiert auf der Idee, dass die „Ehre“ der Familie vom Handeln der Frau abhängig ist. Sobald die Frau nicht mehr den patriarchalen Ansichten entspricht, hat sie die Familie entehrt. In der Regel sei die „Ehrgewalt“ keine Tat einer Einzelperson, wird erklärt, vielmehr sei das weitere Umfeld, bestehend aus Cousins, Onkel, Brüder und so weiter, involviert. Problematisch sei auch, dass viele Femizide als Suizid oder Unfall getarnt beziehungsweise von den Medien gar nicht benannt, sondern als „Familiendrama“ oder Ähnliches bezeichnet würden. Daran anknüpfend steigen die Fälle häuslicher Gewalt an.

Gewalt in der Ehe ist häufig

Die Solwodi-Sozialarbeiterinnen wurden 2021 insgesamt 455-mal wegen Gewalt in der Ehe und in Beziehungen (2020 gesamt: 404) kontaktiert sowie 256-mal wegen Gewalt und Bedrohung durch die Familie (2020 gesamt: 193). „Neben Schulschließungen, finanziellen Problemen, beengten Wohnverhältnissen belasten allgemeine Sorgen und Ängste in Bezug auf Covid-19 die Familien weiterhin und führen zu einer Eskalation der Gewalt“, sagt Decker. Neben Vergewaltigungen, Misshandlungen und anderen Eheproblemen (Sorgerecht, Vaterschaftsanerkennung) wurden auch Minderjährige zu Opfern von Vergewaltigungen.

Um Frauen in Not effektiv helfen zu können, fordert Solwodi eine höhere Förderung der Fachberatungsstellen und einen Ausbau der Kapazitäten in Schutzeinrichtungen. Dies sei ein notwendiger und überfälliger Schritt, denn qualifizierte Hilfe sowie eine ressourcenorientierte und kultursensible Beratung seien notwendig, um gemeinsam mit den Frauen neue Perspektiven zu entwickeln.