Archivierter Artikel vom 16.07.2021, 18:48 Uhr
Rhein-Hunsrück

Nach der Hochwasserkatastrophe im Norden: Für viele Rhein-Hunsrücker ist Helfen selbstverständlich

Die Bilder der Flutkatastrophe im nördlichen Rheinland-Pfalz und in Nordrhein-Westfalen dominieren nicht nur die Nachrichtenkanäle, auch die Gedanken der Menschen im Rhein-Hunsrück-Kreis und dem ganzen Land sind bei den Opfern. Und Viele wollen helfen. So haben etliche Privatpersonen, Gemeinden, Feuerwehren und andere Institutionen Sammelstellen von Hilfsgütern eingerichtet, um die Betroffenen der Krisenregion mit dem Nötigsten zu versorgen.

Alexandra Zünder-Leonhard (rechts) aus Argenthal hat kurzerhand eine Hilfsaktion ins Leben gerufen und gemeinsam mit Freunden eine Fülle an Hilfsgütern zusammengetragen.
Alexandra Zünder-Leonhard (rechts) aus Argenthal hat kurzerhand eine Hilfsaktion ins Leben gerufen und gemeinsam mit Freunden eine Fülle an Hilfsgütern zusammengetragen.
Foto: Werner Dupuis

Er will helfen. das war Christian Michel aus Bickenbach schnell klar. Nach einem Aufruf in einer Chatgruppe der Dorfgemeinschaft standen bereits nach 20 Minuten die ersten Bickenbacher mit Spenden vor seiner Tür. „Ich bin begeistert, wie schnell und wie viel da zusammenkam“, sagt der 37-Jährige. Binnen weniger Stunden hatten er und seine Frau Jasmin genug gesammelt, um seinen Feuerwehroldtimer bis unter das Dach vollzuladen. Um 19.30 Uhr machte er sich am Donnerstagabend mit seinem ehemaligen LF16TS, einem Iveco Magirus, Baujahr 1988, auf den Weg in Richtung Ahrweiler. Mit im Gepäck auch ein Schlauchboot, das er spenden möchte, wo es gebraucht wird.

Auch Michael Herrmann steuerte etwas bei.
Auch Michael Herrmann steuerte etwas bei.
Foto: Werner Dupuis

Die Lage, die sich ihm auf dem Weg entlang der Ahr zeigt, lasse sich nicht in Worte fassen. „Wenn man ein Auto sieht, das hochkant auf einem Balkon zum Stehen gekommen ist, kann man nur erahnen, was hier los war“, sagt Michel. „Egal, wo ich die Sachen abgeben kann, kommen sie richtig an“, hatte er den Eindruck. Von Ahrweiler aus wird er auf eine kurzfristig eröffnete Sammelstelle am Nürburgring verwiesen, mitten in der Nacht kommt er dort an und ist beeindruckt von der Logistik. Mit rund 40 Helfern sei sein Lkw innerhalb weniger Minuten ausgeladen und die Spenden sortiert zur weiteren Verteilung gewesen. Auch das Boot wurde dankbar angenommen.

Am Freitagmorgen hatten auch Agnes Chudy-Endres und Elke Roos spontan den Wunsch, selbst etwas zu unternehmen. So krempelten die Bürgermeisterin und die Erste Beigeordnete von Gemünden die Ärmel hoch und richteten am Bürgerhaus eine Sammelstelle ein. Kleidung, Decken, Tierfutter, Hygieneartikel, Handtücher und Spielzeug können dort noch am Samstag von 9 bis 11 Uhr abgegeben werden. „Die Firma Scherer stellt uns einen Lkw und die Firma Kühnreich Transporter zur Verfügung und bringen die Spenden zur Feuerwehr nach Oberwesel oder zu einer zentralen Sammelstelle“, berichtet Roos.

Christian Michel sammelte am Donnerstag gemeinsam mit seiner Frau Jasmin, den Kindern Marlene und Charlotte sowie Bianca Henrich (links) in Bickenbach Hilfsgüter, die er noch am Donnerstagabend mit seinem Feuerwehroldtimer in Richtung Ahrweiler brachte.
Christian Michel sammelte am Donnerstag gemeinsam mit seiner Frau Jasmin, den Kindern Marlene und Charlotte sowie Bianca Henrich (links) in Bickenbach Hilfsgüter, die er noch am Donnerstagabend mit seinem Feuerwehroldtimer in Richtung Ahrweiler brachte.
Foto: Philipp Lauer

Die Resonanz sei bereits am Freitagvormittag riesig gewesen, sagt sie. „Die Lage in den Gebieten ist weitaus katastrophaler, als es uns die Bilder glauben machen“, ist Roos sicher. „Es gibt dort viele Menschen, die haben gar nichts mehr“, ist sie fassungslos.

Helfer im Katastrophengebiet: der DLRG Wasserrettungszug Rhein-Hunsrück im Ahrtal im Einsatz

Wasserrettungszug Rhein-Hunsrück

Am Mittwochabend um 19.10 Uhr wurde der DLRG Wasserrettungszug Rhein-Hunsrück mit 33 Personen zur überörtlichen Hilfe nach Altenahr alarmiert.

Wasserrettungszug Rhein-Hunsrück

Sie wurden eingesetzt in Ahrweiler, Altenahr und Altenburg.

Wasserrettungszug Rhein-Hunsrück

Wasserrettungszug Rhein-Hunsrück

„Viele Herausforderungen galt es zu überwinden. Die Zusammenarbeit mit den Booten, den Strömungsrettern, dem DRK und der Feuerwehr war vorbildlich, Hand in Hand“, sagt Zugführer Thomas Heidinger.

Wasserrettungszug Rhein-Hunsrück

Der Zugführer wird voraussichtlich am Samstag wieder ins Ahrtal fahren.

Wasserrettungszug Rhein-Hunsrück

Wasserrettungszug Rhein-Hunsrück

Wasserrettungszug Rhein-Hunsrück

Zu den Wasserrettern gehörten auch zehn Strömungsretter.

Wasserrettungszug Rhein-Hunsrück

Wasserrettungszug Rhein-Hunsrück

Seit Mittwoch sind die Kräfte der Simmerner Feuerwehr im Dauereinsatz. Nach der Unterstützung im Katastrophengebiet forderte die Wehrleute der Wohnhausbrand in Nannhausen (siehe Bericht Seite 13) am Freitagmorgen über mehrere Stunden hinweg. Da sei an die Einrichtung einer Sammelstelle für Hilfsgüter derzeit nicht zu denken, äußerte Wehrführer Andreas Roth. „Sobald das Feuer hier aus ist, hänge ich mich in dieser Sache mal ans Telefon“, verspricht Roth am Freitagmittag.

Patrick Engelmann (vordere Reihe, rechts) und seine Helfer sammelten Hilfsgüter im Caravan-Park Hunsrück in Leiningen-Sauerbrunnen.
Patrick Engelmann (vordere Reihe, rechts) und seine Helfer sammelten Hilfsgüter im Caravan-Park Hunsrück in Leiningen-Sauerbrunnen.
Foto: Philipp Lauer

„Hier muss ich helfen“ beschloss auch Alexandra Zünder-Leonhard aus Argenthal, als sie die fürchterlichen Bilder von der Hochwasserkatastrophe an der Ahr im Fernsehen sah. Spontan beschloss sie, in eigener Regie eine Hilfsaktion zu starten. Über die sozialen Medien sprach sie ihre Freunde an. Die lieferten binnen weniger Stunden eine Fülle an Hilfsgütern, darunter Kleidung, Spielzeug, Kleinmöbel und Tierfutter, die in einer Scheune in der Argenthaler Aulergasse zwischengelagert wurden. Zwei Hunsrücker Bauunternehmen stellten die Transporter zur Verfügung. Am Freitagnachmittag ging die erste Fuhre an eine zentrale Sammelstelle am Nürburgring. Die Altenbetreuerin will ihre Aktion auf jeden Fall fortsetzen.

Der Sammlung in Argenthal schloss sich auch das Hotel Berghof in Sohren an. Chefin Angela Bender-Konrad unterstützte als gebürtige Argenthalerin ihre Freundinnen und richtete an ihrem Hotel eine Sammelstelle ein. Ehemann Mirko Konrad mobilisierte seine Kameraden von der Feuerwehr Sohren-Büchenbeuren, um die Hilfsgüter nach Argenthal zu transportieren.

Alex und Marko Weber von der „Wildtierhilfe an der Loreley-Hunsrück“ machten sich bereits am Donnerstag mit der ersten großen Fuhre mit Hilfsgütern auf gen Norden. „Uns wird so viel geholfen, da wollten auch wir mal helfen“, sagt Alex Weber. Doch zuvor legten sie einen Zwischenstopp im Emmelshausener Futterhaus ein. „Die haben jede Menge Tierfutter gespendet“, ist Weber froh. Zudem läuft dort ab sofort auch eine Rabattaktion für alle Käufer, die Futter für die Wildtierhilfe und damit für das Katastrophengebiet spenden. Als Webers mit ihrem voll bepackten Pferdeanhänger an einer Sammelstelle der Feuerwehr am Nürburgring vorfuhren und ausladen wollten, nahmen die Hilfskräfte sie kurzerhand mit in ihren Konvoi auf. „So fuhren wir direkt mit nach Schuld und konnten die Sachen direkt dort ausladen“, berichtet Weber. Seither steht der Verein zudem mit einem ortsansässigen Tierschutzverein in Kontakt, der sich auch um einen Gnadenhof kümmert, der schwer vom Unwetter getroffen wurde. Neben Futter hatten Webers aber auch alle weiteren benötigten Hilfsmittel im Gepäck. Eine zweite Fuhre startete die Wildtierhilfe am Freitagmittag, wie oft sie noch gen Norden fahren wird, hängt davon ab, wie viele Bürger sich noch bei ihnen melden.

Mit dem Ziel, die große Hilfsbereitschaft der Menschen in der Region am Freitag möglichst etwas zu bündeln, hat Patrick Engelmann vom Caravan-Park Hunsrück im ehemaligen Mineralwasserbrunnen in Sauerbrunnen mit seinen Helfern kurzfristig rund 2000 Quadratmeter Platz geschaffen, um Sachspenden aus der Bevölkerung entgegenzunehmen und zu sortieren. Reges Treiben und zunehmender Andrang herrschten am Freitagmittag kurz nach der Öffnung der Sammelstelle, besonders gern nehme man Nahrungsmittel, trockene Kleidung und Hygieneartikel entgegen. Noch sei man in der Klärung, wie die Spenden zu den Menschen vor Ort kommen sollen. Wer in Sauerbrunnen mit anpacken möchte, sollte am besten einfach vorbeikommen, sagt Engelmann.

Das DRK Rhein-Hunsrück hat bei der Kreissparkasse Rhein-Hunsrück ein Spendenkonto unter der Iban DE 86.5605.1790.0010.0308 64 eingerichtet. Spenden mit dem Verwendungszweck „Flutopfer“ werden zweckgebunden eingesetzt. ces/phl/wd

Wie gut es uns tut, etwas Gutes zu tun: Philipp Lauer über die große Hilfsbereitschaft

Unabhängig voneinander haben in den vergangenen Tagen an vielen Orten im gesamten Kreisgebiet und darüber hinaus Menschen ohne langes Zögern alles stehen und liegen gelassen, um ihren Mitmenschen zu helfen, die durch die Flutkatastrophe so viel verloren haben.

Philipp Lauer
Philipp Lauer
Foto: Werner Dupuis
Als erstes rückten die Einsatzkräfte der Feuerwehren und der verschiedenen Rettungsdienste aus – aber auch die Hilfsbereitschaft aus der breiten Bevölkerung ohne Blaulicht ließ nicht lange auf sich warten. Ganze Lkw-Ladungen kamen zusammen und füllten bereits bis zum Freitagmittag die Hallen der großen Sammelstellen mit dem, was so vielen Menschen jetzt fehlt. Diese Solidarität beeindruckt.

Einer unserer Gesprächspartner hat es so ausgedrückt, dass ihn die große Hilfsbereitschaft besonders freut, weil er zuletzt häufiger an der Solidarität seiner Mitmenschen zweifelte. Das konnte ich ganz gut nachvollziehen. Es stimmt, die aktuelle Solidarität mit den Menschen, die in so nächster Nähe unsere Hilfe brauchen, ist vorbildlich und dankenswert. Und es scheint ganz offensichtlich vielen Menschen auch sehr gut zu tun, das Gefühl, etwas Gutes zu tun.

Ich bin überzeugt, dass die Bereitschaft und der Drang danach in den meisten von uns steckt – viele diesem nur nicht nachgeben, weil sie vergessen haben, wie gut sich Helfen anfühlt. Ich hoffe, dass sich dieser Blick dafür, wer unsere Unterstützung braucht, nicht so schnell wieder eintrübt. Denn zum einen werden auch in den kommenden Wochen nach der Flutkatastrophe viele anpackende Hände gebraucht. Zum anderen gibt es jeden Tag Menschen, die unseren Beistand gut gebrauchen können, in der Nähe und in der Ferne.

Flutkatastrophe im Ahrtal
Rhein-Hunsrück-Zeitung
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