Archivierter Artikel vom 25.04.2021, 14:22 Uhr
Boppard

Moderne Prostitutionspolitik gefordert: Solwodi gründet „Nordisches Modell“ mit

Das neu gegründete Bündnis „Nordisches Modell“ fordert eine moderne Prostitutionspolitik für Deutschland. Dem bundesweiten Zusammenschluss gehören derzeit mehr als 30 menschenrechtliche Vereine, Initiativen und Netzwerke sowie zahlreiche Aktive aus der Zivilbevölkerung und Politik an. Die Menschenrechts- und Frauenhilfsorganisation Solwodi mit Sitz in Boppard ist Gründungsmitglied des Bündnisses.

Auf einer Tagung in Bonn haben sich im September 2020 Akteure aus ganz Deutschland für das Bündnis „Nordisches Modell“ vernetzt.  Foto: Solwodi
Auf einer Tagung in Bonn haben sich im September 2020 Akteure aus ganz Deutschland für das Bündnis „Nordisches Modell“ vernetzt.
Foto: Solwodi

„Prostitution ist ein perfides System aus sexueller Ausbeutung und brutaler Gewalt. Das macht die Corona-Pandemie jetzt endgültig sichtbar. Mädchen und Frauen in der Prostitution sind noch schutzloser der Willkür von Zuhältern und Freiern ausgeliefert als sie es zuvor schon waren. Wir brauchen endlich eine moderne Prostitutionspolitik in Deutschland“, teilt das Bündnis in einer Pressemitteilung mit.

Die Experten des Bündnisses schließen sich damit der Empfehlung des Europäischen Parlaments von 2014 an, die sich an alle EU-Mitgliedsstaaten richtet, das Nordische Modell zu übernehmen: Dieses Modell sieht insbesondere die Entkriminalisierung von Frauen in der Prostitution und effektive Ausstiegshilfen vor. Es bekämpft gleichzeitig die Nachfrage, was sexuelle Ausbeutung unprofitabel macht und somit auch den Menschenhandel. 1999 hatte Schweden als erstes Land das Nordische Modell eingeführt, um Gewalt gegen Frauen zu beseitigen und die Gleichberechtigung der Geschlechter voranzutreiben. Es folgten weitere Länder, darunter Norwegen, Irland, Frankreich und Israel.

„Deutschland muss endlich wegkommen von den gescheiterten Versuchen des nicht regulierbaren Gewaltsystems Prostitution – hin zu einem zeitgemäßen und bereits in acht Ländern erprobten gesetzlichen Ansatz, dem Nordischen Modell. Weg vom Bordell Europas – hin zu echter Hilfe für Mädchen und Frauen in der Prostitution, echten Strafen für Täter, echter Aufklärung der Gesellschaft. Die Politik muss hier genau hinsehen, zeitgemäß handeln und von Vorreiterstaaten lernen“, so die Sprecherinnen des Bündnisses.

Ende März fand die erste Versammlung aller Delegierten und die Wahl des Lenkungskreises statt. Der Bündnisgründung vorausgegangen war eine Vernetzungstagung im September 2020 in Bonn. Hier hatten sich unterschiedliche Akteure aus ganz Deutschland dazu entschlossen, Kräfte zu bündeln und mit einer starken Stimme zu sprechen: für einen Wechsel in der Prostitutionspolitik nach dem Nordischen Modell. Zu dem Bündnis zählen unter anderem das Netzwerk Ella – ein Zusammenschluss von Frauen, die in der Prostitution waren oder sind, sowie weitere Aussteigerinnen, die sich dafür einsetzen, dass Prostitution als das anerkannt wird, was sie ist: sexuelle Gewalt.