Archivierter Artikel vom 08.01.2019, 15:51 Uhr
Rhein-Hunsrück

Mikrophon statt Manuskript: Bröhr schlägt neue Töne beim Empfang an

Sollte sich das Jahr 2019 so entwickeln wie der Neujahrsempfang des Rhein-Hunsrück-Kreises am Montagabend, so könnte es noch einige Überraschungen bereithalten. Die traditionell wichtige Veranstaltung im Kreishaus hatte in dieser Hinsicht so einiges zu bieten: Landrat Marlon Bröhr (CDU) hatte den Ablauf etwas anders gestaltet als sonst üblich.

Marlon Bröhr griff diesmal zum Gesangsmikrofon und überließ das Reden einem anderen.

Werner Dupuis

Stürmisch applaudierten die Gäste beim Neujahrsempfang des Landrats.

Werner Dupuis

Die Neujahrsrede hielt der Kreisbeigeordnete Reinhard Klauer.

Werner Dupuis

Eine Band der Kreismusikschule begleitete den inbrünstigen „Rockstar“.

Werner Dupuis

Von ihm gab es diesmal keine große Ansprache, keinen Rückblick und Ausblick auf die politischen Entwicklungen, auf die Hochs und Tiefs, keine Worte von ihm zur Brücke oder zum Kirchenasylstreit. Der Landrat griff zum Mikro – und begann zu singen. Vor Hunderten Gästen aus Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und der Verwaltung. Das war die erste große Überraschung des Abends.

Die zweite: Es gab natürlich auch eine Neujahrsansprache. Nur hielt sie nicht – wie sonst üblich – der Landrat. Diesen traditionell wichtigen Part hatte er an seinen Ersten Beigeordneten abgetreten, quasi als ein Abschiedsgeschenk, denn für den langjährigen Kreispolitiker Reinhard Klauer endet seine Zeit als Kreisbeigeordneter mit der nächsten Kommunalwahl im Mai.

Und so beschränkte sich der kommunalpolitische Rückblick nicht nur auf das vergangene Jahr, ein „alter Hase“ hatte bemerkenswerte Spitzen und Entwicklungen aus den vergangenen 50 Jahren zu berichten. Etwa aus dem Jahr 1969, dem Geburtsjahr des Rhein-Hunsrück-Kreises. Der damalige Landrat hieß Albert Reinhard, der Kreis hatte rund 88.000 Einwohner, es gab weder Computer noch Handys.

Stürmisch applaudierten die Gäste beim Neujahrsempfang des Landrats.
Stürmisch applaudierten die Gäste beim Neujahrsempfang des Landrats.
Foto: Werner Dupuis

„Zu dieser Zeit wurde in den Ratssitzungen noch geraucht, es gab Zigarren, Campari und Mariacron – und nicht nur Kaffee und Wasser wie heute. Und das machte die ein oder andere Sitzung lustiger, als Sie sich das heute vorstellen können. Das Sitzungsgeld wurde uns direkt nach den Sitzungen bar in einem Umschlag ausgezahlt“, blickte Klauer zurück, der damals 29 Jahre alt war. Der Kreishaushalt hatte ein Budget von rund 4,8 Millionen Euro, heute sind es 170 Millionen Euro. „Die A 61 war noch nicht fertiggestellt, die Hunsrückbahn noch in Betrieb, das Kreiskrankenhaus noch nicht gebaut, die Amerikaner noch im Hunsrück, und es gab nur zwei Gymnasien, auf denen man Abitur machen konnte (heute sind es sechs). Können Sie sich das noch vorstellen?“, fragte Klauer in die Runde.

Der Kreis habe schon vor vielen Herausforderungen gestanden, etwa dem Strukturwandel in der Landwirtschaft oder dem Ausbau der Schullandschaft. „Am Ende haben wir uns immer zusammengerauft und mit Fleiß und Beharrlichkeit irgendwie Wege gefunden und die Situation gemeistert“, resümierte Klauer und erntete dafür Beifall von den Gästen, unter denen sich auch die Bundestagsabgeordneten Carina Konrad (FDP) und Peter Bleser (CDU) sowie die Landtagsmitglieder Sylvia Groß (AfD) und Alexander Licht (CDU) befanden. Nach Klauer sprach zudem noch der Vorsitzende der Rhein-Hunsrück-Tafel, Ludwig Geissbauer, über das ehrenamtliche Engagement der Tafel (Bericht folgt).

Dass er die Neujahrsansprache in die Hände seines scheidenden Beigeordneten gelegt hatte, hätte gänzlich als noble Geste durchgehen können, wenn Bröhr mit seinem Auftritt nicht doch noch voll im Rampenlicht gestanden hätte. Voll Inbrunst coverte er, begleitetet von einer Band der Kreismusikschule, sechs Stücke, darunter „Mandy“ von Barry Manilow und „Tears in Heaven“ von Eric Clapton.

Die Neujahrsrede hielt der Kreisbeigeordnete Reinhard Klauer.
Die Neujahrsrede hielt der Kreisbeigeordnete Reinhard Klauer.
Foto: Werner Dupuis

Klauer hatte sich zuvor schon artig bei Bröhr für sein Redeangebot bedankt. Nicht aber, ohne noch scherzhaft eine Spitze hinterherzuschieben: „Wenn ich allerdings damals schon gewusst hätte, dass der Landrat dann die Musik macht, hätte ich es mir vielleicht anders überlegt!“ Bröhr selbst, dessen Auftritt nicht nur mit alten Traditionen brach und frischen Wind in die Riege der Neujahrsempfänge brachte, sondern der damit augenscheinlich auch sein Image pflegte, das als unverfälscht und aufmüpfig, zuweilen auch als rebellisch gilt, nahm es mit Humor und bedankte sich bei der Kreismusikschule, dass sie in nur zwei Probestunden einen Laien so weit gebracht hätte, dass das Publikum nicht schreiend aus dem Saal gerannt sei. „Vielleicht können wir ja noch etwas länger zusammenarbeiten?“, rief er den Musikern zu und betonte, er habe ja schon öfters seinen Job gewechselt. Ob der frühere Zahnarzt nun also auch bei anderen offiziellen Gelegenheiten vom „redenschwingenden“ zum „singenden Landrat“ mutieren wird? Das frisch begonnene Jahr wird es sicher zeigen.

Von unserer Redakteurin
Denise Bergfeld

Singe, wem Gesang gegeben: Thomas Torkler zum etwas anderen Neujahrsempfang

Jetzt singt er auch noch! Landrat Marlon Bröhr sorgte für Verblüffung beim Neujahrsempfang in der Kreisverwaltung. Bei eingefleischten CDU-Mitgliedern allerdings wohl weniger, wie unsere Zeitung aus gut unterrichteten Kreisen erfahren hat. Denn offenbar beglückte sie Bröhr beim Empfang nicht zum ersten Mal mit seiner glockenklaren Singstimme.

Eine Band der Kreismusikschule begleitete den inbrünstigen „Rockstar“.
Eine Band der Kreismusikschule begleitete den inbrünstigen „Rockstar“.
Foto: Werner Dupuis
Da soll es in der Vergangenheit diverse Busfahrten zu CDU-Ausflügen gegeben haben, während der der Landrat Fahrgäste und Parteifreunde mit Nonstop-Gesang erfreut habe. Da die heimischen Unionspolitiker bislang noch nicht mit ihm gebrochen haben, hat Bröhrs Gesang wohl Unterhaltungswert. Das galt auch für Bröhrs Auftritt am Montagabend. Den absolvierte er mit der erfolgreichen Taktik „Augen zu und durch“!

Der Schreiber dieser Zeilen muss an dieser Stelle allerdings vorsichtig sein, war er doch Teil der Show, die er auf sechs Saiten mitgestaltete. Aber schließlich kann der Autor nun voller Stolz von sich behaupten, einen Landrat nicht nur journalistisch begleitet zu haben, sondern sogar einen singenden Landrat mit der Gitarre. In einem langen Musikerleben macht man schon so einiges mit.

Eine Sache muss noch klargestellt werden: Auf die Liedauswahl hatte der Gitarrist keinen Einfluss. Sicher wären ihm da schon einige andere Songs eingefallen, aber dann wäre es möglicherweise zu politisch geworden. „Über Sieben Brücken Musst Du Gehen“ wäre doch ein Knaller gewesen! Ob Marlon Bröhr sieben dunkle Jahre überstehen muss, wie es in dem Karat-Song heißt, sei mal dahingestellt. Überhaupt: Brücken-Lieder gibt's ja viele. Simon and Garfunkels Klassiker „Bridge Over Troubled Water“ zum Beispiel. Aber so unruhig war das Wasser am Mittelrhein ja in diesem Jahr nun wahrlich nicht.

Dann schon lieber „Mit 18“. Da singt Marius Müller-Westernhagen, dass er wieder zurück auf die Straße will. Das passt. Weil: Ein Landrat ist immer „on the road“, und wer weiß, wohin Bröhr sein Weg noch führt? Apropos „Weg“: Auf Sinatras „My Way“ konnte der singende Landrat locker verzichten, denn es gab wohl niemanden im Saal, der nicht schon gewusst hätte, dass Bröhr bei allen Dingen seinen eigenen Weg geht.

Und wenn wir noch ein bisschen beim Gehen bleiben, dann passte auch die Zugabe: „You Never Walk Alone“ (nicht die Fußballhymne, sondern die Mathou-Version). Wer den Titel politisch interpretieren will, wird sagen, dass Bröhr seinen weiteren politischen Karriereweg nicht allein gehen kann.

Die Mehrzahl der Gäste im Foyer der Kreisverwaltung entpuppten sich jedenfalls als Fürsprecher und honorierten die erfrischend andere Gestaltung des Empfangs mit tosendem Beifall.

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