Archivierter Artikel vom 26.01.2022, 17:14 Uhr
Rheinland-Pfalz/Simmern

Fehlende Grundbildung: Lerncafés wie in Simmern helfen in Wort und Schrift

Rund 6,2 Millionen Erwachsene in Deutschland können nicht richtig lesen und schreiben – ein Netzwerk hilft Betroffenen.

Von Julia Cebella
Alexandra Wust, Betreuerin des Lerncafés in Simmern, erklärt einem Gast, der aus dem Jemen stammt und die arabische Schrift und Sprache beherrscht, einen Absatz aus einem Lehrbuch zum Erlernen der lateinischen Schrift und der deutschen Sprache und Grammatik.  Foto: Frank Rumpenhorst/dpa
Alexandra Wust, Betreuerin des Lerncafés in Simmern, erklärt einem Gast, der aus dem Jemen stammt und die arabische Schrift und Sprache beherrscht, einen Absatz aus einem Lehrbuch zum Erlernen der lateinischen Schrift und der deutschen Sprache und Grammatik.
Foto: Frank Rumpenhorst/dpa

Ob Online-Anmeldung für einen Impftermin oder das Einchecken mit einer App im Lieblingscafé: Menschen, die nicht richtig lesen und schreiben können, müssen viele Hürden meistern. Corona hat die Situation vieler, die sich ohnehin schon durch ihren Alltag mogeln, noch komplizierter gemacht.

„Insgesamt gibt es durch die Corona-Pandemie ganz viele Hürden mit der Schriftsprache“, sagt Lisa Göbel, Leiterin der Koordinierungsstelle „Grubinetz“ für Grundbildung und Alphabetisierung in Rheinland-Pfalz. „Egal, wo man hin muss, man muss immer erstmal irgendwo etwas unterschreiben.“ Hilfe bekommen Menschen mit fehlender Grundbildung in Lesen und Schreiben etwa in einem der zwölf Lerncafés von „Grubinetz“ in Rheinland-Pfalz. Das Angebot richte sich hauptsächlich an deutschsprachige Erwachsene im Alter zwischen 16 und 64 Jahren, die nicht richtig lesen und schreiben können, erklärt Göbel.

„Das Lerncafé ist ein ganz niederschwelliges Angebot. Da kann jeder hinkommen, man muss sich nicht anmelden“, sagt Alexandra Wust, die das Lerncafé in Simmern leitet. Bereits seit zehn Jahren unterstützt die gelernte Juristin Menschen, die Lese- und Schreibprobleme haben. Eine stetig wachsende Nachfrage nach Grundbildungskursen verzeichnet sie zwar schon seit rund sechs Jahren. „Seit Corona hat man aber das Gefühl, dass sich die Leute noch mehr bemühen.“

Für viele sei es eine Hürde, sich vor einem Café-Besuch testen zu lassen, sagt Göbel. Generell sorgten die sich immer wieder ändernden Corona-Maßnahmen für viel Verwirrung unter den Besuchern und hielten Interessierte möglicherweise davon ab zu kommen. Deswegen sei es besonders wichtig, Menschen mit fehlender Grundbildung in den Lerncafés nicht nur Schreib- und Lesekurse zu vermitteln, sondern auch in einfacher Sprache über alltägliche Dinge und Aktuelles zu informieren. Prinzipiell könne alles besprochen werden, was die Menschen in ihrem Alltag beschäftige. „Die Leute kommen mit den verschiedensten Anliegen.“

So seien etwa die Corona-Impfungen in vielen Lerncafés ausgiebig besprochen worden. „Wir hatten im Sommer mal eine Veranstaltung, wo eine Kollegin jemanden aus dem Impfzentrum in das Lerncafé eingeladen hat, um da auch in leicht verständlicher Sprache über das Thema Impfen aufzuklären“, sagt Göbel. „Soweit ich weiß, haben sich alle, die an diesem Termin teilgenommen haben, dann auch impfen lassen.“ Das Problem sei nicht gewesen, dass sich die Leute dagegen gesträubt hätten. „Sie wussten einfach nur nicht, wie sie es angehen sollen.“

In den meisten Fällen vermittelt Café-Leiterin Wust die Besucher und Besucherinnen an Grundbildungskurse, wie etwa die von „Grubinetz“. Dort finde jedoch kein „normaler Unterricht“ statt, wie man ihn aus anderen Sprachkursen kenne, erklärt sie. Da die Kursteilnehmer oft einen unterschiedlichen Wissensstand mitbringen, wird wie in den Lerncafés mit entsprechendem Material viel selbstständig gearbeitet. Da die kostenlosen Kurse unter anderem durch den Europäischen Sozialfonds gefördert würden, sollen die Kursteilnehmer auch etwas über die Europäische Union (EU) und über europäische Länder lernen.

Der Schritt, sich für einen solchen Kurs anzumelden, falle nur wenigen leicht. „Viele haben eine schlechte Lernerfahrung aus der Schule. Dadurch haben sie eine große Blockade aufgebaut“, sagt Kursleiterin Wust. Außerdem sei fehlende Grundbildung bei Erwachsenen immer noch ein mit Scham behaftetes Tabuthema in der Gesellschaft. Statt sich Hilfe zu holen, leben Betroffene daher oft „damit, bestimmte Situationen zu vermeiden, in denen sie Schriftsprache brauchen“.

In der Pandemie seien viele Lehrangebote nur noch online angeboten worden, sagt Göbel. „Manche Leute sind auf diesem Weg verloren gegangen.“ Andere wiederum habe das Angebot zum Lernen motiviert. Vor allem im ländlichen Raum sei es sehr gut angekommen. Weite Wege oder ein fehlender Führerschein seien kein Hindernis mehr für eine Kursteilnahme gewesen. Tendenziell sei es seit Beginn der Pandemie jedoch schwieriger, neue Teilnehmende zu erreichen. „Die Leute melden sich ja nicht klassischerweise und rufen bei der Volkshochschule an und sagen: 'Ich möchte einen Kurs besuchen, weil ich nicht richtig lesen und schreiben kann'“, sagt Göbel. Um Kontakt zu den Menschen aufzubauen, brauche es Vermittlungspersonen in Jobcentern, Verwaltungen und bei öffentliche Aktionen.

„Es ist aber auch ganz hilfreich, wenn eine Person des Vertrauens bei den ersten Schritten beim Selbstlernen unterstützen kann“, sagt Nicole Pöppel vom Bundesverband Alphabetisierung und Grundbildung und rechnet mit einer Zunahme von Analphabeten. „Da bereits im Schulsystem vor der Pandemie zahlreiche Schulabgängerinnen und Schulabgänger nicht ausreichend lesen und schreiben konnten, ist zu befürchten, dass die Pandemie zusätzliche negative Effekte hat.“

Alexandra Wust zufolge ist es wichtig, vor allem junge Menschen mit Schreib- und Leseschwächen aufzufangen: „Dass sie nicht, wenn sie aus der Schule kommen, aufhören, zu lernen.“

Das Lerncafé in Simmern befindet sich in der Kanowskystraße 1a, Tel. 0160/763 71 03 (Mobilfunk). Sprechzeiten sind jeden 1. und 3. Samstag im Monat von 9 bis 12 Uhr. Mehr Infos gibt es im Internet unter: www.grubinetz.de