Archivierter Artikel vom 10.05.2022, 14:54 Uhr
Oberwesel

Auszeichnung für Blutmond-Eiswein: Oberweseler Winzer ernten Gold für ihre Früchte

Ein Eiswein, in der Blutmond-Nacht am 21. Januar 2019 gelesen, erhält nun die höchsten Weihen auf der Berliner Weintrophy 2022: Großes Gold! Der Jubel kennt bei den Vätern des Erfolgs, Winzer Stephan Fendel und Hotelier Gerd Ripp, keine Grenzen.

Beim Promibesuch reifte eine Idee: Schauspieler Ulrich Tukur (2. von rechts) kam zur Stippvisite in den Römerkrug mit Weinbergsbesichtigung und Weinverkostung. Seine Begeisterung über den Blutmond-Eiswein gab den Ausschlag für die Bewerbung von Winzer Stephan Fendel (links) und Gerd Ripp (rechts), hier mit dem Simmerner Bürgermeister Andreas Nikolay.
Beim Promibesuch reifte eine Idee: Schauspieler Ulrich Tukur (2. von rechts) kam zur Stippvisite in den Römerkrug mit Weinbergsbesichtigung und Weinverkostung. Seine Begeisterung über den Blutmond-Eiswein gab den Ausschlag für die Bewerbung von Winzer Stephan Fendel (links) und Gerd Ripp (rechts), hier mit dem Simmerner Bürgermeister Andreas Nikolay.
Foto: Familie Ripp

Auch die ehemaligen Azubis des Schlosshotels Rheinfels, die seinerzeit bei eisiger Kälte die Trauben aus dem Schulweinberg holten, ernten einen späten Lohn für ihre Strapazen. „Davon werden die Azubis von damals noch ihren Enkeln erzählen können“, meint Ripp, der sich mittlerweile aus dem Geschäft zurückgezogen hat.

Krönung zum Karriereende

Nun sieht er es als eine Art Krönung am Ende seiner Karriere, nachdem er sich nach dem Verkauf des Hotels auf der Rheinfels auch von dem Projekt „Maria Ruh“ in Urbar zurückgezogen hat. Gemeinsam blickt Ripp mit Stephan Fendel aus Oberwesel auf das sensationelle Weinjahr 2018 zurück, das für die beiden aber erst am 21. Januar 2019 lange vor Sonnenaufgang mit der Eisweinlese seinen fulminanten Höhepunkt fand, wie es in einer Pressemitteilung heißt.

Es sei die Nacht der Nächte gewesen, schwärmen die beiden von der „Blutmond“-Nacht. Viele Winzer zogen aus und ernteten Großes. Doch der delikate Tropfen, der in Oberwesel daraus nach perfekter Reife von vier Jahren entstand, wurde auf der Berliner Weintrophy 2022 nun als einziger deutscher Weißwein mit der höchsten Juryauszeichnung bewertet: Großes Gold!

Die Berliner Wein Trophy ist für viele die bedeutendste Weinverkostung in Deutschland und nach eigenen Angaben der größte internationale Weinwettbewerb der Welt. Mehr als 10.000 Weine aus 41 Ländern wurden 2022 eingereicht und von mehr als 400 Juroren mehrtägig verkostet. Nur drei Weißweine aus dem Jahrgang 2018 erreichten überhaupt die höchste Auszeichnung: ein im Holzfass gereifter Sauvignon Blanc aus Kärnten, ein Pinos Gris aus dem Elsass und der Oberweseler Römerkrug Riesling Eiswein Blutmond.

Stephan Fendel vom Weingut Weiler-Fendel in Oberwesel erklärt: „Wir hatten hoch gepokert und die Trauben bis zum 21. Januar hängen gelassen. Wenn es in dieser Nacht nicht kalt genug gewesen wäre für die Eisweinlese, dann hätten wir einen Totalverlust verbuchen müssen. Und dann kam sie: die Nacht der Nächte und vor einigen Tagen dann auch die Nachricht der Nachrichten – für uns und natürlich auch für die Region Mittelrhein als Top-Riesling-Anbaugebiet: Die höchste Auszeichnung, die auf der Trophy vergeben wird!“

Lesegut hat hohen Seltenheitswert

Selbst die ältesten Winzer können sich kaum daran erinnern, dass so spät und in so guter Qualität Eisweintrauben in so gesundem Zustand geerntet werden konnten – einerseits mit der richtigen Außentemperatur und andererseits mit dem Zusammenspiel des sehr seltenen Blutmondes. „Diese Konstellation kommt ungefähr alle hundert Jahre vor“, weiß Stephan Fendel.

Und wer waren die „Geburtshelfer“? Morgens um 4 Uhr mussten unter anderem die Auszubildenden des Schlosshotels Rheinfels ran, denn sie bewirtschaften seinerzeit gemeinsam mit ihren damaligen Chefs Gerd und Petra Ripp sowie Winzer Stephan Fendel ihren eigenen Weinberg und holten mit Stirnlampen bei minus 9 Grad Gefrorenes für etwa 165 Flaschen aus dem Hang. Die Öchsle-Waage zeigte sensationelle 158 Grad! Gerd Ripp erinnert sich: „Das Projekt Schulweinberg war damals einzigartig in Deutschland. Heute bewirtschafte ich den gleichen Weinberg gemeinsam mit vier guten Freunden, und ich muss sagen: Wir sind alle sprachlos und natürlich extrem motiviert, weil aus ,unserem Weinberg’ so ein großes Gewächs hervorgegangen ist!“

Die Idee zur Einreichung bei der Berliner Wein Trophy entstand erst spät. Initialzündung war ein Besuch des Schauspielers und Sängers Ulrich Tukur im Rahmen der Simmerner Filmfestspiele im Oberweseler Weingut. Seine Begeisterung für den Blutmond-Eiswein gab laut Ripp und Fendel den Ausschlag für die mutige Bewerbung.

Flaschen stark rationiert

Natürlich kommt nun bei passionierten Weinkennern die Frage auf: Kann man den „Blutmond“ käuflich erwerben? Gerd Ripp lacht: „Das wird nicht billig. Ich habe die Restbestände aus den 165 Flaschen bisher gehütet wie meinen Augapfel. Offenbar völlig zu Recht. Ja, aber es gibt schon eine kleine Warteliste, und Ende des Jahres werde ich pro Interessent maximal drei 0,5-Liter-Flaschen abgeben.“

Und dann gibt der Geschäftsmann noch bekannt: Die Römerkrug-Hobbywinzer haben auch aus einem Teil des 2021er-Jahrgangs nach drei Jahren „Risiko-Pause“ wieder eine kleine Menge Eiswein gelesen, der in Kürze abgefüllt wird. Doch Ripps sachkundige Einschätzung dazu lautet: „Dass die mehr als 70 Jahre alten Reben auf dem steilen Schieferboden aber wieder annähernd so etwas Großartiges hervorbringen, das darf maximal erhofft, aber wohl nur sehr vorsichtig erwartet werden.“ red