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Archivierter Artikel vom 27.11.2020, 16:35 Uhr
Kreis Birkenfeld

Zahlenwirrwar bei Datenübermittlung – Wer meldet wann Corona-Tod?

So richtig schlau wird man mit Blick auf das im Kreis Birkenfeld bestehende Corona-Zahlenwirrwarr nicht: Das für die Corona-Statistik zuständige Landesuntersuchungsamt (LUA) in Koblenz hatte sich bekanntlich irritiert gezeigt von den Daten, die aus dem Kreis Birkenfeld geliefert werden. Vor allem bei der Zahl der Verstorbenen gibt es eine enorme Diskrepanz zwischen den Zahlen, die dem Landesuntersuchungsamt vorliegen und von dort ans Robert Koch-Institut (RKI) weiterleitet werden (die NZ berichtete), und den Zahlen, die das Gesundheitsamt angibt. Bislang sind 30 Menschen im Kreis Birkenfeld im Zusammenhang mit Corona verstorben, die Statistik des Landes geht nach wie vor von nur 15 Toten aus.

Von Vera Müller
Die Standesämter im Kreis Birkenfeld leiten den vertraulichen Teil der Totenscheine weiter. Das passiert aber nicht am Tag selbst, sondern die Scheine werden erst gesammelt und erst später ans Gesundheitsamt geschickt.  Foto: dpa
Die Standesämter im Kreis Birkenfeld leiten den vertraulichen Teil der Totenscheine weiter. Das passiert aber nicht am Tag selbst, sondern die Scheine werden erst gesammelt und erst später ans Gesundheitsamt geschickt.
Foto: dpa

Die Kreisverwaltung Birkenfeld hat in diesem Zusammenhang stets auf die Übermittlungsproblematik hingewiesen. Zudem sei es so, dass die Todesfälle erst ans Land gemeldet würden, wenn der Totenschein des verantwortlichen Arztes vorliege – und das würde derzeit zum Teil lange dauern, hieß es auf Nachfrage unserer Zeitung. Die NZ fragte bei der Obfrau der Kreisärzteschaft, Karoline Hautmann-Strack, nach. Die Hausärztin mit Praxis in Idar-Oberstein betont: „Völliger Unsinn. Wir Ärzte haben damit überhaupt nichts zu tun.“ Das Vorgehen sei immer gleich, auch fernab von Corona-bedingten Todesfällen. Ein Arzt werde zum Schauplatz des Todes gerufen, so zum Beispiel zur Leichenschau in ein Seniorenwohnheim. Dort sei der Totenschein auszustellen. Dieser besteht aus vier Blättern, die auf zwei Briefumschläge verteilt werden: einen vertraulichen und einen nicht vertraulichen Teil. Im nicht vertraulichen Teil des Totenscheins macht der Arzt Angaben zu Namen, Adresse, Sterbezeitpunkt, Sterbeort, falls nötig zur Person, die den Toten identifiziert hat, Warnhinweise zu einer möglichen Infektionsgefahr (was bei Corona eine große Rolle spielt, aber sich auch auf Tuberkulose beziehen kann) sowie Todesart.

Einsatz in voller Schutzkleidung

Im vertraulichen Teil des Totenscheins finden sich ergänzende Angaben wie zum Beispiel die eindeutigen Todeszeichen sowie die spezifizierte Todesursache. Dieser Umschlag wird verschlossen neben der Leiche platziert. „Damit hat der Arzt seine Aufgabe erfüllt. Es erfolgt kein weiterer Schritt, auch keine Meldung ans Gesundheitsamt.“ Hautmann-Strack hat bereits mehrere Leichenschauen von Toten im Corona-Zusammenhang absolviert: stets in voller Schutzkleidung mit FFP3-Maske, die noch mehr Schutz als eine FFP2-Maske bietet.

Dann kommt der Bestatter ins Spiel: aktuell ebenfalls grundsätzlich in Schutzkleidung, wie Patrick Merscher von Bestattungen Merscher mit Sitz in Mittelreidenbach und Außenstellen in Kirn und Idar-Oberstein berichtet. Der Bestatter hat theoretisch drei Tage Zeit, einen Sterbefall beim Standesamt zu melden. „In der Praxis geht das aber sehr schnell. Den vertraulichen Teil des Totenscheins übergeben wir an die Standesämter der jeweiligen Stadt- oder VG-Verwaltung im Kreis Birkenfeld, also dort, wo der Mensch verstorben ist.“ Ein Beispiel: Verstirbt eine Person, die eigentlich im Kreis Birkenfeld lebt, in einer Klinik in Mainz, so wird das dortige Standesamt in Kenntnis gesetzt.

In einigen Fällen gebe das Bestattungsunternehmen den Standesämtern auch vorab per Fax und vertraulicher E-Mails Kenntnis über einen Sterbefall. Der nichtvertrauliche Teil des Scheins und die in ihm beurkundeten Feststellungen sind Grundlage für die Entscheidungen von Standesbeamten zur Beurkundung des Sterbefalls (auch für Bestattungsfristverlängerungen und -verkürzungen) und die Ausstellung einer Sterbeurkunde. Die gesamten Unterlagen liegen meist innerhalb eines Tages bei den Standesämtern vor, wie auch das Standesamt Idar-Oberstein bestätigt. Dort werden die Unterlagen gesammelt und einmal pro Woche ans Gesundheitsamt weitergeleitet: fernab von Corona auch für statistische Zwecke zur Erfassung von Todesursachen. Nur einmal pro Woche in Zeiten der Pandemie? Vonseiten der Stadtverwaltung Idar-Oberstein heißt es: „Das ginge auch schneller, etwa täglich. Darum hat uns aber das Gesundheitsamt bislang nicht gebeten.“ Gleiches ist auch aus den VG-Verwaltungen in Birkenfeld und Baumholder zu hören.

Vonseiten der Herrstein-Rhaunener Verwaltung heißt es: In dieser Sache sei das Standesamt nicht zuständig und gegenüber dem Gesundheitsamt weder mitteilungs- noch meldepflichtig. Das Gesundheitsamt erhalte zu Beginn des Folgemonats die Leichenschauscheine, den vertraulichen Teil der Todesbescheinigung, des Vormonats. Dem Standesamt sei also gar nicht bekannt, was zum Tod des Verstorbenen geführt habe.

Woher stammen die Zahlen?

Die Ärzte melden Corona-Tote nicht, die Bestatter haben damit auch nichts zu tun, die Standesämter informieren das Gesundheitsamt nicht aktuell: Wie kommt die Kreisverwaltung also auf die Zahlen, die sie täglich gegen Abend vermeldet? Auf Nachfrage unserer Zeitung betont Pressesprecher Karsten Schultheiß: „Das ergibt sich aus Meldungen der Kliniken im Kreis, die wir erhalten, aus den reinkommenden Totenscheinen der Standesämter und manchmal auch auf Zuruf, wenn wir über andere Kanäle von einem Corona-Todesfall erfahren.“

Von unserer Redakteurin Vera Müller

RZ-Kommentar: Virus der schlechten Kommunikation grassiert

Neben dem Coronavirus hat sich in den vergangenen Monaten ein ganz anderes Virus rasant verbreitet und macht das Leben noch schwerer, als es aktuell ohnehin schon ist: das Virus der schlechten Kommunikation, das offenbar unter anderem auch immer wieder mal in der Kreisverwaltung grassiert.

Und dabei ist es eine denkbar schlechte Zeit, unkooperativ und wenig kommunikativ zu sein. Die Menschen im Landkreis Birkenfeld haben Sorgen und Nöte. Sie haben Angst, und sie sind verunsichert. Sie erhalten zu wenige Antworten auf die Fragen, die sie haben, und die auch wir als Tageszeitungsredakteure für diese Menschen völlig berechtigt stellvertretend stellen. Und dazu kommen auch Kritiker aus Reihen der Verwaltungen in den Kommunen. Auch dort werden viele Fragen nicht beantwortet. Mit Blick auf die verwirrenden Zahlen: Was geht denn da schief? Es kann doch nicht sein, dass Todesfälle im Corona-Kontext mehr oder weniger zufällig beim Gesundheitsamt landen. Da braucht es eine tagesaktuelle, verbindliche Informationskette, in die alle entscheidenden Akteure einbezogen sind. Warum bittet die Kreisverwaltung Birkenfeld die Standesämter nicht, alle Fälle umgehend zu melden und entsprechende Unterlagen zeitnah weiterzuleiten? Worauf wartet man denn da? Und warum schiebt man Versäumnisse und Verzögerung völlig unberechtigt den Ärzten in die Schuhe? Und wieder einmal gibt es mehr Fragen als Antworten.

E-Mail an vera.mueller@rhein-zeitung.net

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