Archivierter Artikel vom 26.06.2022, 13:47 Uhr
Kreis Birkenfeld

Anwohner messen selbst den Pegelstand: UCB unterstützt Modellprojekt in der Eifel

Die Flutkatastrophe am 14./15. Juli 2021 an der Kyll hat die Menschen überrascht und ihr Leben nachhaltig verändert. Um sie angesichts der zunehmenden Wahrscheinlichkeit von Starkregen und Hochwasser zu unterstützen, haben der Umwelt-Campus Birkenfeld (UCB) der Hochschule Trier, der DRK-Kreisverband Vulkaneifel und engagierte Bürger ein Selbsthilfeprojekt geplant und seit Mai 2022 auch umgesetzt.

Manfred Wientgen von der DRK-Hochwasserhilfe (links) im Gespräch mit Prof. Klaus-Uwe Gollmer vom Umwelt-Campus Birkenfeld. Die Hochschule unterstützt die Menschen im Kylltal bei der Messtechnik im Rahmen der Hochwasservorsorge. Foto: Deutsches Rotes Kreuz
Manfred Wientgen von der DRK-Hochwasserhilfe (links) im Gespräch mit Prof. Klaus-Uwe Gollmer vom Umwelt-Campus Birkenfeld. Die Hochschule unterstützt die Menschen im Kylltal bei der Messtechnik im Rahmen der Hochwasservorsorge.
Foto: Deutsches Rotes Kreuz

Seit einem Monat messen die Bewohner in Jünkerath nun selbst den Pegel der Kyll. Vor fast einem Jahr wurde der Lebensraum und die Existenzgrundlage vieler Bürgerinnen und Bürger in der Vulkaneifel infolge eines verheerenden Unwetters und des dadurch ausgelösten Hochwassers nachhaltig beschädigt oder zerstört. Das wirkt immer noch nach: Bei jedem starken Regen, bei jedem Gewitter sind die Menschen im Alarmzustand, schlimme Erinnerungen kommen in ihnen hoch. In der Beratung der DRK-Hochwasserhilfe berichteten die Menschen immer wieder: „Ich höre den Regen ganz anders als früher, viel lauter, ich habe Angst.“

Die Studie der World Weather Attribution (WWA) zum Starkregen in Westeuropa im Juli 2021 kommt zu dem Schluss, dass die Wahrscheinlichkeit für solche extremen Regenfälle sich durch den bisherigen menschengemachten Temperaturanstieg um das 1,2- bis 9-Fache erhöht hat. Maarten van Aalst, Leiter des Klimazentrums des Internationalen Roten Kreuzes in Den Haag, sagte im Deutschlandfunk: „Die Ergebnisse unserer Studie zeigen, dass es immer wichtiger wird, auch solche extremen und sehr seltenen Ereignisse zu berücksichtigen. Denn durch den Klimawandel werden sie künftig wahrscheinlicher.“

In diesem Kontext arbeiten auch Forschende am Umwelt-Campus zum Beispiel im Projekt Florest des Bundesministeriums für Bildung und Forschung an wissenschaftlichen Lösungen zur Beherrschung der Klimafolgen. Aber auch die Betroffenen vor Ort können sich im Rahmen von Bürgerwissenschaften (Citizen-Science) aktiv an den Forschungen beteiligen. Hochwasservorhersage und frühzeitige Warnungen ermöglichen rechtzeitige Schutzmaßnahmen und werden überlebenswichtig.

Ultraschallsensor misst durchgehend

Das aktuelle Messnetz überwacht allerdings nur die Pegelstände der großen Flüsse. Bei lokalen Starkregenereignissen sind es aber auch die kleinen Fließgewässer in der Nähe, die über die Ufer treten und Schaden anrichten. Vor diesem Hintergrund leistet das Projekt „Bürger messen ihre Bäche selbst“ einen wichtigen Beitrag zur Steigerung der Resilienz jedes Einzelnen und der Gemeinschaft.

Mit einer von der IoT2-Werkstatt (Internet der Dinge) am UCB entwickelten Technik können die Menschen selbst tätig werden und den Bach in Nähe von Haus und Hof per Messstation überwachen. Dazu wurde ein Pegelsystem am Oberlauf der Kyll in Jünkerath eingerichtet. Gemessen wird mit einem Ultraschallsensor, der oberhalb der Wasseroberfläche an der Brücke befestigt ist und seine Informationen in das Internet sendet.

Mit der Citizen-Science-Box wurde ein neuartiges Gerät mit wasserdichtem Gehäuse und einer autarken Energieversorgung entwickelt, welches sich per grafischer Tools fast spielerisch programmieren lässt. Professor Dr. Klaus-Uwe Gollmer sagt zu dem von ihm mitentwickelten Projekt: „Der Pegel an der Glaadter Brücke ist ein tolles Beispiel für Hilfe zur Selbsthilfe und wurde in Kooperation des DRK Vulkaneifel, unserer IoT2-Werkstatt und engagierten Bürgern realisiert. Hier zeigt sich, wie wichtig Mint (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaft und Technik) schon in der Schule für unsere Gesellschaft ist.“

Menschen wollen aktiv sein

Viele Beteiligte arbeiten Hand in Hand: Die Kommunen gaben die Erlaubnis, das System in ihrer Infrastruktur zu integrieren, das DRK-Reparatur-Café wartet die Technik, der Umwelt-Campus Birkenfeld und Ehrenamtliche vor Ort werten die Daten aus und stellen diese den Anliegern zur Verfügung. In Zukunft sollen auch die Schülerinnen und Schüler der Berufsbildenden Schule Vulkaneifel in den Bau weiterer Geräte einbezogen werden. So lernen sie im Unterricht, wie IoT und Algorithmen funktionieren und wie Mint bei der Beherrschung der Klimafolgen unterstützen kann. „Trockene Theorie wird dabei anfassbar konkret und vermittelt den jungen Menschen das Gefühl, die Zukunft selbst gestalten zu können“, so Gollmer.

Manfred Wientgen ist als Projektverantwortlicher des DRK-Kreisverbandes Vulkaneifel überzeugt vom Nutzen der eigenverantwortlichen Messungen: „Aus vielen Gesprächen mit Flutopfern weiß ich, dass es von großer Bedeutung ist, etwas tun zu können. Das Projekt Hochwassernetzwerk ermöglicht den Menschen, durch eigene Messungen aktiv zu werden. Der erste Monat hat gezeigt, dass wir neben wichtigen Daten auch das Gefühl vermitteln konnten, den Ereignissen nicht hilflos ausgeliefert zu sein, sondern das Wetter und mögliche Gefahren selbst im Blick zu behalten.“