Archivierter Artikel vom 15.07.2021, 15:55 Uhr
Wiedtal

Wied: Hangrutschgefahr und Hochwasser

Die Nacht auf Donnerstag wird den Anwohnern im Ackerweg in Niederbreitbach lange in Erinnerung bleiben. Nach dem Dauerregen ahnte die Bewohnerin eines Hauses oben am Hang nichts Böses, als sie spät am Abend einen Anruf von Nachbarn erhielt. „Sie fragten mich, ob es bei mir einen Rohrbruch gibt, da viel Wasser vom Hof auf die Straße fließen würde“, erinnert sich die ältere Dame. Sicherheitshalber ging sie nachsehen, „da kam mir das Wasser in der Wohnung schon entgegen“, erzählt sie noch am Donnerstagvormittag der RZ.

Von Ralf Grün
Auf dem Campingplatz Roßbach hat das Wied-Hochwasser etlichen Campern nasse Füße beschert. Foto: Ralf Grün
Auf dem Campingplatz Roßbach hat das Wied-Hochwasser etlichen Campern nasse Füße beschert.
Foto: Ralf Grün

Doch wo kamen die Wassermassen plötzlich her? Tatsächlich ein Rohrbruch? Ein Bach ist nicht in der Nähe. Als die Feuerwehr eintraf, klärte sich das Bild: Das Wasser drang durch die Pflasterung der Hofeinfahrt an die Oberfläche. Ein Teil drückte von da in die untere Etage des Hauses, der andere Teil schoss die steile Auffahrt hinunter auf den Ackerweg. „Es muss irgendwie unterirdisch den Hang hinuntergeflossen sein und ist dann im Hof zutage getreten“, vermuten Bürgermeister Hans-Werner Breithausen und der Niederbreitbacher Wehrführer René Rams im Gespräch mit der RZ am Tag danach.

Und als ob das nicht schon genug Ungemach ist, bestand aus Sicht der Verantwortlichen obendrein die Gefahr, dass der Hang in Richtung Wohnhäuser abrutscht. Die Einsatzkräfte und Ortsbürgermeisterin Kirsten Hardt reagierten umgehend. „Wir haben die Bewohnerin des unmittelbar gefährdeten Hauses evakuiert. Den Bewohnern der Häuser darunter haben wir angeboten, das Dorfgemeinschaftshaus als Notunterkunft aufzusuchen. Dort waren extra Feldbetten aufgestellt worden“, berichtet Susanne Hardt. Dass die Bürger diese Möglichkeit nicht wahrnahmen und in ihre Häuser zurückkehrten, könne die Ortsbürgermeisterin verstehen.

Unterdessen beobachteten die Feuerwehrleute den Hang. Sie schafften leistungsstarke Lampen herbei, um ihn auszuleuchten. Glücklicherweise blieb die Lage ruhig. Experten etwa von der Struktur- und Genehmigungsbehörde begutachteten laut Bürgermeister Breithausen am Vormittag den Hang in Sachen Rutschgefahr – und gaben ihn schließlich frei.

Gefahr gebannt, nun geht es ans große Aufräumen, hieß es dann für die betroffene Familie. Feuerwehrleute halfen noch dabei, die nassen Teppiche hinauszuschaffen. Und Ortsbürgermeisterin Hardt versorgte die Einsatzkräfte mit Kaffee. Alle miteinander lobten das gute Miteinander von Feuerwehr, Kommune und Anwohnerschaft in dieser Notsituation. Davon abgesehen hat das Unwetter auch an anderer Stelle Menschen den Schweiß auf die Stirn treten lassen ...

Denn am späten Mittwochabend ging es auch für einen Teil der Dauercamper auf dem Campingplatz in Roßbach ganz schnell. „Zwischen 23 und 0 Uhr war das Wasser der Wied plötzlich da“, sagt einer der Gäste. Mehr als kniehoch stand die braune Brühe zwischen den Wagen. „So hoch wie im Februar war das Hochwasser zwar nicht, trotzdem hätten wir das jetzt nicht gebraucht“, sagte ein Camper, der auf der Suche nach einem Gegenstand, den das Wasser überspült hatte, schlurfend durch das Wasser pflügte. Zum Glück für die Betroffenen lief das Wasser tagsüber langsam wieder ab.

Auch auf anderen Campingplätzen im Wiedtal hieß es Land unter. Dort waren aber meist nur die Stellplätze für Zelte und Wohnmobile dicht am Wasser betroffen. Laut RZ-Informationen haben dort die Verantwortlichen aber bereits rechtzeitig vor der steigenden Flut die Stellplätze räumen lassen. Ansonsten blieb es aber ruhig für die Feuerwehren.

Von unserem Redakteur Ralf Grün

Erinnerungen an das „Regenjahr“ 1954

Wir erleben zurzeit ein außergewöhnliches Wetter mit niedrigen Temperaturen, viel Regen und örtlichen Unwettern. „Dass es immer wieder ungewöhnliche Wettererscheinungen gab, können wir etwa Schulchroniken entnehmen“, berichtet Heimatforscher Werner Schönhofen. Neben dem schulischen Geschehen enthielten sie oft Notizen von allgemeinem Interesse wie Hinweise auf das Wetter. „In der Schulchronik der Geschwister-Scholl-Schule in Heddesdorf hat der damalige Rektor Zimmer über das regenreiche Jahr 1954 berichtet, an das ich mich aus meiner Kindheit in der landwirtschaftlich geprägten Eifel noch besonders erinnern kann“, berichtet Schönhofen. .

Die Eintragungen lauten: „1954 war ein Katastrophenjahr auf vielen Gebieten. Am schlimmsten hat uns das Wetter mitgespielt. Katastrophal!“ Nur nebelhaft erinnert man sich einiger Sonnentage im frühen Frühjahr. Aber dann begann schon der große Regen. Er dauerte praktisch bis zur Jahreswende, so Schönhofen und ergänzt: Feuchte Kleider und nasse Füße bestimmten monatelang die Atmosphäre in den Büros, Omnibussen und Arbeiterzügen. Sensible Naturen wurden in diesem Jahr nie ganz froh. Das graue Einerlei, der trommelnde Regen, die Monotonie der Nässe bedrückten auf die Dauer auch die robustesten Menschen. Auffällig sei besonders die Regenmenge gewesen. „Es fielen im regionalen Durchschnitt 970 Millimeter.“ 205 Regentage mussten in Kauf genommen werden. Aber es hat nicht das ganze Jahr geregnet, sondern erst ab Juni.

Flutkatastrophe im Ahrtal
Kreis Neuwied
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