Archivierter Artikel vom 23.07.2021, 15:01 Uhr
Kreis Neuwied

Unterstützung aus dem Kreis Neuwied: Winzer helfen ihren Kollegen an der Ahr

Für Georg Scheidgen war es überhaupt keine Frage, ob der Winzer seinen Kollegen an der Ahr nach der Flutkatastrophe helfen würde. „Wir haben viele Verbindungen an die Ahr“, sagt der Hammersteiner. Der Leutesdorfer Peter Hohn hat gar keine, trotzdem wird auch er sich am Wochenende auf seinen Traktor setzen und die Kollegen an der Ahr unterstützen. Auch Winzerin Sarah Hulten war bereits drüben.

Von Yvonne Stock
Für diese Weinexperten war es keine Frage, dass sie bei den Winzern an der Ahr helfen: Die Leutesdorfer Winzerin Sarah Hulten und die Helfer vom Hammersteiner Weingut Scheidgen: Roman Tullius, Heinrich Schneider, Sebastian Hessler und Christian Krupp (von links).  Fotos: Christian Krupp(2)/Sarah Hulten
Für diese Weinexperten war es keine Frage, dass sie bei den Winzern an der Ahr helfen: Die Leutesdorfer Winzerin Sarah Hulten und die Helfer vom Hammersteiner Weingut Scheidgen: Roman Tullius, Heinrich Schneider, Sebastian Hessler und Christian Krupp (von links). Fotos: Christian Krupp(2)/Sarah Hulten
Foto: Christian Krupp

„Es gibt keine Maschinen mehr“, berichtet Scheidgen. Also sind er und seine Mitarbeiter mit Staplern und Traktoren rübergefahren. „Die Winzer sind in den Weingütern beschäftigt“, erzählt er. Alles, was für das Weinmachen wichtig ist, findet meistens im Keller statt. Und die standen komplett unter Wasser. „Es ist alles voller Schlamm“, erzählt Scheidgen, Aber, immerhin, in einigen Betrieben sind zwar die Kartons mit den Weinflaschen umgekippt und standen im Wasser, „aber es gibt wenig Bruch“. Die Flaschen sehen zwar nicht mehr so schön aus, aber der Winzer kann sich vorstellen, dass sie gerade deshalb aus Solidarität von vielen Kunden gekauft werden.

Verschlammte Weinflaschen gerettet hat auch die Leutesdorfer Winzerin Hulten. „Wir haben Wasser organisiert für die Flaschen, die wir geborgen haben, damit der Schlamm nicht hart wird.“ Sobald sie von der Flutkatastrophe gehört hatte, war für Hulten klar, dass sie mit anpackt, erzählt sie. „Es geht darum zu retten, was zu retten ist.“ Manche Betriebe haben Glück gehabt und ihre vollen Barriquefässer sind noch da, andere hat das Hochwasser einfach weggeschwemmt, berichtet Hulten.

„An den Weinbergen ist, außer direkt an der Ahr, am wenigsten Schaden“, erzählt Scheidgen. „Was viele Winzer jetzt noch haben ist die 2021er Ernte.“ Und dort hinein setzen er und seine Mitarbeiter gerade ihre Kraft, dass die auch gut wird. Braucht er seine Mitarbeiter nicht selbst? „Die polnischen Helfer bleiben länger und wir sind gut besetzt“, sagt der Hammersteiner. „Und alles, was in unserem Betrieb zurückgestellt werden kann, stellen wir zurück.“

Viele Winzer von der Ahr haben auch am Mittelrhein, etwa in Leutesdorf oder Linz Weinberge. Auch um diese kümmern sich die Nachbarn jetzt mit. Scheidgen erzählt, dass sein Lohnunternehmer diese mitspritzt. „Wir übernehmen die händische Arbeit.“ Eigentlich ist nämlich gerade die Zeit, in der die Reben entblättert werden, unter anderem damit die Sonne an die Trauben kommt. Für seine eigenen Flächen stellt er diese Arbeit jetzt erst einmal zurück, erzählt er.

Auch der Leutesdorfer Hohn hat alles in Bewegung gesetzt, dass er am Wochenende auf seinem Weingut abkömmlich ist und er mit Traktor und Laubschneider an die Ahr fahren kann. Er kann sich noch daran erinnern, wie 1972 bei einem Starkregen die Leutesdorfer Weinberge weggeschwemmt wurden und die Bundesstraße einen halben Meter tief unter Schlamm begraben war, erzählt er. „Seit dem Hochwasser 1993 weiß ich auch, was abgesoffen heißt. So stelle ich mir das an der Ahr vor – nur schlimmer.“ Die modernen Traktoren können es wegen der Technik nicht ab, wenn sie einen halben Meter tief unter Wasser unter Wasser stehen, erläutert Hohn. Die funktionierten dann erst einmal nicht mehr und viele Teile müssen getauscht werden.

Gotthard Emmerich, Sprecher der Leutesdorfer Weinsteigwinzer, kämpft derzeit an einer anderen Front an der Ahr: „Ich bin Präsident des Rotaryklubs Remagen–Sinzig“, erzählt er. „Ich bin rund um die Uhr im Einsatz.“ Eine große Spendenaktion soll dort helfen, die große Not zu lindern.

Wie verzweifelt sind die Berufskollegen an der Ahr? „Ich bin total überrascht, wie stark die alle sind“, sagt Scheidgen. „Die sagen alle: ,Es muss weitergehen.'“ Viele sind alteingesessene Betriebe, an denen viel Herzblut der Besitzer dran hängt, erzählt der Hammersteiner, der sich jetzt auch selbst um neue Lieferanten für Flaschen, Verschlüsse und Kartons kümmern muss – sie alle kamen bisher von der Ahr. Aber, wenn man ihn nach so etwas fragt, wischt er das Problem beiseite. Die Kollegen an der Ahr haben Priorität. „Fast jeder Winzer hat seine Kontakte zur Ahr, das sind nur 25 Kilometer.“

„Wir helfen, so gut es geht“, sagt er. „Die ganzen Strukturen sind kaputt, viele Brücken nicht mehr vorhanden.“ Zu manchen Weingütern kommt man derzeit noch gar nicht hin. „Aber es rufen andauernd Leute an, die helfen wollen“, freut sich Scheidgen. Nicht jeder kann mal eben in einem Weinberg anpacken, aber wer schon etwas Erfahrung hat, ist willkommen. „Unter den Winzern hat sich eine gute Hilfsstruktur gebildet“, berichtet Hulten. Viel Unterstützung hat sie auch über ihr eigenes Netzwerk schon vermittelt. „Wenn man gesehen hat, was passiert ist – dieser Eindruck prägt“, sagt die Winzerin, die jeden aufruft, sich zu beteiligen auch mit Spenden. „Es wird noch unheimlich viel Hilfe gebraucht.“

Wie lange die Hilfe der Winzer noch gebraucht wird? „Puh, keine Ahnung“, sagt Scheidgen. „Ich weiß noch nicht, wie das alles funktionieren soll“, sagt der Hammersteiner und verweist darauf, dass auch hinter dem Einbringen und Verarbeiten der Ernte an der Ahr im Herbst derzeit noch viele Fragezeichen stehen. „Die Weinpressen sind alle kaputt.“

Von unserer Redakteurin Yvonne Stock