Archivierter Artikel vom 15.07.2021, 14:45 Uhr
Kreis Neuwied

Starkregen: Wie sich der Kreis Neuwied wappnet – und wie die Bürger eingebunden werden

Die Bilder und Schilderungen der Lage an der Ahr hinterlassen auch im Kreis Neuwied Entsetzen und Grauen. Dabei geht der Blick auch nach vorn: Wie kann sich der Kreis für solche Starkregen-Katastrophen rüsten?

Von Yvonne Stock/Markus Kilian
Die Bürger sind aufgerufen, sich vor Hochwasser wie etwa hier am Donnerstag an der Wied bei Waldbreitbach zu schützen.
Die Bürger sind aufgerufen, sich vor Hochwasser wie etwa hier am Donnerstag an der Wied bei Waldbreitbach zu schützen.
Foto: Jörg Niebergall

Wilfried Hausmann ist sich mit Blick auf das verheerende Starkregenereignis im Kreis Ahrweiler sicher: „Das war eine Laune der Natur, das hätte genauso gut hier passieren können.“ Der Experte für Überflutungsvorsorge bei den Stadtwerken Neuwied (SWN) will wie viele andere auch die Bürger stärker animieren, entsprechende Vorsorge zu treffen.

Hilfe für die Kameraden an der Ahr: Aus dem Kreis Neuwied rückten etliche Feuerwehrleute ins Krisengebiet im Kreis Ahrweiler aus.

Tim Wessel/Landkreis Neuwied

Hilfe für die Kameraden an der Ahr: Aus dem Kreis Neuwied rückten etliche Feuerwehrleute ins Krisengebiet im Kreis Ahrweiler aus.

Tim Wessel/Landkreis Neuwied

Hilfe für die Kameraden an der Ahr: Aus dem Kreis Neuwied rückten etliche Feuerwehrleute ins Krisengebiet im Kreis Ahrweiler aus.

Tim Wessel/Landkreis Neuwied

Hilfe für die Kameraden an der Ahr: Aus dem Kreis Neuwied rückten etliche Feuerwehrleute ins Krisengebiet im Kreis Ahrweiler aus.

Tim Wessel/Landkreis Neuwied

Hilfe für die Kameraden an der Ahr: Aus dem Kreis Neuwied rückten etliche Feuerwehrleute ins Krisengebiet im Kreis Ahrweiler aus.

Tim Wessel/Landkreis Neuwied

Hilfe für die Kameraden an der Ahr: Aus dem Kreis Neuwied rückten etliche Feuerwehrleute ins Krisengebiet im Kreis Ahrweiler aus.

Tim Wessel/Landkreis Neuwied

Hilfe für die Kameraden an der Ahr: Aus dem Kreis Neuwied rückten etliche Feuerwehrleute ins Krisengebiet im Kreis Ahrweiler aus.

Tim Wessel/Landkreis Neuwied

Hilfe für die Kameraden an der Ahr: Aus dem Kreis Neuwied rückten etliche Feuerwehrleute ins Krisengebiet im Kreis Ahrweiler aus.

Tim Wessel/Landkreis Neuwied

Hilfe für die Kameraden an der Ahr: Aus dem Kreis Neuwied rückten etliche Feuerwehrleute ins Krisengebiet im Kreis Ahrweiler aus.

Tim Wessel/Landkreis Neuwied

Hilfe für die Kameraden an der Ahr: Aus dem Kreis Neuwied rückten etliche Feuerwehrleute ins Krisengebiet im Kreis Ahrweiler aus.

Tim Wessel/Landkreis Neuwied

In Neuwied machen vor allem in den Stadtteilen die aus dem Westerwald kommenden Bäche Probleme: Der Buchbach in Rodenbach, der Reichelbach in Segendorf, der Wallbach in Oberbieber und der Heimbach in Heimbach-Weis laufen gern mal bei Starkregen über die Ufer, weiß Wilfried Hausmann – besonders, wo sie in Rohren fließen. „Aber so große Rohre können Sie gar nicht bauen, um das zu verhindern.“

Um größere Überschwemmungen in Oberbieber etwa auf dem Luisenplatz künftig zu vermeiden, hat das Stadtbauamt dort zuletzt Versickerungsflächen am Rande des Ortsteils anlegen lassen. Wie Ortsvorsteher Rolf Löhmar schildert, soll das Wasser dorthin abgeleitet werden, wenn etwa der Wallbach über die Ufer tritt. „Die Kanäle, die wir haben, reichen nicht aus“, sagt Löhmar. Zwar würden die neuen Flächen helfen, aber das Problem nicht ganz lösen.

Feuerwehr in Stadt und Kreis im Dauereinsatz

An mehreren Stellen gleichzeitig war die Feuerwehr am Mittwoch und Donnerstag gefordert. In der Nacht zum Donnerstag war in Oberbieber auf dem Wingertsberg eine Stromleitung mit Mast um- und auf die einzige Zufahrtsstraße gestürzt. Die Feuerwehr bereinigte gemeinsam mit den Stadtwerken die gefährliche Situation. In Segendorf blockierten umgewehte Bäume die Wiedbrücke, außerdem stürzten Bäume auf einen Streckenabschnitt des Wiedwanderweges, wie die Stadt informierte. Der Weg musste deswegen gesperrt werden – auch weil Lebensgefahr angesichts weiterer möglicher Astbrüche besteht. Und auch die Feuerwehr Bad Hönningen war im Einsatz: Am frühen Mittwochabend ist am Tannenbusch durch den vom Dauerregen aufgeweichten Boden eines Hangs ein Baum auf ein Wohngebäude gestürzt. Weitere Bäume hatten sich bereits deutlich geneigt, teilt die Wehr mit. Die Bäume wurden mit Kettensägen vom Korb der Drehleiter aus entfernt.

Auch wegen zahlreicher anderer neuralgischer Punkte wird in der Deichstadt gerade mit Landesförderung ein Starkregenvorsorgekonzept erarbeitet. Ein wichtiger Ansatzpunkt sind dabei die Bürger, sagt Hausmann. Das geschnittene Gras am Bachrand abzuladen, wo es die nächste Überschwemmung mitnimmt und das Rohr verstopft, ist zum Beispiel keine gute Idee. Auch sollten Bürger sich Gedanken machen, wie sie Kellerfenster und ebenerdige Eingänge sichern können und ob sie eine Rückstauklappe vor dem Kanalanschluss im Keller brauchen, rät der Experte.

Von verstopften Bachrohren kann auch Isenburgs Ortsbürgermeister Detlef Mohr viel erzählen. Regelmäßig steht sein Ort bei Starkregen unter Wasser. Es gibt jetzt zwar ein Hochwasserschutzkonzept, „das hört sich auch sehr gut an, aber überall steht als Kostenträger die Ortsgemeinde“, klagt er. „Wir sind eine arme Gemeinde, wo sollen wir das Geld für ein Regenrückhaltebecken herbekommen?“ Im Oktober soll den Bürgern das Konzept vorgestellt werden, aber laut Mohr wird es wohl darauf hinauslaufen, dass sie sich wie bisher selbst kümmern müssen. Vor Kurzem hat er einen ganzen Sonntag lang mit Nachbarn einen Garten von Holzstämmen befreit, die von den oberhalb liegenden Wäldern in den Ort geschwemmt wurden.

Die VG Linz hingegen hat die Mittel, um dieses Jahr rund 500.000 Euro zu investieren, um die Schäden bei Starkregen geringer zu halten. So sollen etwa der Ockenfelser Bach renaturiert werden und ein Regenrückhaltebecken in Leubsdorf gebaut werden. Auch die Feuerwehr wurde mit viel Material für Starkregenereignisse ausgestattet: Unzählige Schmutzwasserpumpen, Sandsäcke und Stromerzeuger wurden angeschafft, in das Sirenensystem wurde investiert.

Am Donnerstagvormittag wurden über das Warnsystem Katwarn mehrere Tausend Bürger in der VG Linz informiert, dass es im Bereich der Ahrmündung in den Rhein eine massive Geruchsbelästigung gibt, erläutert Wehrleiter Thomas Nelles. Das Wasser hat im Kreis Ahrweiler auch Heizöltanks mitgerissen, die Kanalisation ist übergelaufen. Den Bürgern drohte keine Gefahr, sagt der Feuerwehrmann, um im nächsten Atemzug direkt – mal wieder – die Unbelehrbaren davor zu warnen, im Rhein zu baden.

„Auf generelle Unwetterlagen sind wir gut vorbereitet“, meint Nelles. Mit ihrer Ausrüstung halfen am Mittwochabend und Donnerstag 40 seiner Ehrenamtlichen im Nachbarkreis aus – trotz Hochwasserwarnung am Rhein in der eigenen VG. „Wir haben genug Ressourcen, um dort Hilfe zu leisten, wo sie nötig ist“, sagt Nelles. Bei solch einer Katastrophe wie im Nachbarkreis gilt laut ihm das, wofür die Feuerwehrleute ausgebildet sind: „Menschen retten, improvisieren und dann alles abarbeiten.“

„Das hier ist ein Ausnahmezustand, den sich keiner vorstellen kann“, sagt Tim Wessel, Sprecher der Feuerwehr der VG Asbach, der in Bad Neuenahr im Einsatz war. Natürlich denkt er auch an seine eigene VG, betont aber, dass viele Gemeinden dort erhöht liegen. Mit der Aufklärungsarbeit, die seine Feuerwehr in Sachen Starkregen bei den Bürgern bereits macht, sieht er sie auf dem richtigen Weg. So hat sie vor einem Jahr ein Faltblatt an alle Haushalte verteilt, das erläutert, wie sich die Bürger im Falle eines Starkregenereignisses und einer Hausüberflutung richtig verhalten.

Auf die Bürger kommt es an, das war auch Tenor eines Treffens der Hochwassergemeinschaft Wied-Holzbach vor Kurzem. Mit Workshops sollen diese fit gemacht werden, wie sie Schäden aufgrund eines Hochwassers verhindern können. Ein neuer Pegel am Holzbach in Dierdorf soll zudem eine frühere Warnung ermöglichen.

Von unseren Redakteuren Yvonne Stock und Markus Kilian

Neuwieder Brand- und Katastrophenschutz-Inspekteur Holger Kurz spricht vom „schlimmsten Einsatz, den wir je hatten“

Kreis Neuwied/Ahrweiler. Holger Kurz ist nicht gerade ein unerfahrener Feuerwehrmann. Der Brand- und Katastrophenschutz-Inspekteur (BKI) des Kreises Neuwied hat einiges gesehen. Aber der aktuelle Hochwassereinsatz im Nachbarkreis Bad Neuenahr-Ahrweiler macht auch ihn fassungslos. „Vom Gefühl her ist es der schlimmste Einsatz, den wir je hatten“, sagt er und vergleicht die Situation „mit den Elbehochwassern, die man im Fernsehen gesehen hat“. So steht es in einer aktuellen Pressemitteilung der Kreisverwaltung Neuwied.

In Altenahr beispielsweise soll der Fluss bis auf 7 Meter Höhe angeschwollen sein. „Genau weiß man es nicht. Der bisherige Höchststand lag bei 3,16 Metern, bei 5,50 Metern ist der Pegel dann ausgestiegen“, erzählt er und führt weiter aus, dass das Stadtbild von Ahrweiler aussehe „wie im Krieg“: übereinandergestapelte Autos, eingeschlagene Hauswände.

Die Situation sei „verheerend“, bringt Kurz es auf den Punkt und berichtet, dass allein die Neuwieder Feuerwehrleute um Wehrleiter Kai Jost in der Nacht 50 Menschen vor den Wassermassen retten mussten. „Und es sitzen hier immer noch Leute auf Dächern, an die wir nicht herankommen“, seufzt er laut Pressemitteilung.

Insgesamt, schätzt Kurz, sind aktuell 200 bis 250 Feuerwehrleute aus dem gesamten Kreis Neuwied zur Unterstützung der Kameraden an der Ahr im Einsatz. Zunächst waren am Mittwochabend aus dem vier Landkreise umfassenden Bereich der Rettungsleitstelle Montabaur 150 Kräfte alarmiert worden. Im Lauf der Nacht seien dann immer mehr Feuerwehrleute hinzugezogen und vor allem Spezialfahrzeuge sowie Boote aus den Wehren der Rheinschiene nachgeordert worden. „Die Welle rollt weiter“, sagt Kurz am Donnerstagvormittag. Er selbst ist am Bad Neuenahrer Feuerwehrhaus stationiert, seine Kameraden sind in der gesamten Region verteilt. Natürlich habe man bei allem auch darauf geachtet, die Einsatzbereitschaft im Kreis Neuwied nicht zu gefährden. „Wir haben keine Standorte komplett leergefahren“, hält Kurz fest.

Landrat Achim Hallerbach steht mit seinem Brand- und Katastrophenschutz-Inspekteur in regelmäßigem Kontakt – so die wackeligen Mobilfunkverbindungen es zulassen, wie die Kreisverwaltung schildert. Nach einem Telefonat zeigt er sich geschockt von den Katastrophenschilderungen. „Meine Gedanken sind vor allem bei den Menschen, deren Leben bedroht ist und bei denen, die leider schon Angehörige verloren haben. Und natürlich haben auch viele Hab und Gut verloren“, sagt er und dankt den Feuerwehrleuten für ihren unermüdlichen Einsatz. „Die Kameraden aus dem Kreis Neuwied sind sämtliche Ehrenamtliche. Frauen und Männer, die sich nachts aus dem Bett holen lassen, um dann rund um die Uhr anderen zu helfen“, lobt Hallerbach und betont, dass ihm bewusst ist, dass dieser Einsatz nicht nur physisch Kräfte zehrt, sondern für viele auch psychisch belastend ist. „Wir werden unsere Leute damit nicht allein lassen“, verspricht er Hilfsangebote in der Nachbereitung des Einsatzes.