Windhagen

Platz für mehr als 700 Hilfskräfte: Helferdorf in Windhagen wird über Nacht errichtet – und in Windeseile wieder verlassen [mit Update]

In Windhagen ist über Nacht ein Lager für 710 Einsatzkräfte aus Schleswig-Holstein entstanden, die an der Ahr helfen. Doch die blieben nicht lang – sondern zogen weiter in Richtung Nürburgring.

Von Sandra Fischer

Sandra Fischer

Mobile Duschen werden aufgebaut

Sandra Fischer

Das DRK baut eine Mensa auf

Sandra Fischer

Eine Feldküche wird aufgebaut

Sandra Fischer

Das Feldbettenlager.

Sandra Fischer

Das Feldbettenlager.

Sandra Fischer

Das Feldbettenlager.

Sandra Fischer

Lagebesprechung

Sandra Fischer

„Hier entsteht ja ein richtiges kleines Dorf“: Ehrfürchtig beobachtet ein Zaungast das Treiben auf dem Areal rund um das Windhagener Forum: Verpflegungszelte und mobile Duschen werden im Handumdrehen auf noch schnell gemähten Flächen aufgebaut und die Feldküche geputzt, während im Forum, in der Dreifeldhalle und im Bürgerhaus auf Feldbettenlagern dringend notwendiger Schlaf nachgeholt wird. Denn Windhagen ist über Nacht zum temporären Zuhause von 710 Einsatzkräften aus Schleswig-Holstein geworden – bis eine Planänderung der Einsatzleitung für einen ebenso schnellen Abzug sorgt.

Von hier aus sollten THW, DLRG, Malteser, Johanniter, Arbeiter-Samariter-Bund, DRK, Feuerwehr und Katastrophenschutz im zerstörten Ahrtal helfen. Doch kaum steht das beeindruckende Lager, heißt es Kommando zurück, alles wieder abbauen, die Helfer werden am Nürburgring gebraucht. Und kaum eine Stunde nach der Ansage sind auch schon fast alle 130 Einsatzfahrzeuge wieder abfahrtbereit. Martin Guttchen, einer der beiden Leiter des mobilen Führungsstabes, sieht das Ganze gelassen: „Es war sehr schön hier in Windhagen, wir sind toll aufgenommen worden, aber jetzt werden wir am anderen Ende von Rheinland-Pfalz gebraucht. Unser Ziel ist es ja, den Bürgern zu helfen.“

Er selbst war um Mitternacht mit dem Vorkommando in der Gemeinde angekommen, etwa drei Stunden später traf der Rest der Einsatzkräfte ein. Eigentlich sollte der Trupp von Anfang an am Nürburgring untergebracht werden, doch während der Fahrt kommt die Planänderung vom Krisenstab des Landes: Am Ring seien schon mehr als 1000 Einsatzkräfte, stattdessen soll die Reise nach Windhagen gehen. Dort warten bereits Ortsbürgermeister Martin Buchholz, der Erste Beigeordneter Hans Dieter Geiger und die Hausmeister Slava Wiebe und Philipp Lissen, die bis in die frühen Morgenstunden die Örtlichkeiten für die Helfer herrichten.

Kaum gehen die einen ins Bett, sind Verbandsgemeinde-Chef Michael Christ und der Erste Beigeordnete Markus Harf um 5.30 Uhr schon unterwegs, um 1500 Brötchen und Frühstück für die mehr als 700 Helfer zu organisieren. Auch das Mittagessen übernimmt die VG, bis die Feldküche einsatzbereit ist. Unbürokratisch organisieren Ortsgemeinde und VG außerdem Kino- und Schwimmbadbesuche für die Helfer.

Diese können es derweil kaum erwarten, endlich eingesetzt zu werden. Was genau ihre Aufgabe im Krisengebiet sein wird, weiß noch niemand. „Wahrscheinlich aufräumen, Personensuche und technische Hilfeleistungen“, vermuten sie. Die meisten von ihnen sind erfahrene Rettungskräfte und haben schon so manches gesehen. Wie Uwe Marten aus Damp. Der Einsatz wird einer der letzten des 67-jährigen Feuerwehrmannes sein und „weicht schon von der Norm ab“. Als Küstenbewohner kennt er sich mit Hochwasser aus, hat aber so etwas „in der Größenordnung hier nicht erwartet“. Auch Sabine Hopp vom DRK Kaltenkirchen ist bereits seit 39 Jahren als ehrenamtliche Rettungskraft aktiv und hofft nicht nur, mit den Einheimischen in Windhagen in Kontakt zu kommen, sondern auch bald die Kollegen in Ahrweiler tatkräftig unterstützen zu können: „Wir wären am liebsten gleich los, dafür sind wir ja da.“ Doch erst einmal muss mit vereinten Kräften das Mensazelt aufgebaut werden.

„Wir sind Feuerwehrmänner, wir sind schlimme Dinge gewohnt“, bringt es André Eichert, stellvertretender Leiter des Löschzugs Gefahrgut Kreis Dithmarschen, auf den Punkt. Doch anhand der Bilder aus den betroffenen Gebieten sind sich die Helfer einig: „So etwas in diesem Ausmaß hat es in Deutschland oder sogar Westeuropa noch nicht gegeben.“ Deshalb sind auch gleich elf Personen von der psychosozialen Notfallversorgung für Einsatznachsorgegespräche mit angereist. Bei der Lagebesprechung ermuntert Guttchen die Helfer, von diesem Service Gebrauch zu machen: „Es geht nicht darum, Schwäche zu zeigen, sondern dass wir alle gesund bleiben. Achtet auf eure Kameraden.“ Was die Helfer bei ihrem Einsatz vorfinden, weiß niemand, und noch immer gibt es Vermisste.

Mindestens 72 Stunden und maximal fünf Tage sollten die 710 Helfer aus Schleswig-Holstein in Windhagen stationiert sein. Nun wurden die Zelte nach weniger als 24 Stunden wieder abgebaut. Zurück bleiben Respekt und Hochachtung für die Rettungskräfte und den Organisationsstab. Sowie ein frisch gemähter Rasen vor dem Forum.

[Update: Mittwoch, 23.09 Uhr] Erneute Kehrwende am späten Mittwochabend: Da es am Nürburgring offenbar doch nicht ausreichend Schlafplätze gibt, kehren die Helfer aus Schleswig-Holstein noch in der Nacht wieder zurück nach Windhagen. Dort muss das Helferdorf kurzfristig ein zweites Mal aufgebaut werden.

Von unserer Mitarbeiterin Sandra Fischer

Hunderte Helfer sind in der Landesschule für Blinde und Sehbehinderte untergebracht

Die Einrichtungen der Landesschule für Blinde und Sehbehinderte in Neuwied-Feldkirchen sind seit zwei Tagen fest in bayerischer Hand: Fast 400 Helfer des Deutschen Roten Kreuzes, die zur Unterstützung im Ahrtal eingesetzt sind, haben hier nicht nur ihre Zelte aufgeschlagen, sie übernachten auch hier. Für die 150-köpfige gruppe aus Mittelfranken dient Feldkirchen als Standortkontingent, dazu kommen 60 DRK-Helfer aus der Oberpfalz und 160 Ehrenamtler aus Oberfranken. Die Bayern sind in acht Ortschaften eingesetzt, sorgen für den Sanitätsdienst und versorgen 5000 Bewohner mit Verpflegung. jn