Archivierter Artikel vom 29.10.2021, 16:09 Uhr
Dierdorf/Ahrtal

Flut-Wiki liefert Antworten für Betroffene: Dierdorferin als Initiatorin

Die Informationsplattform richtet sich an Opfer und Helfer der Flutkatastrophe. Ständig tauscht sich das Team aus. Das Ziel ist, keinen emotionalen Zusatzballast aufzubauen.

Von Lars Tenorth
Monika Benedikt (links) und die Dierdorferin Ruth Ehrenstein recherchieren ständig Informationen für Flut-Wiki und publizieren diese.  Foto: Lars Tenorth
Monika Benedikt (links) und die Dierdorferin Ruth Ehrenstein recherchieren ständig Informationen für Flut-Wiki und publizieren diese.
Foto: Lars Tenorth

Chaos und Durcheinander: Die Dierdorferin Ruth Ehrenstein erinnert sich, wie Menschen nach der Flutkatastrophe im Ahrtal und in der Eifel im Juli verzweifelt nach Informationen zur Lage gesucht haben. „So schnell, wie nach der Flut Fragen und Antworten erschienen, kam ich schon nach zwei Tagen nicht mehr mit“, berichtet die Diplompädagogin. Schnell dachte sie sich: „Da muss ich etwas machen.“ Nach einer Woche hat sie angefangen mit dem Flut-Wiki, das als allgemeine Informationsplattform dienen soll.

Auf der Startseite von Flut-Wiki finden Nutzer direkt Kategorien wie „Betroffene Orte“ oder auch „Hilfe & Beratung“.  Bildschirmaufnahme: Lars Tenorth
Auf der Startseite von Flut-Wiki finden Nutzer direkt Kategorien wie „Betroffene Orte“ oder auch „Hilfe & Beratung“. Bildschirmaufnahme: Lars Tenorth

Nach und nach fand sie Mitstreiter. Ein Team von Freiwilligen arbeitet fortwährend daran, die Fülle der aufkommenden Nachrichten aus den Hochwassergebieten zeitnah zu sammeln, zu strukturieren und verfügbar zu machen. „Wir sind kein Kleinanzeigenportal, sondern ein Wegweiser“, erklärt Monika Benedikt, eine Helferin, die beruflich bei der Agentur für Arbeit tätig ist. Der feste Teil des Teams besteht es rund 15 Leuten, sagt Ehrenstein. Zum inneren Kreis zählen neben Ehrenstein und Benedikt Jorka Andrew Schweitzer, Johanna Müller und auch Michael Ruck, der das Team beispielsweise mit seinen Informatikkenntnissen unterstützt und half, die Plattform übersichtlich anzupassen.

Auf Handynutzer ausgerichtet

Auf der Startseite von Flut-Wiki zeigt sich direkt, für wen diese Informationsplattform genau konzipiert wurde: für Betroffene und Helfer der Flutkatastrophe. Nutzer finden die Informationen gegliedert in Unterkategorien wie „Nothilfe & Wiederaufbau“, „Unterkunft & Verpflegung“ oder auch „Hilfe & Beratung“. Beim Klick auf diese Kategorien öffnet sich das Fenster, das die verschiedenen Unterpunkte alphabetisch sortiert. Bei der Kategorie Beratung sind etwa unter „A“ die Agentur für Arbeit und Ansprüche für Hochwassergeschädigte aufgelistet. Das Flut-Wiki-Team wollte die Plattform möglichst übersichtlich gestalten, auch für Handynutzer: „90 Prozent der Nutzer sind mobile Nutzer“, sagt Ehrenstein. Bei den häufigsten Suchbegriffen arbeitet das Team auch Querverweise und Synonyme ein: „Wenn das Wort Auto eingegeben wird, wird auch nach Pkw gesucht“, erläutert es Ehrenstein anhand eines Beispiels.

Häufig möchten sich Nutzer etwa über die Soforthilfe oder Spendenstellen informieren. Besonders zwei Artikel wurden sehr häufig geklickt: „Übernachtungsmöglichkeiten für Helfer:innen“ und „Ausgabestelle/Spendenlager“, beide wurden je deutlich mehr als 3000 Mal aufgerufen, die Statistik wird anonymisiert erhoben. Auch zu den einzelnen von der Flutkatastrophe betroffenen Orten gibt es eigene Seiten. Wichtig ist es Monika Benedikt: „Die Infos werden immer geprüft.“ Stichprobenartig werde auch immer wieder kontrolliert. Teilweise wird unter anderem auch auf Behördenseiten verwiesen, die ihre Informationen aktuell halten. Sehr selten sei es bislang passiert, dass Infos nicht stimmten. Nach Hinweisen aktualisiert das Team dann veraltete Infos.

Viel Arbeit steckt hinter der Plattform

Für das Team und insbesondere auch Ruth Ehrenstein steckt deshalb viel Arbeit hinter der Informationsplattform. In der ersten Zeit, wie Ehrenstein erzählt, als sie Urlaub hatte, befasste sie sich in Vollzeit mit Flut-Wiki. Auch heute investiert sie viel in die Plattform, wobei es ganz unterschiedlich sein kann: „Manchmal sind es sieben bis acht Stunden am Tag, manchmal auch nur 15 Minuten.“ Ständig gilt es, etwas auf dem neuesten Stand zu halten. Regelmäßig hält das Team deshalb auch digitale Sitzungen ab und tauscht auch ansonsten viel untereinander aus: „Der Zusammenhalt ist groß, die Kommunikation erfolgt auch mal nachts“, sagt Ehrenstein.

Das Zusammenwirken klappe gut. Nur sieht Ehrenstein weiteren Bedarf an Helfern: „Wir suchen ständig neue Leute, die uns unterstützen.“ Viele, die ziemlich früh eingestiegen sind, engagieren sich immer noch. Einzelne waren aber auch nur zwei bis drei Wochen dabei, erläutert Ehrenstein. Die verschiedenen Helfer haben ihre eigenen Schwerpunkte. So kümmert sich Monika Benedikt zum Beispiel um das Bespielen der sozialen Netzwerke wie Facebook oder Instagram mit wichtigen Flut-Wiki-Inhalten. Dazu gibt es auch viele Informationslieferanten direkt im betroffenen Gebiet – etwa eine rund 70-jährige Frau. Neben den Informationen direkt vor Ort durchforsten die Helfer vor allem Facebook-Gruppen.

Seriösität steht im Vordergrund

Eins steht immer im Vordergrund: „Wir wollen keine politische Richtung auf Wiki sehen. Es soll ein sicherer Ort sein, der neutral Fakten darstellt“, erklärt Ehrenstein. Sie ergänzt: „Der Wiki soll Antworten liefern und keinen emotionalen Zusatzballast aufbauen.“ Deshalb werden auch die Hintergründe aller Helfer kurz gecheckt, damit sie die Plattform nicht für andere Zwecke missbrauchen. Und nur das Team kann Beiträge verändern, hat dafür die notwendigen Zugriffsrechte – im Gegensatz zum Onlinelexikon Wikipedia, wo jeder Beiträge bearbeiten kann. Damit soll auch die Seriosität auf Flut-Wiki gewährleistet werden.

Mehr als 3500 Arbeitsstunden stecken schon in Flut-Wiki. Auch sammelt das Team derzeit Advents-, Nikolaus- und Weihnachtsaktionen für Betroffene und auch Helfer auf der Flut-Wiki-Unterseite „Weihnachten“ und kündigt die Veranstaltungen dort an. Es wird lang nicht der letzte neue Artikel auf der Informationsplattform bleiben: „Wir wollen Flut-Wiki so lang betreiben, bis der letzte Ort gesagt hat: 'Wir sind fertig mit dem Wiederaufbau'“, sagt Ehrenstein.

Weitere Helfer gesucht

Ruth Ehrenstein und ihr Team aus ganz Deutschland suchen weitere Helfer, insbesondere Autoren. Wer Interesse hat, kann sich per E-Mail an zusammen@flut-wiki.de wenden. Das Konzept der Plattform Flut-Wiki, die im Internet unter www.flut-wiki.de aufgerufen werden kann, soll laut der Dierdorferin Ehrenstein als Blaupause zur Verfügung gestellt werden. Die erarbeitete Struktur soll somit auch anderen Gebieten im Katastrophenfall nützen.

Von unserem Redakteur Lars Tenorth