Kreis Neuwied

Ein Dach über dem Kopf – und etwas Seelenpflege: An Rhein und Wied werden obdachlos gewordene Flutopfer untergebracht

Zahlreiche Menschen haben bei der Flutkatastrophe im Ahrtal ihr Zuhause verloren. Häuser sind teils von der brachialen Kraft der Wasser-, Schlamm- und Geröllmassen weggerissen oder zumindest so stark beschädigt worden, dass deren Bewohner obdachlos sind. Etliche der Betroffenen haben inzwischen im Kreis Neuwied ein vorläufiges Dach über dem Kopf gefunden.

Von hrö/ys/san/rgr
Im Lebenshilfehaus in Sinzig spielte sich ein unfassbares Drama ab – zwölf Bewohner starben, als das Wasser in der Nacht zum Donnerstag kam. Inzwischen wurden einige der Überlebenden von der Heinrich-Haus gGmbH aufgenommen.
Im Lebenshilfehaus in Sinzig spielte sich ein unfassbares Drama ab – zwölf Bewohner starben, als das Wasser in der Nacht zum Donnerstag kam. Inzwischen wurden einige der Überlebenden von der Heinrich-Haus gGmbH aufgenommen.
Foto: picture alliance/dpa

In der Nacht von Freitag auf Samstag erreichten etwa 100 Menschen aus dem Ahrteil die Stadt Neuwied. „Das lief noch relativ chaotisch, Busse mit älteren Leuten im Alter von 70 Jahren aufwärts kamen an und mussten dann irgendwie auf die Unterkünfte verteilt werden“, berichtet Landrat Achim Hallerbach im RZ-Gespräch. Die Busse stellte laut Verwaltungschef das Verkehrsunternehmen Zickenheiner zur Verfügung.

Als Erfolg erwies sich dabei der Aufruf der Neuwieder Kreisverwaltung, es möge sich bitte jeder melden, der Unterkünfte für die Flutopfer aus dem Nachbarkreis anbieten kann. Unter dem Titel „Flutopferhilfe Kreis Neuwied“ konnten sich alle mit Übernachtungskapazitäten per E-Mail melden. Wie der Landrat weiter informiert, sind in kurzer Zeit zahlreiche Angebote eingegangen. Diese kamen sowohl von Hotels, Pensionen und sonstigen Gastbetrieben als auch von einer großen Zahl an Privatpersonen und sogar Bildungseinrichtungen. „Wir haben alle Angebote auf einer langen Liste zusammengefasst und diese den Verantwortlichen im Kreis Ahrweiler übergeben“, sagt der Landrat. Allerdings sind bislang keine weiteren Anfragen aus dem Katastrophengebiet wegen dringend benötigter Unterkünfte mehr eingegangen, weiß er.

Davon abgesehen gab es aber auch auf dem „kleinen Dienstweg“, also ohne Einbindung des Kreises, Hilfsangebote von Einrichtungen im Kreis Neuwied. So berichtet Hallerbach davon, dass die Marienhaus GmbH mit Sitz in Waldbreitbach Senioren aus ihrer Betreuungseinrichtung in Bad Neuenahr-Ahrweiler kurzerhand im Seniorenheim in Neustadt untergebracht hat. „Die Transporte hat das Marienhaus selbst organisiert“, sagt der Landrat.

Die Heinrich-Haus gGmbH in Engers hat derweil einige Menschen aus dem Lebenshilfehaus für behinderte Menschen in Sinzig aufgenommen. „Wir freuen uns, dass wir den Betroffenen helfen können“, sagt Sprecherin Julia Steffenfauseweh. „Wir haben räumliche Kapazitäten, das ist kein Problem.“ Für Details, wie viele Menschen dort untergekommen sind und wie kurz- oder langfristig die Hilfe ausgerichtet ist, verwies sie auf die Lebenshilfe im Kreis Ahrweiler. Deren Sprecher war jedoch am Montag nicht zu erreichen. Zwölf Bewohner in dem Haus in Sinzig waren nach Angaben der Lebenshilfe in der Nacht auf Donnerstag von den extrem schnell ansteigenden Fluten der Ahr im Erdgeschoss überrascht worden und ertrunken. 36 Menschen lebten insgesamt in dem Haus, das als Lebenshilfehaus saniert oder neu wieder aufgebaut werden soll – so der Betreiber in einer Mitteilung.

Spontane Hilfe für die Flutopfer wurde auch in Unkel organisiert: „Am Donnerstag, als die Katastrophe ihren Lauf nahm, hatten wir unsere Kreisvorstandssitzung“, erzählt Wolfgang von Keitz, Vorsitzender der CDU in Unkel. Während der Sitzung erreichte die Christdemokraten die Nachricht von Landrat Achim Hallerbach, dass dringend Übernachtungsmöglichkeiten für Flutopfer gesucht werden. „Ich habe dann sofort beim Rheinhotel Schulz angerufen“, berichtet von Keitz. „Wenn jemand größere Kapazitäten hat, dann die“, war dem Lokalpolitiker gleich klar.

Tatsächlich sicherte das Hotel sofort 20 Zimmer zu. Mitten in der Nacht, etwa um 3.30 Uhr, kamen die Flutopfer am Hotel an. Per Bus wurden sie aus dem Kreis Ahrweiler nach Unkel gebracht. Im Rheinhotel versorgte man sie mit allem Nötigen, berichtet Restaurantleiter Leonard Kubartz. Neben Essen, Trinken und einem Dach über dem Kopf steht auch seelsorgerische Unterstützung bereit. Anfangs waren es 24 Menschen, die im Rheinhotel unterkamen. „Aber es werden jeden Tag weniger“, sagt Kulbartz. Einige Betroffene haben inzwischen eine andere Bleibe gefunden, sind etwa bei Verwandten untergekommen.

Als mögliche längerfristige Lösung zur Unterbringung steht derweil das ehemalige Dormero-Hotel in Windhagen zur Diskussion. Allerdings müsse, wie Windhagens Ortsbürgermeister Martin Buchholz erläutert, zunächst der Wasserschaden, der dem Gebäude im Winter arg zugesetzt hatte, behoben werden: „Leitungen müssen repariert und anschließend durchgespült werden.“ Diese Arbeiten dauern voraussichtlich etwa zwei Wochen. Das ehemalige Hotel soll dann, so lautet die Absprache mit dem Landrat, für Menschen zur Verfügung stehen, die langfristig nicht nach Hause zurückkehren können. Die spanische Eigentümerfamilie habe bereits Kooperationsbereitschaft zugesichert.

Das Engagement von Hotelbetreibern bewertet Hallerbach aus einem Grund besonders hoch: „Für sie ist es gar nicht so einfach, da sie nicht wissen, wie lange die obdachlosen Menschen eine Unterkunft benötigen.“ Aktuell sind laut Landrat mehrere Mitarbeiter der Kreisverwaltung damit beschäftigt, weitere Unterkunftsmöglichkeiten für obdachlos gewordene Menschen zu organisieren. „Zum einen kommen immer noch neue Menschen nach, zum anderen sind die Hotelzimmer, die vor allem in der ersten und zweiten Nacht eilig belegt worden sind, teilweise nicht mehr länger verfügbar.“ Hallerbach bittet insgesamt um Verständnis, dass es dauern kann, ehe die Hilfsanbieter eine Rückmeldung bekommen.

hrö/ys/san/rgr

Ahrweilerer werden in Oberhonnefeld geimpft

Aufgrund der Flutkatastrophe ist das Landesimpfzentrum im Kreis Ahrweiler, in Grafschaft-Gelsdorf gelegen, dauerhaft nicht mehr betriebsfähig, teilte eine Kreissprecherin am Sonntag mit. Zu den Impfzentren, auf die Menschen aus dem Kreis Ahrweiler mit einem Impftermin ausweichen können, zählt auch das in Oberhonnefeld. Wie die RZ vom Neuwieder Landrat Achim Hallerbach erfuhr, haben die Verantwortlichen des dortigen Impfzentrums inzwischen Zugriff auf die Impftermine im Kreis Ahrweiler. Mehr noch: „Am Montag sind die ersten mehr als 50 Bürger aus dem von der Katastrophe betroffenen Nachbarkreis zur Impfung in Oberhonnefeld gewesen“, berichtet Hallerbach. rgr

Leutesdorfer arbeitet im Krisenstab mit

Im großen Krisenstab des Landes Rheinland-Pfalz wirkt auch ein Leutesdorfer mit. Matthias Lemgen ist als Vertreter der Landesfeuerwehrschule in die Arbeit des Stabes mit eingebunden, berichtete Landrat Achim Hallerbach. Davon abgesehen habe auch Tim Wessel als Presseverantwortlicher der Technischen Einsatzleitung für den Kreis Neuwied auch ohne offiziellen Auftrag viel Pressearbeit mit nationalen und internationalen Medien im Katastrophengebiet geleistet. Die Technische Einsatzleitung ist laut Landrat Achim Hallerbach derzeit in Bad Neuenahr stationiert, wo sie Einsätze in einem zugewiesenen Gebiet koordiniert. rgr

Bad Hönningen hilft Hönningen an der Ahr

Schwer vom verheerenden Hochwasser betroffen ist auch die Gemeinde Hönningen (Verbandsgemeinde Altenahr). Daher möchte die Stadt Bad Hönningen ihrer Schwestergemeinde helfen und bittet um Spenden. Hönningens Ortsbürgermeister Jürgen Schwarzmann zeigte sich hoch erfreut und schrieb: „Vielen Dank für die tolle Idee und die Unterstützung.“ Die Spenden können unter dem Stichwort „Hochwasserhilfe Hönningen/Ahr“ auf die Konten der Verbandsgemeinde Bad Hönningen eingezahlt werden (Sparkasse Neuwied; IBAN DE31 5745 0120 0006 0020 00; VR-Bank Neuwied-Linz eG; IBAN DE57 5746 0117 0005 2005 03). Zudem werden „3 Nejer und en Bunn“ am Samstag, 24. Juli, ab 18 auf dem Rathausvorplatz in Bad Hönningen ein Benefizkonzert geben.

VG sammelt Spenden für den Wiederaufbau

Mit einer Spendenaktion durch die Bevölkerung, angestoßen durch die Verbandsgemeinde, sowie Kooperations- und Unterstützungsangebote will die Region Linz den Opfern der Katastrophe auf der anderen Rheinseite helfen. Die VG hat unter dem Motto „Nachbarn helfen Nachbarn“ ein Konto eingerichtet, „um dieses Geld dann an die Stelle im Kreis Ahrweiler weiterzugeben, die am besten weiß, wo die Not am größten ist“, wie Bürgermeister Hans-Günter Fischer sagt (VR Bank Rhein-Mosel; IBAN: DE89 5746 0117 0505 5040 05). Zusätzlich will die Verbandsgemeinde auch logistische Unterstützung anbieten. „Dabei kann es darum gehen, unsere Kompetenz im Abwasser-Bereich zur Verfügung zu stellen und so konkret zu helfen.“ Ebenso werde „eine Kooperation mit unseren Grundschulen angestrebt“. Fischer bittet die Bürger, durch ihre Spende einen „konkreten Beitrag zum Wiederaufbau“ zu leisten .

Pokal-Preisgelder doppelt gespendet

Nach der Absage des Deichstadtpokals hat die Sparkasse Neuwied die eigentlich vorgesehenen Preisgelder verdoppelt und den Flutopfern gespendet, teilte Sparkassen-Vorstand Dr. Hermann-Josef Richard im Rahmen der Absageabsprache mit. Neuwieds Bürgermeister Peter Jung blickte in die Zukunft: „Wir planen, zu einem späteren Zeitpunkt ein Benefizspiel für die Flutopfer auszutragen.“

Die zentrale E-Mail-Adresse der Kreisverwaltung Neuwied für Hilfsangebote (bitte Art des Angebots schon in Betreffzeile formulieren, zum Beispiel „Unterkunftsmöglichkeit/„Praktische Hilfe vor Ort“/„Sonstiges“) lautet flutopferhilfe@kreis-neuwied.de