Archivierter Artikel vom 17.07.2021, 06:00 Uhr
Kreis Neuwied/Ahrweiler

„Das ist wie im Krieg“: Einsatzkräfte aus dem Kreis Neuwied schildern, was sie an der Ahr erlebt haben – Kreis bringt Obdachlose unter

Während im Ahrtal am Freitag weitere Flutopfer tot geborgen werden, sind inzwischen die ersten Einsatzkräfte aus dem Kreis Neuwied wieder aus dem Katastrophengebiet zurückgekehrt. Sie berichten übereinstimmend von einer nie da gewesenen Ausnahmesituation.

Von Yvonne Stock/Tim Kosmetschke

Hilfe für die Kameraden an der Ahr: Aus dem Kreis Neuwied rückten etliche Feuerwehrleute ins Krisengebiet im Kreis Ahrweiler aus.

Tim Wessel/Landkreis Neuwied

Hilfe für die Kameraden an der Ahr: Aus dem Kreis Neuwied rückten etliche Feuerwehrleute ins Krisengebiet im Kreis Ahrweiler aus.

Tim Wessel/Landkreis Neuwied

Hilfe für die Kameraden an der Ahr: Aus dem Kreis Neuwied rückten etliche Feuerwehrleute ins Krisengebiet im Kreis Ahrweiler aus.

Tim Wessel/Landkreis Neuwied

Hilfe für die Kameraden an der Ahr: Aus dem Kreis Neuwied rückten etliche Feuerwehrleute ins Krisengebiet im Kreis Ahrweiler aus.

Tim Wessel/Landkreis Neuwied

Hilfe für die Kameraden an der Ahr: Aus dem Kreis Neuwied rückten etliche Feuerwehrleute ins Krisengebiet im Kreis Ahrweiler aus.

Tim Wessel/Landkreis Neuwied

Hilfe für die Kameraden an der Ahr: Aus dem Kreis Neuwied rückten etliche Feuerwehrleute ins Krisengebiet im Kreis Ahrweiler aus.

Tim Wessel/Landkreis Neuwied

Hilfe für die Kameraden an der Ahr: Aus dem Kreis Neuwied rückten etliche Feuerwehrleute ins Krisengebiet im Kreis Ahrweiler aus.

Tim Wessel/Landkreis Neuwied

Hilfe für die Kameraden an der Ahr: Aus dem Kreis Neuwied rückten etliche Feuerwehrleute ins Krisengebiet im Kreis Ahrweiler aus.

Tim Wessel/Landkreis Neuwied

Hilfe für die Kameraden an der Ahr: Aus dem Kreis Neuwied rückten etliche Feuerwehrleute ins Krisengebiet im Kreis Ahrweiler aus.

Tim Wessel/Landkreis Neuwied

Hilfe für die Kameraden an der Ahr: Aus dem Kreis Neuwied rückten etliche Feuerwehrleute ins Krisengebiet im Kreis Ahrweiler aus.

Tim Wessel/Landkreis Neuwied

„Es sieht katastrophal aus“, sagt Ralf Wester, Wehrleiter in der Verbandsgemeinde Unkel. „Ich kenne das 93er-Hochwasser am Rhein, das war schon heftig bei uns, aber so etwas habe ich noch nicht gesehen.“ Er war direkt in der ersten Nacht an der Ahr im Einsatz. Aber dort, wo sie hinsollten, sind sie gar nicht hingekommen, weil die Straßen überflutet oder eingestürzt waren. In der Nacht haben sie nach Tipps von Anwohnern noch versucht, mit kleinen Fahrzeugen durch die Weinberge zu ihrem geplanten Einsatzort zu gelangen, damit nicht gleich zehn Großfahrzeuge feststeckten. „Aber bis wir oben waren, waren auf dem Weg auch schon wieder ein Meter Wasser, das ging rasend schnell“, erinnert sich Wester. Frustrierend war das für den einen oder anderen Freiwilligen, nicht dort anzukommen, wo sie helfen sollten. Geführt von einer ortsansässigen Wehr sind Wester und seine Kameraden dann am Morgen endlich durchgekommen. Eine Stunde haben sie gebraucht von der einen auf die andere Ahrseite.

Wester vergleicht den Anblick, der sich ihm bot, mit einem Dritte-Welt-Land, das man nur aus dem Fernsehen kennt. „Da ist nichts mehr.“ Wo fängt man dann an? „Da, wo die Not am größten ist“, sagt Wester. Fitte, junge Leute im ersten Stock, die nur keinen Strom haben, können noch ein bisschen durchhalten, wenn auch ein Seniorenheim betroffen ist. „Es gibt Leute, denen muss direkt geholfen werden.“ Obwohl schon die Helfer kaum durchkamen, trafen sie auch Menschen, die sie fragten: „Wie komme ich denn jetzt auf die andere Seite?“

Ob der schieren Menge an Aufgaben haben sich Wester und seine Kameraden schon manchmal gefragt, wie lange es denn dauert, bis Unterstützung kommt, erzählt er. Aber natürlich kann der Wehrleiter, der seit 36 Jahren bei der Feuerwehr ist, verstehen, dass das in dieser Ausnahmesituation eben seine Zeit dauert. Was er an Kräften entbehren kann, hat Ralf Wester abgestellt. Aber er muss auch an die Einsatzbereitschaft in der VG Unkel denken. „Für jüngere Kameraden ist es manchmal schwer verständlich, wenn es heißt: ,Ihr könnte jetzt nicht mit rausfahren.‘“ Aber bei solch einem Katastropheneinsatz ist als Erfahrung unabdingbar.

Mit Ingo Lehmann, Krisenmanager des DRK-Kreisverbandes Neuwied, gibt es einen weiteren Verantwortlichen im Kreis Neuwied, der erste Erfahrungen mit dem Katastropheneinsatz gemacht hat. Er koordiniert zahlreiche Helfer im Kreis Ahrweiler. „Am Mittwochmittag sind der DRK-Kreisverband Neuwied und auch die hiesigen Malteser zur Amtshilfe alarmiert worden“, berichtet er. Etwa 150 Einsatzkräfte sind abwechselnd auf der anderen Rheinseite im Einsatz, schätzt er. Sie sind der dortigen technischen Einsatzleitung unterstellt und helfen etwa in den Betreuungsstellen, aber auch bei Rettungs- und Evakuierungseinsätzen. „Es werden immer noch Leute gefunden, die medizinisch versorgt werden müssen“, sagt Lehmann.

Ein ganz großes Problem ist die zusammengebrochene Infrastruktur, berichtet er. Kaum Handyempfang, kein Strom, kein Wasser, nur noch wenige Straßen. Eine Stunde Fußweg haben die Neuwieder DRK-Mitglieder am Mittwoch auf sich genommen, um ein von der Außenwelt abgeschnittenes Seniorenheim zu erreichen und zu evakuieren, erzählt der Krisenmanager. Und weil sie es dann nicht über das Herz gebracht haben, die Senioren sich selbst zu überlassen, haben sie dort die Nacht verbracht. Lehmanns Aufgabe war dann, schnell für Feldbetten und Proviant zu sorgen – eine vor allem logistische Herausforderung. „So etwas hat in der Größenordnung noch keiner erlebt“, sagt Lehmann, dessen letzter Großeinsatz bei dem Loveparade-Unglück in Duisburg war.

Ganz wichtig ist ihm für seine Helfer eine psychosoziale Notversorgung anzubieten. „Die haben in der Nacht ganz schauerliche Geschichten erzählt, wo sich schon vom Zuhören die Nackenhaare gesträubt haben“, erzählt Lehmann. Besonders die vielen Toten machen den Helfern zu schaffen. „Das ist wie im Krieg. Was wir hier im Hintergrund machen, ein bisschen telefonieren und uns die Nächte um die Ohren schlagen, ist nichts dagegen.“

Solche Schilderungen hat auch Landrat Achim Hallerbach in den vergangenen Tagen zuhauf gehört – und sie machen ihn tief betroffen: „Es ist heftig, fernab von allem, was vielleicht als alltägliches Einsatzgeschehen gilt. Und dann geht es bei uns natürlich auch sofort um die Fürsorgepflicht gegenüber unseren Feuerwehrleuten und sonstigen Einsatzkräften. Es wird eine Menge Kraft und auch Arbeit notwendig sein, diese Bilder und Eindrücke zu verarbeiten. Dabei müssen wir den Leuten helfen.“ Ein solches Katastrophengeschehen direkt vor der Haustür, kaum 20 Kilometer Luftlinie vom Kreis Neuwied entfernt: „Es hätte auch genauso gut uns treffen können“, sagt Hallerbach nachdenklich.

Entsprechend hat der Kreis Neuwied selbstverständlich umgehend Amtshilfe angeboten, Hallerbach hat den direkten Kontakt zu seinem Amtskollegen Jürgen Pföhler gesucht und unter anderem angeboten, dass die Neuwieder etwaige Verwaltungsaufgaben für die Ahrweiler-Kollegen mit übernehmen können, wenn dies gewünscht ist und in der derzeitigen Lage hilft. Unter anderem haben die Mitarbeiter des Impfzentrums (IZ) Oberhonnefeld ihren Kollegen im derzeit geschlossenen IZ des Kreises Ahrweiler angeboten, ab Montag die dort terminierten Impfungen zu übernehmen. Ob es dazu kommt, stand am Freitag noch nicht fest.

Schwerpunkt der aktuellen Hilfsmaßnahmen seitens des Kreises ist allerdings die Unterbringung von obdachlos gewordenen Opfern der Jahrhundertflut. „Wir haben bereits am Donnerstagabend die ersten 100 vor allem älteren Personen aufgenommen – sie wurden per Bus abgeholt und auf Hotels, Pensionen, teils Privatunterkünfte von Neuwied bis Unkel verteilt“, schildert Hallerbach und spricht von Menschen, die buchstäblich nichts mehr in Händen hatten. Weitere Aktionen dieser Art werden in der Kreisverwaltung gesteuert und vorbereitet – denn es sind noch viele Menschen im Nachbarkreis ohne Dach über dem Kopf.

Von unseren Redakteuren Yvonne Stock und Tim Kosmetschke