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Archivierter Artikel vom 21.10.2017, 05:00 Uhr
Cochem

Was Einkaufszettel über eine Beziehung sagen: Wigald Boning im Interview

Mit seinem Vortrag „Butter, Brot und Läusespray – was Einkaufszettel über uns verraten“ kommt der Musiker und Comedian Wigald Boning (50) am Mittwoch, 25. Oktober, ins Cochemer Kulturzentrum Kapzuinerkloster. Mit der RZ sprach er vorab darüber, warum manche Einkaufszettel viel über den Zustand einer Beziehung verraten und warum sich Improvisation in seiner Karriere immer wieder durchsetzt. Karten für den Vortrag in Cochem gibt es für 24,50 Euro (ermäßigt: 23,50 Euro) in der Cochemer Buchhandlung Layaa-Laulhé, Oberbachstraße 9, sowie in der Tourist-Information des Ferienlandes Cochem oder auch per Internet unter www.stadtcochem.de

Clever und smart: Wigald Boning ist nächsten Mittwoch zu Gast im Cochemer Kapuzinerkloster. Das Publikum kann sich auf eine Reihe kluger und komischer Geschichten freuen.
Clever und smart: Wigald Boning ist nächsten Mittwoch zu Gast im Cochemer Kapuzinerkloster. Das Publikum kann sich auf eine Reihe kluger und komischer Geschichten freuen.
Foto: Stefan Menne

Ihr Vortrag, mit dem Sie nach Cochem kommen, trägt den Titel „Butter, Brot und Läusespray – was Einkaufszettel über uns verraten“. Wie kommt es zu diesem eher ungewöhnlichen Titel?

Ich sammle Einkaufszettel seit dem Jahr 1999 und habe mittlerweile mehr als 1700 Stück. Und im Laufe der Jahre habe ich immer mehr Zettel gefunden, bei denen es sich lohnte, zu überlegen, wer könnte den geschrieben und warum und was soll diese Kombination dessen, was dort auf dem Zettel steht. Man kann viel über den Autor erfahren, nicht nur durch das, was er dort notiert hat, sondern auch dadurch, wie er es notiert hat.

Wie meinen Sie das?

Anhand der Handschrift zum Beispiel. Ich bin über die Jahre zu so einer Art Hobby-Spezialist für Handschriftendeutung geworden. Aber auch, auf welchem Papier der Zettel geschrieben ist, sagt etwas aus. Die Einkäufe können beispielsweise auf einem Ausriss aus einer ganz bestimmten Zeitschrift notiert sein. All das zusammen ergibt einen ganz spannenden Profiling-Zeitvertreib.

Wie kommt man denn auf dieses Hobby?

Als ich 1999 frisch aufs Land gezogen war, fiel das einfach in eine Schlechtwetterperiode. Um die Zeit totzuschlagen, fuhr ich gerne nachmittags in den Supermarkt. Dort habe ich mich mit dem Marktleiter angefreundet, und wir sprachen über alle möglichen Aspekte des Einzelhandels, unter anderem über Einkaufszettel. So fing das Ganze an. Und dieser Marktleiter hat mir auch meine ersten zehn Zettel aus dem Altpapier gesammelt und sie mir überreicht. Er hat also den Grundstock für meine Sammlung gelegt.

Zu dem Thema Einkaufszettelinterpretation kann man ad hoc wahrscheinlich keinen Experten zurate ziehen. Also wie gehen Sie dabei vor, katalogisieren Sie die Zettel?

Ja, über die Jahre hinweg habe ich die streng katalogisiert und mich zum Beispiel per Facebook mit Menschen ausgetauscht, die auch Einkaufszettel sammeln. Gemeinsam mit ihnen habe ich überlegt, was der Hintergrund des jeweils Notierten sein könnte. Mittlerweile stehen aber auch viele Tüten mit Einkaufszetteln unsortiert bei mir herum. Ich müsste mir im Grunde zwei Wochen freinehmen, um da mal wieder Ordnung zu schaffen. Das ist das Los eines Sammlers.

Was es so alles gibt. Wahrscheinlich kann man bei einem Einkaufszettel sehr schnell erkennen, ob ihn eine Frau oder ein Mann verfasst hat.

Ja, das erkennt man meist schon an der Handschrift.

Aber was lässt sich anhand der Notizen selbst ablesen, also wenn jemand zum Beispiel Unkrautvernichter und Lebensmittel nebeneinander notiert hat?

Unkrautvernichter deutet schon mal darauf hin, dass jemand rigoros durchgreift – und ein Gartenfreund ist. Wenn jemand seine Medikamente notiert, kann man auch Rückschlüsse auf den Gesundheitszustand des Verfassers wagen. Das ist relativ häufig der Fall.

Werden Einkaufszettel mehrheitlich von Frauen geschrieben?

Ja. Mehr als 50 Prozent aller Einkaufszettel werden Frauen geschrieben, oft für sich selbst. Allerdings werden auch sehr viele Zettel von Frauen für Männer geschrieben. Den umgekehrten Fall, dass ein Mann einen Zettel schreibt, um damit eine Frau zum Einkaufen zu schicken, gibt es nur ganz selten.

Doch was macht die Zettel, die Frauen für Männer schreiben, so besonders?

Diese Zettel, von denen ich einige in meinem Vortrag thematisiere, lassen häufig Rückschlüsse auf den Zustand der jeweiligen Beziehung zu. Da kann man sehen, wie der Hase läuft.

Haben Sie ein Beispiel parat?

Auf einem der Lieblingszettel in meiner Sammlung hat eine Frau für einen Mann notiert: „Drei Mal Bier – mehr nicht. Ausrufezeichen, Ausrufezeichen, Ausrufezeichen. Ich liebe dich für immer, mein Schatz. Kuss.“ Da kann man sich seinen Reim drauf machen … (lacht)

Stimmt. In diesem Fall kommt wohl jeder auf so einige Rückschlüsse. Aber heißt das für Ihre Show in Cochem, die Leute sollten am besten ihre Einkaufszettel mitbringen?

Wenn jemand sonderbar anmutende Zettel mitbringt, lasse ich mich sehr gerne damit beschenken. Das Problem bei einer spontanen Einkaufszettelanalyse während einer Show ist unter anderem, dass man sie so kurzfristig aus technischen Gründen nicht für alle sichtbar machen kann und das ist oft nur der halbe Spaß.

Sie haben eine schillernde Karriere gemacht. Betrachten Sie sich selbst eher als Comedian oder als Musiker?

Ich bin von allem etwas. Mit 15 habe ich mir eigentlich vorgenommen, Musiker zu sein. Aber daraus ist nie so richtig etwas geworden oder nur zeitweise. Doch Musik spielt in meinem Leben trotzdem eine sehr wichtige Rolle – im Grunde fast mehr als das komödiantische Fach. Da ist es mir noch nie so richtig gelungen zu trennen zwischen den ulkigen Bestandteilen des Lebens und den tragischen, melodramatischen. Das halte ich oft auch gar nicht für so sinnvoll. Das Leben ist eben eine Tragikomödie.

Sie besitzen mit „Hobby Musik“ auch ein eigenes Plattenlabel. Was hat es damit auf sich?

Ein lieber Freund, Roberto di Gioia, ist Pianist und Jazzmusiker. Mit ihm gemeinsam habe ich mir vorgenommen, dass wir im Laufe unserer beiden Leben 100 Alben zusammen einspielen. 20 haben wir schon geschafft, aber momentan ist es etwas schwierig, weil wir beide viel zu tun haben. Und zum Zwecke der Veröffentlichung dieser Alben haben wir das Label „Hobby“ gegründet. Nomen est omen, sozusagen. Und das ist dann auch schon meine wesentliche musikalische Aktivität – ein Langzeitprojekt.

Wie viele Instrumente beherrschen Sie?

Ich beherrsche Flöte, Saxofon ganz gut und mit Abstrichen auch Klavier – und dann viele Instrumente, die von mir mal so und mal so eingesetzt werden können.

Heißt?

Bestimmte Stücke kann ich auf vielen Instrumenten spielen, auf manchen reicht es hingegen nur zu einem bloßen Effekt, um es mal so auszudrücken … (lacht) Ich habe zum Beispiel auch schon Waldhorn auf Alben gespielt, aber dann nur, um eine ganz bestimmte Phrase damit zu erzeugen.

Ihre Eltern waren beide Banker, Sie standen schon als Schüler mit einer Punkband namens Kixx auf der Bühne. Haben Ihre Eltern das goutiert und gefördert?

Jein. Also ich hatte zum Beispiel Klavierunterricht als Kind. Aber ich denke, dass sie mit dieser Musik, die ich dann eigenmächtig vertreten habe, nicht so viel anfangen konnten. Doch beide haben das grundsätzlich respektiert. Mich hat niemand dazu aufgefordert, doch einen „anständigen Beruf“ zu erlernen. Das hätte bei mir wohl auch nur trotzige Abwehrreaktionen hervorgerufen, kann ich mir vorstellen. Meine Eltern haben das offensichtlich erkannt und sich gesagt: Okay, der Junge weiß, was er will, dann fahren wir ihm auch mal besser nicht in die Parade.

Ist ja auch eine Form der Förderung, wenn man das erkennt.

Ja, das finde ich tatsächlich. Irgendwann habe ich mal ein Grundsatzgespräch mit meinem Vater geführt. Da habe ich zu ihm gesagt: Du bist ein Freund des eigenverantwortlichen Lebens, und das nehme ich dann auch für mich in Anspruch.

Was hat er entgegnet?

Er hat gesagt: Okay, aber dir ist schon klar, dass ich dich dann nicht finanziell unterstützen kann. Meine Antwort war: Das will ich auch gar nicht. Und dann nahm das Heil oder Unheil seinen Lauf, ganz wie man will (lacht). In meinem Fall ging’s glücklich aus, aber ich bin nicht ganz sicher, ob ich das zur Nachahmung empfehlen kann. Also einer meiner beiden Söhne beruft sich in solchen Fällen immer auf mich. Und ich sage dann nur: Vorsicht, Vorsicht, es gehört auch viel Glück dazu.

Davon hatten Sie offensichtlich welches.

Davon hatte ich welches. Und dann muss man sich aber auch gewisse Scheuklappen anlegen, damit man konsequent seinen Weg verfolgt.

Hatten Sie Ihre ulkige oder humorvolle Ader schon in der Schule?

Nein, überhaupt nicht. Ich finde mich selber auch gar nicht so ulkig oder humorvoll. Ich war eher ein ernsthaft und vielseitig interessierter Schüler. Allerdings hatte ich dann schon als Jugendlicher musikalische Vorbilder wie die US-Jazzmusiker Sun Ra oder Thelonious Monk, die durchaus handfeste Exzentriker waren. Und das war denn eher mein Zugang zur Komik.

Diese Vielfalt findet sich auch in Ihrer Karriere wieder. Über die Comedy hinaus haben Sie zum Beispiel Wissenssendungen wie „Clever“ moderiert.

Ja, ich habe mir gedacht: Wenn man schon mal dabei ist, kann man auch gleich alles Mögliche ausprobieren, damit man später im Altersheim etwas zu erzählen hat. Nur: Hoffentlich kann man sich dann auch noch an alles erinnern … (lacht)

Was hat Ihnen bislang denn am meisten Freude bereitet?

Das ist schwer zu beantworten. „RTL Samstag Nacht“ war eine ganz tolle Zeit. Wenn man so ein riesen Publikum findet, eine ganze Generation mitprägen konnte und etwas machen darf, von dem die Leute meinten, das sei jetzt etwas ganz Neues. Revolutionär ist schließlich jeder gerne mal (lacht). „Clever“ machte ganz viel Spaß, nicht zuletzt weil man an Orte kam, wo der Normalsterbliche eigentlich nichts verloren hat, etwa bei einem Parabelflug oder der Kunstflug-WM – das sind so Drehs, bei denen ich extrem dankbar bin, dass ich das mal erleben durfte. Selbst wenn es zum Teil sehr ungesunde, Übelkeit erzeugende Drehbedingungen waren. Musikalisch hatte ich mit den Doofen viel Spaß, aber auch mit Roberto di Gioia. Der Trick liegt in der Vielseitigkeit. Selbst aus den größten Flops konnte ich lernen, wie es nicht funktioniert.

Mitte der 90er lief der Song „Mief“, den Sie mit den Doofen produziert haben, fast überall im Radio. Was denken Sie heute, wenn Sie diesen Song mal wieder hören?

Dann schmunzele ich, denke an diese Zeit zurück und daran, dass dieses Lied immer noch relevant ist (lacht). Mit dem Text können die Leute in 200 Jahren auch noch etwas anfangen.

Und drüber lachen …

Wahrscheinlich schon. Körpergeruch wird uns Menschen wohl noch eine Weile begleiten.

Um noch einmal auf Ihr Programm in Cochem zu sprechen zu kommen: Wer schreibt bei Ihnen die Einkaufszettel, und was steht da drauf?

Zunächst einmal habe ich sehr spektakuläre Einkaufszettel, weil ich mir zwischendurch mal Sütterlin beigebracht habe und immer wieder nach Möglichkeiten suche, das üben zu können. Außer beim Verfassen von Einkaufszetteln brauche ich meine Handschrift nicht mehr so oft. Wenn man einen Einkaufszettel von mir findet, meint man, man hätte einen Zettel aus dem Jahr 1910 in der Hand.

Und was steht drauf?

Im Normalfall sind es Zutatenlisten für Kochrezepte. Was ich sonst so für den Alltagsbedarf brauche, das weiß ich aus dem Kopf. Aber wenn ich etwas ganz Spezielles kochen will, schreibe ich mir die Zutaten vorher ab.

Worauf dürfen sich die Leute freuen, die Ihre Show in Cochem besuchen?

Das werden 90 Minuten, bei denen wir gemeinsam versuchen werden, uns einen Reim darauf zu machen, was auf diesen Zetteln steht. Selbstverständlich gibt es dabei immer wieder was zu schmunzeln. Man kann sich auf sehr ungewöhnliche Schreibweisen freuen.

Inwiefern ungewöhnlich?

Nun ja, nach 18 Jahren Sammlertätigkeit bin ich zu der Erkenntnis gelangt, dass es richtige und falsche Rechtschreibung gar nicht gibt, sondern nur individuelle Rechtschreibung.

Was haben Sie sich für Ihre Karriere als Nächstes vorgenommen?

Im Planen bin ich gar nicht so gut. Grundsätzlich möchte ich noch möglichst lange möglichst vielseitig tätig sein. Auch wenn ich alt und grau werde, möchte ich daraus noch etwas Publikumswirksames machen. Aber was in zehn Jahren ist, kann ich überhaupt nicht sagen. Im Wesentlichen habe ich mich daran gewöhnt, dass sich Improvisation immer wieder durchsetzt. Man wünscht sich A – dadurch tritt dann aber B ein. Das ist der Normalfall in meinem Leben.

Das Gespräch führte David Ditzer

Musiker und neugieriger Welterforscher

Wigald Boning wurde am 20. Januar 1967 in Wildeshausen bei Oldenburg geboren. Nach seinem Abitur wollte der Sohn zweier Bankkaufleute Musiker werden.

Bevor er seine Fernsehkarriere begann, veröffentlichte er diverse Tonträger, auf denen er Schlager-, Jazz- und Punk-Musik miteinander kombinierte. Von 1993 bis 1998 war er festes Ensemblemitglied der Show „RTL Samstag Nacht“. Mit Olli Dittrich bildete er musikalisch das Duo „Die Doofen“, das im Jahr 1995 mit der Single „Mief“ und dem Album „Lieder, die die Welt nicht braucht“ die Spitze der Charts eroberte. Von 2004 bis 2008 war er wissenschaftlicher Experte in der Sat 1-Show „Clever“. Anno 2013 gründete er ein eigenes Plattenlabel: „Hobby Musik“. dad
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